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Die Task Force für Volvo Gent wirft Fragen auf: Welche Zukunft hat Belgiens letzte Autofabrik?

Die Tatsache, dass eine politische Arbeitsgruppe unter der Leitung von Premierminister Bart De Wever (N-VA) die Zukunft von Volvo Car Gent untersucht, wirft Fragen und Unruhe hinsichtlich des letzten belgischen Autowerks auf. Wie konnte es so weit kommen? Und welche Vermögenswerte besitzt Volvo Gent heute noch? Volvo Car Gent ist eines der beiden europäischen Werke von Volvo Cars und eine Tochtergesellschaft der schwedischen Volvo Car Group mit Hauptsitz in Göteborg, die wiederum zur chinesischen Geely-Gruppe gehört.

Andreas Kockartz Stefan Grommen
Veröffentlicht:

Wie kam es, dass Volvo sich überhaupt in Gent ansiedelte?

Die schwedische Automarke Volvo erlebte in den 1960er-Jahren ein rasantes Wachstum. Sie besaß bereits ein Werk in Kanada, aber noch keins auf dem europäischen Festland. Volvos wurden jedoch bereits an verschiedenen Standorten in unserem Land montiert, unter anderem in Alsemberg in Flämisch-Brabant bei Brüssel. Die Schweden suchten gezielt nach einer europäischen Hafenstadt für den Bau eines neuen Werks. Dank geschickter Lobbyarbeit des Genter Stadtrats, aber auch dank der zentralen Lage und der guten Infrastruktur Belgiens, wurde Gent als Standort ausgewählt.

Am 28. Juni 1965 lief der erste Volvo, der 120 oder „Amazon“, in Gent vom Band. Das Werk produzierte über 16.000 Fahrzeuge. Zahlreiche weitere Modelle folgten. 61 Jahre später, nach der Schließung von Renault Vilvoorde, Opel Antwerpen, Ford Genk und Audi Brüssel, ist Volvo Car Gent das einzige verbliebene Automobilwerk in Belgien. Heute werden dort noch fünf Modelle gebaut oder montiert, die die Werkskapazität nahezu voll ausnutzen: XC40, EX30, EX40, EC40 und V60.

Wie ist es möglich, dass Volvo Car in Gent heute das einzige verbliebene Automobilwerk in Belgien ist?

Belgien war einst einer der größten Automobilhersteller Europas. Hohe Lohnkosten, fehlende Skaleneffekte, der schwierige Übergang zur Elektrifizierung und in den letzten Jahren auch die chinesische Konkurrenz veranlassten verschiedene Marken in den vergangenen 40 Jahren zur Schließung ihrer belgischen Werke. Volvo Car Gent konnte sich bemerkenswert gut behaupten.

Der Volvo "Amazon" wurde auch in Belgien gebaut

Der Produktionsstandort Gent hatte bisher den Vorteil, für eine kleine Automarke ein großes Werk zu sein, erklärt Roel Gevaers, Professor für Transportökonomie von der Universität Antwerpen (UAntwerpen): „Obwohl Volvo vor 16 Jahren vom chinesischen Konzern Geely übernommen wurde, produziert das Unternehmen seine Fahrzeuge für den europäischen Markt fast ausschließlich in den Werken in Gent und Göteborg. Das entspricht der langjährigen Strategie von Volvo, dort zu produzieren, wo sie auch verkauft werden. Bislang schien das auch zuzutreffen: Volvo verkaufte in Europa jahrelang rund 300.000 bis 350.000 Fahrzeuge. Das ist eine ideale Menge, um sie auf zwei Werke zu verteilen. Es gab kaum Überkapazitäten, wie es bei vielen anderen Autoherstellern der Fall war.“

Ein weiterer Trumpf, so Gevaers, ist die Tatsache, dass Volvo Car Gent seit Jahren immer mehr intern fertigt: „Das ist ein hervorragendes Beispiel für die Reintegration der Produktion. Andere Autohersteller in unserem Land - Audi, Ford- haben das vernachlässigt und sind dadurch zu reinen Montagewerken geworden, in denen Teile, die von Zulieferern gefertigt wurden, montiert werden. Bei Volvo hat man das geändert. Je mehr man selbst macht, desto schwieriger ist es natürlich, ein solches Werk zu schließen.“

Warum herrscht jetzt plötzlich Nervosität um Volvo?

