Ein Anruf seines Parteivorsitzenden um 7 Uhr morgens, nur 2 Stunden vor der Vereidigung der Brüsseler Regierung: Plötzlich war der Bürgermeister von Ukkel, Boris Dilliès von den französischsprachigen Liberalen (MR) der neue Ministerpräsident der Region Brüssel. Niemand hatte mit diesem Namen gerechnet.
Porträt von Boris Dilliès, der neue Ministerpräsident der Region Brüssel
Aber auch, wenn sein Name nicht für die Funktion des Chefs der Brüsseler Landesregierung getippt wurde und Boris Dilliès wohl kaum über die Grenzen seiner Gemeinde im betuchten Brüsseler Süden hinausgeht, hat der 53‑Jährige viel Erfahrung.
Er ist seit fast zehn Jahren Bürgermeister von Ukkel und seit mehr als 20 Jahren Schöffe. Zwischen 2014 und 2018 war er außerdem Mitglied des Brüsseler Parlaments. Und schon als junger Mann arbeitete Dilliès in mehreren Brüsseler Kabinetten: von 1995 bis 2000 beim Staatssekretär Eric André, und von 2000 bis 2003 beim damaligen Brüsseler Ministerpräsidenten François-Xavier de Donnea.
Zwar wurde Dilliès in Ukkel geboren, doch die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er in Vence, im Süden Frankreichs. Sein Vater ist Franzose, und so besitzt Dilliès bis heute die doppelte Staatsbürgerschaft. Bereits mit acht Jahren entdeckte er seine Leidenschaft für Politik, wie er auf seiner Website erzählt: „Schon damals wollte ich die Wahlveranstaltungen von Jacques Chirac besuchen.“
Die Inspiration kam vom Großvater
Vor allem sein Großvater mütterlicherseits, der eng mit König Leopold III. und König Baudouin zusammenarbeitete, prägte den jungen Dilliès. Mit 15 Jahren und inzwischen wieder in Belgien wurde er Mitglied und bald Vorsitzender bei den Jungliberalen (Jeunes Réformateurs Libéraux).
Eric André als Mentor
Dilliès studierte Politikwissenschaft und internationale Beziehungen, kandidierte aber bereits mit 21 Jahren bei den Gemeinderatswahlen. In dieser Zeit begann er auch seine enge Zusammenarbeit mit Eric André – einem Mann, den er bis heute als einen seiner wichtigsten Mentoren bezeichnet. Auch sein späterer Chef, de Donnea, hinterließ Eindruck.
Berufliche Umwege, politische Kontinuität
Ab 2002 machte Dilliès einen beruflichen Abstecher: Er arbeitete beim Verlag Wolters Kluwer, war später für die Kommunikation des Cercle de Lorraine verantwortlich und wurde schließlich Dozent an der European Communication School.
Vom Bürgermeister zum Ministerpräsidenten
Der politische Durchbruch kam nach dem Tod von Eric André: Dilliès wurde 2005 Schöffe in Ukkel und blieb es auch in den folgenden Legislaturen. 2014 wurde er zudem ins Brüsseler Parlament gewählt, wo er den Vorsitz des Infrastrukturausschusses übernahm.
Sein Mandat gab er auf, als er Ende 2017 Armand De Decker als Bürgermeister von Uccle nachfolgen konnte. Lange überlegen musste er nicht, als es darum ging, der erste liberale Brüsseler Ministerpräsident seit 22 Jahren zu werden. „Es ist eine Ehre und eine große Herausforderung“, sagte er bei seiner Ankunft im Brüsseler Parlament.
Nun wird sich zeigen, ob er tatsächlich jene verbindende Rolle als „Coach“ und „Teamleiter“ ausfüllen kann, die im komplexen ideologischen Gefüge der Brüsseler Regierung erwartet wird.
Gegner von Good Move
Doch seine Vergangenheit lässt sich nicht einfach ausblenden. So war Dilliès stets Gegner einer Fusion der Brüsseler Polizeizonen – ein Projekt, das von der föderalen Regierung beschlossen und von seinem eigenen Parteikollegen Bernard Quintin umgesetzt wird. Bei der Abstimmung über den MR‑Beitritt zur föderalen Regierung enthielt er sich deshalb.
Auch der Mobilitätsplan Good Move von Ministerin Elke Van den Brandt (Groen), die auch in seiner Regierungskoalition sitzen wird, war nicht nach seinem Geschmack. 2023 präsentierte er ein eigenes Mobilitätskonzept, um die regionalen Pläne zu kontern. „Die Philosophie von Good Move werden Sie in Uccle nicht sehen“, sagte Dilliès damals.
Doch im vergangenen Jahr musste er eine juristische Niederlage einstecken: Das Brüsseler Regionalkollegium verurteilte ihn wegen des illegalen Entfernens von Fahrradbügeln auf einer Regionalstraße in Uccle. Das Gericht sprach von einer „umso schwerwiegenderen Verletzung der öffentlichen Ordnung, als sie von der Behörde selbst begangen wurde, die diese Ordnung schützen sollte“.
Neuer Ministerpräsident spricht kaum Niederländisch
Und sein Niederländisch? „Sehr schlecht“, räumt Boris Dilliès am Samstagmorgen ein – „aber ich arbeite daran.“ Dabei hatte er im Mai vergangenen Jahres mit einer provokanten Aussage für Aufsehen gesorgt: Ukkel solle sich Flandern anschließen, falls Brüssel eine Regierung mit der PTB bekomme.
„Flandern wird besser geführt, die Arbeitslosigkeit ist dort niedriger, und die Menschen fühlen sich sicherer“, erklärte er damals. Diese legitimen Ansprüche einer Bevölkerung wird der neue Ministerpräsident der zweisprachigen Region jetzt selbst erfüllen müssen.

