Irene Janztzky (1914-2005, Foto) ist eine völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratene Frau. Sie war Frau, die schon 1945, nur kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, deutschsprachigen Belgiern im Radio eine Stimme gab. Damals war dies etwas Besonderes, denn die deutsche Sprache war aufgrund der jüngsten Vergangenheit natürlich auch in Brüssel bzw. in Belgien eher umstritten… Dennoch gelang es Janetzky, ein Radioprogramm für die Minderheit in den damaligen Ostkantonen, zu gestalten und zwar aus dem ehemaligen Rundfunkzentrum am Flagey-Platz in Brüssel. Dieser besonderen Frau widmete BRF-Direktor Alain Kniebs ein Buch, dass im Grenz-Echo Verlag (GEV) erschienen ist.
Rundfunkgeschichte: Ein Buch über Irene Janetzky, die erste Radiostimme der Ostbelgier
BRF-Direktor Alain Kniebs hat dieser zu Unrecht fast vergessenen Pionierin der Radiolandschaft in Belgien eine Biografie gewidmet. Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Frau, die viel für die Medien in Ostbelgien bewirkte und deren Lebensweg nicht nur nationale, sondern auch und gerade ostbelgische Zeitgeschichte wiederspiegelt.
„Mich faszinierte die Frage, wie man ausgerechnet direkt nach der Besatzung und Annektierung durch Nazideutschland auf die Idee kommen konnte: Wir machen jetzt eine Radiosendung in deutscher Sprache“, sagte Autor und BRF-Direktor Alain Kniebs gegenüber der deutschsprachigen und ostbelgischen Tageszeitung Grenz-Echo, zu der auch der gleichnamige Verlag gehört. Das Buch trägt den Untertitel „Ein Leben im Zeichen des Belgischen Rundfunks.“ und dieser ist wörtlich zu nehmen.
Am 1. Oktober 1945 strahlte der Belgische Rundfunk (damals noch Radiodiffusion Nationale Belge) die erste Sendung in deutscher Sprache aus. Am Mikrophon stand die damals 31 Jahre alte Irene Janetzky, eine Frau, die auch den Ostbelgiern damals wohl eher unbekannt war. Sie hatte damals keine Redaktion und auch keine eigenen Techniker. Doch war diese erste und improvisierte halbstündige Sendung in deutscher Sprache aus dem Nationalen Rundfunkzentrum in Brüssel der Startschuss für das, was heute der inzwischen 80 Jahre alte „Belgische Rundfunk“ BRF ist, der seit langem schon aus der ostbelgischen Regionalhauptstadt Eupen sendet.
Ein turbulenter Lebensweg
Alain Kniebs zeichnet in seinem Buch „Irene Janetzky - Ein Leben im Zeichen des Belgischen Rundfunks“ ein Bild des turbulenten Lebenslaufs der Radiomacherin der ersten Stunde. Geboren 1914 in Duisburg, verlor sie ihren Vater im Ersten Weltkrieg. Sie wuchs in Malmedy in den Ostkantonen auf und war früh mehrsprachig und weltgewandt. Sie lernte Englisch in Eastbourne und Italienisch in Florenz.
Ihre Ehe mit einem Mann aus Flandern scheiterte und 1945, nach Kriegsende, stand sie alleine mit zwei Söhnen da. Sie suchte nach einem Beruf und einer Perspektive und fand diese beim Radio. „Débrouillez-vous - sehen Sie zu, dass Sie fertig werden“, habe ihr der damaliger Rundfunkdirektor Théo Fleischman gesagt, schreibt Alain Kniebs in seinem Buch. Irene Janetzky gab den Menschen in Ostbelgien nach dem Krieg mit ihren Sendungen (täglich um 18 Uhr 30) eine Stimme im Radio. Sie gab Nachrichten aus dem Inland, produzierte Unterhaltungs- und Musikprogramme für die Deutschsprachigen aus ihrem Brüsseler Studio.
Archivarbeit
Autor Alain Kniebs hat für sein Buch über Irene Janetzky viele Stunden in verschiedenen Archiven in Brüssel verbracht und stieß dabei auf Dokumente, deren Existenz nicht unbedingt vermutet wurden. So fand er im Generalstaatsarchiv in Brüssel die handgeschriebene Bewerbung von Janetzky für ihren so geschichtsträchtigen Job beim Rundfunk. Auch ihre maschinengeschriebene Vorschläge für deutschsprachige Sendungen aus dem gleichen Archiv konnte Kniebs sichten und auswerten.
In seinem Buch beleuchtet er aber auch die politischen Dimensionen der damaligen deutschsprachigen Sendungen. „Sie hat gekämpft wie eine Löwin“, so Alain Kniebs in einem Gespräch mit dem Grenz-Echo: „Vielleicht war sie keine brillante Journalistin, aber eine Brückenbauerin, die mit Erfolg für die deutsche Sprache und Kultur in Belgien geworben hat.“ Der BRF-Direktor bettet die Lebensgeschichte seiner Protagonistin laut Grenz-Echo in die großen Linien der Zeitgeschichte ein, z.B. Die schwierige Lage der damaligen Ostkantone nach 1945.
„Kein Denkmal, sondern eine Annäherung“
„Ich wollte kein Denkmal errichten, sondern eine Annäherung schaffen. Irene Janetzky war keine makellose Heldin, sondern ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Aber sie hat mit ihrem Durchhaltewillen ein Feuer am Köcheln gehalten, das in den ersten zehn Jahren nach dem Krieg leicht hätte erlöschen können,“ so Kniebs gegenüber dem Grenz-Echo. Er hat es mit diesem Buch geschafft, Janetzky aus der Vergessenheit zu holen. Dieses Buch zeichnet nicht nur den Lebensweg dieser frühen Journalistin, sondern auch belgische bzw. ostbelgische Mediengeschichte. Ohne diese Geschichte hätte der BRF wohl kaum die Bedeutung erlangen können, die er heute hat - weit über Ostbelgien bzw. die Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens hinaus.
Irene Janetzky liegt im Familiengrab ihres Stiefvaters Bernhard Willems in St.Vith, obwohl sie mit dieser ostbelgischen Stadt kaum biografische Berührungspunkte hatte. „Wenn man den Grabstein sieht, fragt man sich wirklich, wie sie dorthin kam“, so Alain Kniebs im Grenz-Echo zu seinem Buch. Umso wichtiger sei es nun, ihre Geschichte wieder ans Licht zu holen: „Ich fände es großartig, wenn irgendwann eine Straße in Eupen, Malmedy oder St.Vith nach ihr benannt würde. Damit sie nicht ganz verschwindet.“
Quellen: Grenz-Echo-Interview mit Alain Kniebs, BRF-Webseite (80 Jahre BRF), Gespräche mit dem Autoren
Alain Kniebs: „Irene Janetzky. Ein Leben im Zeichen des Belgischen Rundfunks“, Eupen 2025, erschienen im Grenz-Echo Verlag (GEV) - ISBN 978-3-86712-210-8. Info: www.gev.be . Am 20. November 2025, um 19 Uhr, findet eine Lesung im BRF-Funkhaus, Kehrweg 11 in 4700 Eupen (bei freiem Eintritt) statt: Alain Kniebs erinnert dabei an Irene Janetzky.

