Hunderte Schüler und Studenten versammelten sich am Donnerstagvormittag an der Universität Lüttich zu einem Protestmarsch in Richtung Bahnhof Guillemins. Die Polizei war massiv vor Ort, um die Lage zu überwachen. Es lag kein Verstoß gegen das Versammlungsverbot vor, denn die Behörden hatten diese Demonstration genehmigt. Inzwischen sind erste Zahlen von Verhaftungen während der eskalierenden Schüler- und Studierendendemos bekannt.
Trotz Versammlungsverbot wurde in Lüttich demonstriert – Fast 200 Festnahmen am Rande der Schülerproteste
Das Versammlungsverbot in Lüttich gilt bis Freitag, den 16. Oktober, 23:00 Uhr. Dies gab Bürgermeister Willy Demeyer (PS, frankophone Sozialisten) am Donnerstag bekannt. Der 16. Oktober ist der letzte Tag vor Beginn der Herbstferien in Wallonien.
Die lokale Polizei in Lüttich erhält Verstärkung von der Bundespolizei sowie von Einsatzkräften aus Gent, Hasselt und Antwerpen. Die Beamten sind mit Helmen, Schlagstöcken und Schienbeinschonern ausgerüstet. Auch zahlreiche Zivilpolizisten sind im Einsatz.
Die Polizei überprüft überall in Lüttich die Identität von Jugendlichen und ob sie den Justizbehörden bekannt sind. Einige Jugendliche werden auch durchsucht.
Lüttichs Polizeichef: „Die Gewalt nimmt täglich zu“
Jean-Marc Demelenne, der Polizeichef von Lüttich, beobachtet seit dem 1. Oktober „einen kontinuierlichen Anstieg der Gewalt, aber auch eine Zunahme der Zahl der Randalierer“. Seinen Angaben zufolge handelt es sich dabei um Personen, die nichts mit den Schülern und ihren Protesten zu tun haben. „Es gab Verletzungen unter den Polizisten, nicht unter den Randalierern“, fügt er hinzu. 43 Polizisten wurden bei Einsätzen verletzt.
Seit Donnerstag, dem 1. Oktober, hat die Polizei in Lüttich 194 Personen festgenommen. 158 Personen wurden in Verwaltungshaft genommen und nach maximal 12 Stunden wieder freigelassen. 36 Personen wurden in Untersuchungshaft genommen und es wurden Strafverfahren eingeleitet. Unter den 194 Festgenommenen befinden sich 114 Minderjährige.
In Lüttich haben Anwohner und Geschäftsleute nach Tagen von Gewalt und Zerstörung inzwischen die Nase voll von den anhaltenden Studentenprotesten in ihrer Stadt. „Es ist wie im Krieg“ und „Wir haben es wirklich satt“, ist zu vernehmen. Langsam schwindet hier das Verständnis für die Proteste der Schüler und Studenten.
Die Antifa reagiert bei der RTBF
In einem Interview mit unseren frankophonen Kollegen der RTBF reagierte Julien Doeche, ein Mitglied der Antifaschistischen Front Lüttich, auf die Anschuldigungen von Innenminister Bernard Quintin (MR, frankophone Liberale): „Der Minister sollte seine Fantasien und Behauptungen besser für sich behalten. Wir haben das Recht zu demonstrieren und politische Entscheidungen infrage zu stellen. Wir leben immer noch in einem demokratischen Staat mit Meinungsfreiheit.“
Minister Quintin behauptete, die Antifa manipuliere Kinder und Jugendliche, um gewalttätige politische Botschaften zu verbreiten. „Es ist seine Aufgabe, dafür Beweise zu liefern“, entgegnete Doeche.
Ministerin wünscht sich eine Anlaufstelle an jeder Schule
Die wallonische Bildungsministerin Valérie Glatigny (MR) möchte an jeder Schule eine Anlaufstelle einrichten, an der Schülerinnen und Schüler ihre schulischen Probleme mit ihrem Ministerium besprechen können. Glattigny traf sich am Mittwoch mit dem französischsprachigen Schülerkomitee (CEF). Die Ministerin wird den Vorschlag im Ministerrat der wallonischen Landesregierung erörtern.

