Die Heldentat dreier junger Widerstandskämpfer gegen den 20. Deportationszug nach Auschwitz ereignete sich nicht, wie bisher angenommen, in Boortmeerbeek, sondern in Haacht in Flämisch-Brabant. Dies behaupten zumindest die Historiker Koen Aerts und Nico Wouters, die mithilfe der Archive der Belgischen Staatsbahnen (NMBS/SNCB) einen Irrtum aufgedeckt haben wollen. Während des Zweiten Weltkriegs stoppten diese Widerstandskämpfer einen Zug mit über 1.600 Menschen an Bord, der nach Auschwitz unterwegs war. Dieses Ereignis, das jahrelang in Boortmeerbeek gefeiert wurde, entspricht demnach auf lokaler Ebene nicht der historischen Realität.
Historiker fanden heraus, dass der Angriff von Widerstandskämpfern auf den 20. Zug nach Auschwitz nicht in Boortmeerbeek, sondern in Haacht stattfand
Am 19. April 1943, gegen 22 Uhr, verließ der 20. Zug das Sammellager Kaserne Dossin in Mechelen in der Provinz Antwerpen, die heute eine Gedenkstätte und ein Museum ist. Diese ehemalige Militärkaserne diente den deutschen Besatzern als Durchgangslager für die Deportation von u.a. Juden aus Belgien in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
An Bord befanden sich 1.631 verhaftete und deportierte Personen. Der 20. Zug war auch der erste, in dem die Deportierten in geschlossenen Viehwaggons transportiert wurden, was jeden Fluchtversuch extrem erschwerte. Bis dahin erfolgte der Transport in die Vernichtungslager in Reisezugwaggons der dritten Klasse.
Eine rote Taschenlampe, drei Bolzenschneider und ein Revolver
In jener Nacht machten sich Youra Livchitz (25), Jean Franklemon (25) und Robert Maistriau (22), drei junge Widerstandskämpfer aus Brüssel und ehemalige Studenten der Freien Brüsseler Universität ULB (Université Libre de Bruxelles), mit ihren Fahrrädern vom Meiserplatz in Schaarbeek aus auf den Weg, um den Zug anzuhalten. Mit einer roten Taschenlampe (die ein Haltesignal darstellen sollte) gelang es ihnen, den Zug zum Halten zu bringen. Anschließend befreite das Trio 17 Gefangene mit Bolzenschneidern und einem Revolver. Dank eines weiteren und unabhängig hiervon Angriffs inklusive Sabotageakt konnten etwa 200 weitere Menschen aus dem Zug springen (siehe auch weiter unten).
Dieser Angriff stellt eine der außergewöhnlichsten Befreiungsaktionen während des Zweiten Weltkriegs dar, obwohl einige Historiker auch einen anderen Versuch erwähnen, einen Deportationszug in der französischen Region Ardèche zu stoppen.
Nicht in Boortmeerbeek, sondern in Haacht
Jahrzehntelang ging man davon aus, dass diese Rettungsaktion in der Ortschaft Boortmeerbeek in Flämisch-Brabant stattfand, wo jedes Jahr am 19. April Gedenkfeiern abgehalten werden und wo sich auch ein Denkmal befindet.
Doch nun scheint, dass der Zug tatsächlich einige Kilometer weiter in Haacht gestoppt wurde. „Wir haben herausgefunden, dass es einige Kilometer weiter passierte“, erklären die Historiker Nico Wouters und Koen Aerts, die den Fall für ihren Podcast „Weeral WO II“ (etwa „Schon wieder der Zweite Weltkrieg“) untersuchten. Nico Wouters ist Direktor des CegeSoma, das Studien- und Dokumentationszentrum für Krieg und zeitgenössische Gesellschaft des Belgischen Staatsarchivs, und Koen Aerts ist Professor für Geschichte an der Universität Gent.
Der Bericht des Lokführers
Die beiden Historiker konnten dank der Archive der belgischen Eisenbahnden tatsächlichen Haltepunkt des Zuges ermitteln. „Die Geschichte des 20. Zuges basierte lange auf den eher vagen Aussagen von Zeugen und Überlebenden. Es ist aber möglich, dass sie in der Nacht nicht genau sehen konnten, wo sie waren“, erklärte Nico Wouters.
„Im Zuge unserer Recherchen fanden wir ein Dokument des Lokführers, der nach dem Vorfall einen offiziellen Bericht verfassen sollte, in dem der genaue Ort des Geschehens angegeben ist. Daraus geht hervor, dass der Zug zwischen Wespelaar und Hambos in Haacht hielt.“
„Wir wissen immer noch nicht alles über den Zweiten Weltkrieg.“ Laut Nico Wouters verdeutlicht diese Entdeckung, dass immer noch neue Informationen über den Zweiten Weltkrieg ans Licht kommen: „Selbst 80 Jahre nach den Ereignissen ist es noch möglich, neue Informationen zu entdecken. Wir glauben oft, alles über den Krieg zu wissen, aber das ist eindeutig nicht der Fall.“
Zweiter Angriff
Kürzlich wurde außerdem entdeckt, dass der Zug an diesem Abend ein zweites Mal, etwas weiter in Korbeek-Lo, von einer Gruppe Widerstandskämpfer angehalten wurde. Diese hatten keine Verbindung zum Brüsseler Trio, verfolgten aber dieselbe Absicht. Leider scheiterte dieser Angriff. Der einzige bewaffnete Widerstandskämpfer, der daran teilgenommen hatte, wurde von den Deutschen erschossen, die anderen flohen. Rund 200 Gefangene nutzten diesen zweiten Halt jedoch zur Flucht.
„Das Denkmal kann in Boortmeerbeek bleiben“
Der Bürgermeister von Boortmeerbeek, Michel Baert (Samen voor Boortmeerbeek), ist der Ansicht, dass die Gedenkfeiern weiterhin in Boortmeerbeek stattfinden können und sieht keinen Grund dafür, das Denkmal zu versetzen: „Einer der Widerstandskämpfer, Robert Maistriau, hat selbst den genauen Ort des Vorfalls genannt. Aber unabhängig davon halte ich den Ort für nebensächlich. Wichtig ist, dass es geschehen ist. Und wir müssen, allen Widrigkeiten zum Trotz, weiterhin der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs gedenken.“


