Bis Ende des Jahres wissen wir, ob das Einstein-Teleskop der Region der Voeren in der flämischen Provinz Limburg gebaut wird. Das Projekt wird Milliarden kosten, aber es wird weit mehr sein als nur ein teurer Spielplatz für Physiker. Das Einstein-Teleskop wird einen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und innovationsfördernden Impuls geben. Der Kosmologe Thomas Hertog von der Katholischen Universität Löwen (KU Leuven in Flämisch-Brabant) und die Direktorin des Museums der Universität Gent (GUM, in Ostflandern), Marjan Doom, heben den einzigartigen gesellschaftlichen Wert dieses Milliardenprojekts hervor.
Ende des Jahres wird bekannt, ob das Einstein-Teleskop nach Flandern kommt, aber wofür wird es genutzt?
Das Einstein-Teleskop ist ein internationales Hightech-Wissenschaftsprojekt, das Gravitationswellen aus dem Universum auffangen und messen kann – jene „Kräuselungen“ im Raum-Zeit-Gefüge, die entstehen, wenn Schwarze Löcher oder Neutronensterne verschmelzen. Einige dieser Ereignisse ereigneten sich vor Millionen von Jahren. Doch weil dabei so viel Energie freigesetzt wird, sind selbst winzige Schwingungen noch messbar.
Diese Schwingungen oder Gravitationswellen sind so klein, dass wir sie weder sehen noch spüren können, aber sie sind dennoch da. Und sie durchdringen alles. Deshalb wird das Einstein-Teleskop tief unter der Erde gebaut, wo es möglichst wenige andere Vibrationen gibt und wo diese winzigen Schwingungen aus dem Weltraum nachgewiesen werden können. Hier erwiesen sich die Voeren als ideales Terrain.
Neue Erkenntnisse, an die bisher niemand gedacht hat
Durch die Messung dieser winzigen Gravitationswellen mit dem Einstein-Teleskop können Astronomen viel mehr „sehen“ als mit einem Weltraumteleskop wie dem von James Webb. Schließlich sind 90 % des Universums dunkel und unsichtbar - ein visuelles Teleskop ist dafür nutzlos. Das Einstein-Teleskop gibt Astronomen sozusagen einen zusätzlichen Sinn, um das Universum zu erforschen.
„Ich sehe darin die Geburtsstunde einer neuen Art von Astronomie“, sagte KUL-Kosmologe Thomas Hertog kürzlich dazu: „Eine Methode, die sich völlig von unserer bisherigen Betrachtungsweise des Universums in den letzten 400 Jahren unterscheidet - die Nutzung von Licht. Gravitationswellen ermöglichen es uns endlich, die dunkle, verborgene Seite des Universums zu erforschen.“ Wohin diese Messungen führen und welche Erkenntnisse sie liefern werden, weiß niemand. Genau das macht dieses Projekt so einzigartig.
„Es geht nicht um direkte Anwendungen, sondern darum, existenzielle Fragen zu stellen, ohne zu wissen, wohin sie führen werden“, so Hertog: „Die Messungen könnten zu einem viel besseren Verständnis des Kosmos führen, zu Erkenntnissen über die Jahre nach dem Urknall, aber genauso gut zu Erkenntnissen oder Ideen, an die derzeit noch niemand denkt.“
Ein einzigartiges Geschenk für zukünftige Generationen
„Mit dem Einstein-Teleskop suchen Wissenschaftler aktiv nach Wissen, Erkenntnissen und den fundamentalen Gesetzen der Physik. Und das ist einzigartig. So etwas geschieht nur einmal in der Menschheitsgeschichte. Und genau das erleben wir gerade“, sagt Hertog begeistert. Er betont, dass es sich um ein „neugiergetriebenes Projekt“ handelt, das nicht aufzuhalten ist, aber auch um eine „strategische Chance“, die weit über Physik, Wirtschaft und Beschäftigung hinausgeht: „Diese Geschichte hat viele Dimensionen und ist ein Geschenk für zukünftige Generationen.“
Für GUM-Direktorin Marjan Doom geht es nicht nur um die Erkenntnisse, die das Einstein-Teleskop letztendlich liefern wird, sondern um die Suche selbst, um die Förderung kontinuierlichen Forschens und kritischen Denkens: „Das sind Fähigkeiten, die Menschen nicht nur für wissenschaftliches Denken benötigen, sondern auch, um als Bürger in einer Demokratie fundierte Entscheidungen zu treffen.“
Hertog stimmt dem zu: „Die wahre Stärke liegt darin, dass es als Hebel für die gesamte Gesellschaft dienen kann.“ Es geht um Technologie, Innovation, Bildung und eine ganze Kultur, die in die Region kommt: „Die daraus resultierenden Auswirkungen werden in den Bildungseinrichtungen in ganz Flandern spürbar sein.“
Entscheidung Ende dieses Jahres?
Eine Entscheidung darüber, ob das Einstein-Teleskop in Belgien oder anderswo in Europa gebaut wird, wird voraussichtlich bis Ende 2026 fallen. Dabei kann sich die Nähe zum Dreiländereck, die Voeren liegen in der Euregio Maas-Rhein, als Standortvorteil erweisen, da das Projekt von Fachleuten und Universitäten aus Belgien, Deutschland und den Niederlanden unterstützt wird.



