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Die Zenne irgendwo in Anderlecht

Die Zenne, der Fluss, der unter Brüssel hindurch fließt

Die Zenne entspringt in Naast (Gemeinde Soignies in Wallonien) und mündet bei Zennegat (hinter Mechelen in Flandern) in die Dijle. Die Dijle wiederum fließt in die Rupel und nach etwa 100 Kilometern über die Scheldemündung in die Nordsee. In Brüssel verläuft die Zenne größtenteils unterirdisch, ist aber im Süden (nahe der Schleuse Anderlecht) und im Norden der Region (nahe der Kläranlage Brüssel-Nord) noch sichtbar.

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Die Zenne ist ein vom Regen gespeister Fluss mit stark schwankendem Wasserstand, der von der Niederschlagsmenge abhängt und zu Überschwemmungen führt. Um überschüssiges Regenwasser schnellstmöglich abzuleiten und die Ufer zu schützen, wurden im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Uferbefestigungen, Dämme und Durchlässe errichtet.

In Brüssel beispielsweise wird die Zenne durch zwei Betondurchlässe geleitet, die nur eine begrenzte Wassermenge durchlassen. Diese Struktur wirkt als Engpass mit Rückstaueffekt im Abschnitt oberhalb von Brüssel. Daher wird bei Hochwasser das überschüssige Wasser der Zenne in den nahegelegenen Kanal bei Lembeek und Anderlecht umgeleitet, bevor es Brüssel erreicht. Nach dem Durchfließen von Brüssel fließt es größtenteils aus dem Kanal zurück in die „natürliche“ Zenne bei Vilvoorde.

Infolgedessen tauschen Kanal und Zenne bis zu einem gewissen Grad auch Form und Funktion. Durch die Verrohrung der Zenne in Brüssel wird die unterirdische Zenne über viele Kilometer zu einem künstlichen und unnatürlichen Gewässer in Form eines Durchlasses. Der Kanal in Brüssel hingegen (den wir aufgrund der Verbindung mit dem Fluss Zenne-Kanal nennen) nimmt einen viel natürlicheren Charakter an und erfüllt alle Funktionen eines natürlichen Flusses. Kurz gesagt, die Zenne und der Kanal sind zwei Hauptwasserläufe eines einzigen Gewässersystems mit vielen Verbindungen.

Die Zenne vor der Kanalisierung in der Zeemtouwerstraat in Anderlecht

Die Kanalisierung der Zenne begann 1867

Die Kanalisierung der Zenne, sprich das Überdecken des Flusses, begann vor etwas mehr anderthalb Jahrhunderten, im Februar 1867. Das Projekt war nicht  uneingeschränkt erfolgreich, doch die anschließend angelegten Alleen und Plätze prägten schnell das Bild Brüssels. Die Probleme der Zenne schwelten schon seit vielen Jahren. Bei Starkregen trat der Fluss mitunter über die Ufer, und in Dürreperioden verwandelte er sich schnell in eine offene Kloake. Die Zenne wurde auch für Epidemien verantwortlich gemacht. Noch 1866 forderte ein Choleraausbruch rund 3.000 Todesopfer unter den Brüsseler Bürgern.

Eine umfassende Sanierung und Neugestaltung der Zenne war dringend notwendig, doch die Entscheidung verzögerte sich, bis Bürgermeister Jules Anspach schließlich den Entschluss fasste und sich für eine Überdachung entschied. Damit konnte er gleichzeitig das Gesicht der Unterstadt verändern. 

Die Zenne-Schleuse in Anderlecht (Foto: Visit Brussels)

Nur für die Bourgeoisie?

„Das Hochwasserproblem spielte eine Rolle, aber wichtiger war der Wunsch, die Bourgeoisie ins Stadtzentrum zu locken“, erzählte Roel Jacobs, Historiker bei Visit Brussels vor einigen Jahren: „Die Bourgeoisie hatte damals zwei Möglichkeiten. Viele französische Städte bauten ein neues Zentrum außerhalb der Altstadt. In Brüssel sahen man dies in gewissem Maße mit der Entwicklung des Leopoldviertels. Die andere Möglichkeit bestand darin, das mittelalterliche Stadtzentrum zu entfernen und durch moderne Alleen und Plätze zu ersetzen.“

Die Überdachung ist Teil einer Reihe von Großbauprojekten, die der jungen Hauptstadt mehr internationales Flair verleihen sollen, wie beispielsweise der Bau des Justizpalastes und des Jubelparks. Die neuen Alleen sollten zudem den zunehmenden Verkehr zwischen den schnell wachsenden Bahnhöfen im Norden und Süden der Stadt bewältigen.

