Während der Hitzewelle vom 18. Juni bis 1. Juli starben in Belgien 1.747 Menschen mehr als im Durchschnitt. Dies geht aus vom staatlichen wissenschaftlichen Gesundheitsamt Sciensano veröffentlichten Zahlen zur Übersterblichkeit hervor. Besonders in der Wallonie starben deutlich mehr Menschen als üblich. Laut Sciensano handelt es sich um die höchsten Sterberaten während einer Hitzewelle seit den ersten Analysen im Jahr 2000.
Übersterblichkeit - 1.747 zusätzliche Todesfälle während der Hitzewelle in Belgien: „Tödlichste Hitzewelle der letzten 30 Jahre“
In der vergangenen Woche war noch von 1.222 zusätzlichen Todesfällen zwischen dem 18. und 29. Juni die Rede, doch diese Zahlen waren vorläufig. Sciensano korrigierte diese Zahlen jetzt nach oben und berücksichtigt auch Todesfälle bis zum 1. Juli.
Wallonie besonders stark betroffen
Der Unterschied zwischen den Regionen in Belgien ist frappierend. In Flandern starben während der Hitzewelle 682 Menschen mehr als im Durchschnitt, in Brüssel 159. In Wallonien gab es nicht weniger als 919 zusätzliche Todesfälle. Das ist nicht nur ein erheblicher Unterschied in den absoluten Zahlen.
Prozentual gesehen gab es in Wallonien mehr als doppelt so viele sogenannte Hitzetote wie in anderen Regionen. In Wallonien starben 76 % mehr Menschen als im Durchschnitt. In Flandern waren es über 31 Prozent mehr Todesfälle. Der wallonische Gesundheitsminister Yves Coppieters (Les Engagés, frankophone Zentrumspartei) bezeichnet die Zahlen als „besorgniserregend“.
Für diese wallonischen Zahlen gibt es keine schlüssige Erklärung. Da das Epizentrum der Hitzewelle in Frankreich lag, waren die Ozonkonzentrationen in Wallonien höher, so Sciensano. Zudem ist die Lebenserwartung in Wallonien niedriger. Dies könnte bedeuten, dass die Bewohner dort anfälliger sind. Ob dies ebenfalls zu mehr Hitzetoten geführt hat, muss weiter untersucht werden.
Betrifft alle Altersgruppen
Sciensano betont, dass die Hitzewelle alle Altersgruppen betrifft. So gab es beispielsweise 280 zusätzliche Todesfälle in der Altersgruppe unter 65 Jahren. Speziell in Pflegeheimen starben im gleichen Zeitraum 498 Menschen mehr als üblich. Der tödlichste Tag war Samstag, der 27. Juni, mit 641 Todesfällen – mehr als doppelt so viele wie üblich.
Höchste Sterblichkeitsrate während einer Hitzewelle
Laut Sciensano handelt es sich um die höchsten Sterblichkeitszahlen während einer Hitzewelle seit Beginn der Analysen. Während einer früheren Hitzewelle vom 5. bis 12. August 2020 gab es 1.557 Todesfälle mehr als im Normalzeitraum. Obwohl diese Hitzewelle zwei Tage länger dauerte, war die absolute Übersterblichkeit geringer.
Auch relativ gesehen forderte die Hitzewelle vor zwei Wochen die meisten Opfer seit Beginn der Messungen im Jahr 2000. Insgesamt wurden landesweit 48 % mehr Todesfälle als im Durchschnitt gezählt. Sciensano erklärt, dass die Sterblichkeitsrate während keiner anderen Hitzewelle jemals so stark angestiegen ist.
Das war die tödlichste Hitzewelle der letzten 30 Jahre“
Toon Braeye, Epidemiologe bei Sciensano
„Es ist die tödlichste Hitzewelle der letzten 30 Jahre“, so das Fazit von Toon Braeye, Epidemiologe bei Sciensano: „Angesichts der jüngsten Hitzewellen hatten wir mit milderen Zahlen gerechnet. Doch die Hitzewelle, die wir gerade erlebt haben, war aufgrund der vielen aufeinanderfolgenden warmen Nächte einzigartig.“
Verstärkung des Personals bei der Notrufnummer 1733
Die sechs Gesundheitsminister aus Bund, Ländern und Regionen haben diese Woche das Vorgehen gegen die Hitzewelle erörtert. Sie schlagen eine Reihe zusätzlicher Maßnahmen für die Zukunft vor. So sollen beispielsweise lokale Behörden und Organisationen verstärkt Kontakt zu gefährdeten Personen, wie etwa alleinlebenden älteren Menschen, aufnehmen.
Die Minister betonen außerdem, dass die Notrufnummer 1733 für nicht dringende medizinische Hilfe verstärkt werden muss. Dies könnte die Anrufe beim Notruf 112 einschränken. Zuvor hatte Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke (Vooruit, flämische Sozialisten) Innenminister Bernard Quintin (MR, frankophone Liberale) kritisiert, da am Gewitterwochenende vom 27. und 28. Juni kein zusätzliches Personal im Notfallzentrum bereitgestellt worden war.
Wie wird die Übersterblichkeit in Belgien berechnet?
Die Anzahl der Todesfälle zwischen dem 18. Juni und dem 1. Juli wurde mit der durchschnittlichen Anzahl der Todesfälle im gleichen Zeitraum der letzten fünf Jahre verglichen.
Für die Sterblichkeitszahlen nutzte Sciensano das Nationale Sterberegister und Sterblichkeitsdaten von Pflegeheimen, die von Statbel (das ist das belgische Statistikamt) bezogen wurden. Sollten diese Daten später angepasst werden, können sich auch die Berechnungen zur Übersterblichkeit ändern.
Sciensano untersuchte, wie viele Menschen in den einzelnen Altersgruppen, Geschlechtern und Regionen über dem Durchschnitt starben. Darüber hinaus untersuchte das wissenschaftliche Institut die erwarteten Todesfälle im gesamten Land und verglich sie mit der tatsächlichen Gesamtzahl der Todesfälle.
Da die erwarteten Zahlen pro Kategorie von den erwarteten Zahlen für das gesamte Land abweichen, entspricht die Summe der zusätzlichen Todesfälle pro Kategorie nicht der Gesamtzahl der zusätzlichen Todesfälle.