Die Nachricht, dass eine Taskforce unter der Leitung von Premierminister Bart De Wever (N-VA) die Zukunft von Volvo Car Gent prüft, hat plötzlich Alarm ausgelöst. Müssen wir uns jetzt auch um dieses letzte belgische Autowerk Sorgen machen? Laut Gevaers gehen die Zweifel daran auf Volvos ehemaligen CEO Jim Rowan zurück: „Er glaubte fest an Volvos Wachstum, trotz des bereits gesättigten Automobilmarktes. Er ging davon aus, dass sich die Marke innerhalb von vier bis fünf Jahren fast verdoppeln könnte (von 700.000 weltweit verkauften Fahrzeugen auf 1,2 Millionen).“

Um dies zu erreichen, ließ er ein zusätzliches Werk in der Slowakei errichten. Dieses soll übrigens Ende des Jahres eröffnet werden. Ein bitterer Umstand: Volvos Absatz verbesserte sich im letzten Jahr überhaupt nicht - im Gegenteil, er ging zurück: „Durch die Eröffnung dieses brandneuen Werks sieht sich Volvo in Europa erstmals mit Überkapazitäten konfrontiert.“

Kann Volvo Gent also nicht mit diesem neuen Werk konkurrieren?

Genau das ist das Problem: Das neue Werk sowie das in Göteborg arbeiten bereits mit einer neuen Technologieplattform (SPA3 für Kenner). Vereinfacht gesagt: Die gesamte Karosserie eines Autos wird in einem einzigen Arbeitsgang aufgepresst. Dadurch müssen deutlich weniger Teile montiert werden, was den Arbeitsaufwand erheblich reduziert.

Kenner wissen bereits: Wird diese neue Technologie nicht auch in Gent eingeführt, können dort nur Modelle auf der klassischen Plattform gebaut werden. „Mir wurde gesagt, dass eine solche neue Technologieanlage zwischen 750 Mio. € und einer Mia. € kosten könnte“, so Gevaers: „Man fragt sich, ob Volvo diese Investition angesichts der bereits bestehenden Überkapazitäten tatsächlich tätigen wird.“ Da alle zukünftigen Elektromodelle voraussichtlich auf dieser neuen Plattform basieren werden, wirft dies ernsthafte Fragen hinsichtlich des Standorts Gent auf. Folglich ist auch die Politik aufgewacht.

Volvo Car früher
Volvo Car heute

Welche Vorteile bietet das Volvo-Werk in Gent denn jetzt noch?

„Zumindest zeichnet sich das Werk in Gent durch eine hohe Fertigungsqualität aus“, betont Gevaers: „Darüber hinaus ist der Standort besonders wichtig: Ein Großteil des Ökosystems rund um das Werk ist auf die Automobilindustrie ausgerichtet. Viele internationale Logistikrouten sind mit dem Werk verbunden. Das sollte man nicht unterschätzen: Es stärkt die Position des Werks.“

Der flämische Ministerpräsident Matthias Diependaele (N-VA) greift dieses Argument jetzt auch wieder auf. Gegenüber VRT NWS sagte er: „In der Slowakei fehlen die logistischen Kapazitäten, die Lage am Wasser, die Kontakte zu vielen Innovationsführern, Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie die Arbeitsproduktivität. Würde es nur um die Lohnkosten gehen, stünden wir tatsächlich nicht so gut da. Aber wir haben viele andere Stärken.“

Elektrifizierung?

Zusätzlich verweist UAntwerpen-Professor Gevaers auf die aktuellen Zweifel an der von Europa erwarteten umfassenden Elektrifizierung: „Der vorherige CEO ging noch davon aus, dass Volvo bis 2030 keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr bauen würde. Das ist überholt. Offenbar gibt es doch noch Potenzial für kleine Verbrennungsmotoren und Hybrid-Fahrzeuge.“

„Sollte sich das bewahrheiten, könnte Gent langfristig das einzige Werk werden, das Autos mit Verbrennungsmotoren in großem Umfang produzieren kann. Volvo Gent als eine Art flexibles Werk also. Man denke nur an das inzwischen geschlossene Audi-Werk in Brüssel: Dort wurden ausschließlich Elektromodelle für einen Markt gebaut, der noch nicht bereit dafür war.“ Es gibt also noch eine Zukunft für Volvo Gent, schlussfolgert Gevaers: „Sollte die neue Investition jedoch ausbleiben, besteht die Gefahr, dass Gent nur noch die alten Modelle bauen kann, bis dieser Markt zusammenbricht.“

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