Die Inspiration für diese groß angelegte Stadterneuerung stammte größtenteils aus Paris. Zur gleichen Zeit, unter Präfekt Haussmann und Kaiser Napoleon III., wurde dort ein Großteil der mittelalterlichen Stadt dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für breite Boulevards, monumentale Plätze und repräsentative Wohnhäuser zu schaffen. Der Brüsseler Plan des Architekten Léon Suys verfolgte ein ähnliches Ziel, wenn auch in deutlich kleinerem Maßstab. So waren die neuen Alleen beispielsweise nur halb so breit wie die meisten Pariser Boulevards.

„Es steckte auch eine militärische Strategie dahinter“, so Jacobs: „Man kann Kavallerie durch breite Alleen schicken.“ Der gesamte Plan spiegelte eine Idealvorstellung des damals herrschenden Bürgertums wider. Die Enteignung Tausender weniger wohlhabender Stadtbewohner und ihre Umsiedlung in andere Gebiete galten damals als akzeptabler Preis. Die arme Bevölkerung trug kaum zum städtischen Haushalt bei und war zudem noch nicht wahlberechtigt.

Arbeiter beim Bau des Zennetunnels 1940 in der Nähe des Brüsseler Bahnhofs Süd/Midi

Mehr als Tausend Arbeiter

Die Bauarbeiten dauerten fast fünf Jahre. Über tausend Arbeiter verdienten dort ihren Lebensunterhalt, und für den Bau der Gewölbe wurden sechzigtausend Ziegelsteine ​​pro laufendem Kilometer benötigt. An strategischen Punkten entlang der neuen Alleen entstanden öffentliche Gebäude wie die Zentralhallen (die für den Bau des Parkhauses 58 abgerissen wurden, das mittlerweile auch nicht mehr existiert), die Börse und der Südpalast.

Abwasserkloake

Die Verschmutzung der Zenne verschlimmerte sich, da der Fluss jetzt Teil des neuen Abwassersystems war. Die Kanalisierung erwies sich zudem nur lokal als Lösung für die Überschwemmungen der Zenne. Außerhalb des Pentagons (das Zentrum Brüssels innerhalb den Innenrings ist ein Fünfeck und wird auch im Volksmund so genannt) blieb der Fluss unberechenbar. Es war offensichtlich, dass eine umfassendere Lösung nötig war, die über das Stadtgebiet hinausging.

Erst 1930 begannen die Bauarbeiten an einem neuen Stahlbetonrohr. Auch im Nordviertel wurde der Fluss unterirdisch verlegt. Die Arbeiten wurden 1955 abgeschlossen. Der alte Durchlass ermöglichte später den Bau der Vor-Metro.

In den Industrie- und Gewerbegebieten am Kanal in Anderlecht kann man die Zenne noch entdecken

Wo kann man die Zenne heute noch sehen?

Im Kanalmuseum am Anderlechtsepoort können Besucher einen Blick auf die unterirdische Zenne werfen.

Im Hof ​​hinter dem ehemaligen Restaurant „Le Lion de Saint-Géry“ befindet sich ein Wasserspiel, das an einen alten Seitenarm der Zenne erinnert – allerdings handelt es sich dabei um eine Rekonstruktion. Wer den Fluss in seiner vollen Pracht erleben möchte, muss die Industriegebiete entlang des Kanals im Süden oder Norden der Region aufsuchen. Zwischen den Gewerbegebieten taucht die Zenne mehrmals auf, stets am rechten Ufer des Kanals Brüssel-Charleroi.

Dieser Kanal ist übrigens auch ein Teil der Zenne. Da die Kapazität der Durchlässe im Stadtzentrum begrenzt ist, wird ein Teil des Flusswassers in der Nähe von Lembeek und der Schleuse von Anderlecht in den Kanal geleitet. In Vilvoorde fließt ein Teil des Kanalwassers zurück in die Zenne.

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