Zum Hauptinhalt springen
Umwelt & Klima
Energie

Rechenzentren, E-Autos und Wärmepumpen: Vier Großkraftwerke und 30 % Stromimporte nötig, um Belgiens Strombedarf zu decken

Der belgische Hochspannungs-Netzbetreiber Elia rechnet mit einem Anstieg des Stromverbrauchs um fast 60 % in den nächsten 10 Jahren. Besonders die steigende Anzahl von Elektroautos, energieintensive Rechenzentren und Wärmepumpen, die die Gasheizungen ersetzen sollen, treiben den Strombedarf in die Höhe. Um diesen Bedarf zu decken, ist die Leistung von vier Großkraftwerken erforderlich und Belgien wird 30 % seines Strombedarfs importieren müssen.

Luc Pauwels Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Bis 2034 werden die Rechenzentren in Belgien mehr als doppelt so viel Strom verbrauchen wie heute und damit die gesamte Jahresproduktion des größten Kraftwerks des Landes - der Kernreaktor Doel 4 - erreichen. Dies geht aus neuen Zahlen hervor, die von Elia veröffentlicht wurden.

Doch nicht nur die Rechenzentren belasten auf Dauer die Stromversorgung in Belgien. Auch die Heizungen, der Verkehr und industrielle Prozesse werden zunehmend elektrisch betrieben, um die globale Erwärmung zu verlangsamen.

Der Stromverbrauch steigt um fast 60 %

Der Hochspannungs-Netzbetreiber Elia veröffentlicht alle zwei Jahre seine Prognosen zum Stromverbrauch in Belgien. Der jüngste Bericht stammt vom Juni letzten Jahres. Darin skizziert Elia verschiedene Szenarien für unseren Strombedarf bis 2036.

Dieser Bedarf wird stark ansteigen. Aktuell liegt unser jährlicher Stromverbrauch bei rund 80,2 TWh (Terawattstunden = 1 Mia. Kilowattstunden (kWh)). Bei einem weiterhin normalen Wachstum würde dieser Verbrauch bis 2036 auf 128,3 TWh steigen. Das sind satte 48 TWh mehr als heute und mehr, als das gesamte Kernkraftwerksnetz in Belgien jemals produziert hat. In 10 Jahren werden wir also insgesamt fast 60 % mehr Strom verbrauchen als heute.

Industrie und Verkehr sind die größten Treiber

Das Wachstum konzentriert sich hauptsächlich auf die Industrie. Elia rechnet damit, dass die Industrie bis 2036 zusätzliche 19,9 TWh Strom benötigen wird, da sie fossile Brennstoffe zunehmend durch erneuerbare Energien ersetzt. Die zunehmende Verbreitung von Elektroautos, -transportern und -Lkw führt ebenfalls zu einem steigenden Stromverbrauch. Zusätzlich werden im Straßenverkehr in Belgien 14 TWh verbraucht.

Die viel diskutierten Rechenzentren werden bis 2036 voraussichtlich weitere 6,3 TWh Strom verbrauchen – zusätzlich zu den bereits vorhandenen 3,2 TWh.

Die Elektrifizierung des Wagenparks in Belgien erfordert deutlich mehr Strom

Auch Wärmepumpen treiben den Stromverbrauch in die Höhe. Obwohl sie mit Abstand die effizienteste Methode zum Beheizen von Häusern und zur Warmwasserbereitung darstellen, benötigen sie dafür Strom. In den nächsten 10 Jahren werden voraussichtlich weitere 4,7 TWh hinzukommen - von derzeit rund 1,5 Millionen Wärmepumpen auf über 3 Millionen im Jahr 2036.

Insgesamt senken diese Wärmepumpen jedoch unseren Energiebedarf, da eine Wärmepumpe problemlos 3 kWh Wärme aus 1 kWh Strom gewinnt. Gas- und Ölheizungen erreichen diesen Wert bei Weitem nicht. Aber auch sie benötigen Strom. Eine Wärmepumpe kann den jährlichen Stromverbrauch einer Familie problemlos verdoppeln.

Mehr Strom nötig, aber woher soll der kommen?

Eines ist klar: Belgien muss mehr Strom selbst erzeugen, vorzugsweise durch Wind- und Solarenergie. Doch bis 2036 werden zweifellos noch große Wärmekraftwerke, wie Gaskraftwerke und möglicherweise auch Kernkraftwerke, zum Einsatz kommen. Elia schätzt, dass wir zusätzliche Kraftwerkskapazitäten von 4.200 MW benötigen, um den steigenden Bedarf zu decken. Das entspricht der Leistung von vier sehr großen Kernreaktoren wie Doel 4.

Belgien wird auch immer mehr Strom importieren müssen. 2024 waren es 10 TWh, also etwa 12 % unseres Gesamtverbrauchs. 2036 wird dieser Wert voraussichtlich auf mindestens 26 TWh steigen. Das sind weit über 30 % des dann hierzulande benötigten Stromverbrauchs. Das ist eine außerordentlich hohe Importmenge. Und es wird nicht immer erneuerbare Energie sein, die wir aus dem Ausland beziehen müssen.

Auch die Wärmepunpen verbrauchen Strom

Niederländische Kohlekraftwerke

Letzten Sommer bekam einen Vorgeschmack davon: Diebeiden verbliebenen Kernreaktoren Doel 4 und Tihange 3  waren seit April wegen einer umfassenden Modernisierung außer Betrieb. Daher begann man, Strom hauptsächlich aus den Niederlanden und aus Frankreich zu importieren. Die Niederlande decken ihren Strombedarf vorwiegend mit Wind- und Solarenergie sowie mit ihren zahlreichen Gaskraftwerken und konnten die belgische Nachfrage damit nicht zu einem günstigen Preis decken.

Daraufhin beschlossen die niederländischen Stromerzeuger, ihre Kohlekraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen. Es stellte sich heraus, dass diese Belgien mit günstigerem Strom versorgen konnten als die extrem teuren Gaskraftwerke. Mitte August hatten die niederländischen Kohlekraftwerke bereits so viel Strom produziert wie im gesamten Jahr 2025.

Ein Großteil davon kam nach Belgien. Infolgedessen wurden unsere klimafreundlichen Klimaanlagen, Wärmepumpen und Elektroautos plötzlich mit Kohlekraft betrieben, was extrem klimaschädlich ist. Dies ist nur eine der vielen Ungereimtheiten in der belgischen Energiepolitik…

Datenzentren, wie das von Google in der Wallonie, verbrauchen ständig enorme Mengen an Elektrizität

Meistgelesen

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5