Wissenschaftler der Universität Gent (UGent) haben das Gesicht einer adligen Frau aus dem 9. Jahrhundert rekonstruiert, bei der es sich um Judith von Flandern handeln könnte. Sie war die Matriarchin aller Grafen von Flandern. Die Rekonstruktion ihres Antlitzes ist Teil einer Untersuchung, die nach einer Folge der VRT-Fernsehreihe „Het Verhaal van Vlaanderen“ („Die Geschichte von Flandern“) wieder angelaufen ist. Die Ergebnisse sind nun in einer neuen Ausstellung in Gent zu sehen.
Ist das Judith von Flandern? Wissenschaftler aus Gent erwecken das Gesicht einer Adligen aus dem 9. Jahrhundert zum Leben
Anfang des Jahres gab die UGent bekannt, dass die Forschung im „Fall Judith von Flandern“ wieder aufgenommen wurden. In der dritten Folge der Reihe „Het verhaal van Vlaanderen“ konzentrierte sich Präsentator Tom Waes auf das frühe Mittelalter und begab sich nach Gent. Dort wurden vor fast 20 Jahren Skelette von sieben Menschen gefunden, bevor unter dem Sint-Pietersplein im Zentrum der ostflämischen Metropole eine große Tiefgarage gebaut wurde.
Während der Dreharbeiten tauchte eine alte Hypothese über eines der Skelette wieder auf. Es könnte sich um die Überreste von Judith von Westfranken handeln, einer Adligen aus dem 9. Jahrhundert, der Matriarchin aller Grafen von Flandern. Die alte Theorie wurde zusammen mit den sterblichen Überresten wieder hervorgeholt und mit modernsten Techniken untersucht.
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Das Ergebnis der Forschungen ist inzwischen in einer beeindruckenden Ausstellung in der Abtei St. Peter zu sehen, nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt, an dem die Skelette seit über 1.000 Jahren begraben sind.
Die Ausstellung führt die Besucher durch die Ausstellung und versucht Beweise zu liefern. „Ist das Gräfin Judith oder nicht?“ Den krönenden Abschluss bildet eine 3D-Gesichtsrekonstruktion, die die UGent in Auftrag gegeben hat.
„Wir haben jetzt alle modernen Techniken eingesetzt. Wir wissen noch nicht alles, aber wir wissen schon viel. Die DNA kann nicht genau sagen, welche Augen- und Haarfarbe die Frau hatte. Wir wissen, dass sie Krankheiten hatte, dass sie Backenzähne verloren hatte und graue Haare hatte. Sie hatte eine normale Statur, wir haben ein Modell erstellt, das auf der Dicke der Haut und des Gewebes zu dieser Zeit und in diesen Regionen basiert“, so Prof. Steven Vandeputten, der die Forschungen an der Genter Uni leitete.
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Auf der Grundlage all dieser Informationen und zusätzlicher historischer Forschungen wurde tatsächlich eine Rekonstruktion des Gesichts erstellt und zwar in insgesamt 9 Versionen - jede mit einer anderen Haarfarbe, Augenfarbe und anderen Merkmalen, über die die Wissenschaftler keine absolute Gewissheit haben. „Über die Kleidung, den Schmuck, die Frisur und das Make-up der damaligen Zeit ist nur sehr wenig bekannt“, sagte Vanderputten: „Wir haben aber Texte und einige Bilder gefunden. So waren wir in der Lage, eine Rekonstruktion zu erstellen.“
Es wurde eine Zusammenarbeit mit einem Labor in England vereinbart, das auch an polizeilichen Ermittlungen mitwirkt. „Wir sehen in der Simulation eine Frau mittleren Alters, mit Altersflecken, Krähenfüßen und ergrautem Haar. Es muss sich um eine stattliche Frau gehandelt haben, die auch Spuren eines intensiven Lebens aufwies“, so UGent-Professorin Isabelle De Groote: „Als sie zum Leben erwachte, in voller Montur mit Juwelen und Krone, war ich verblüfft. Das war eine Frau, zu der ich aufschauen würde.“
Judith von Flandern wurde in jungen Jahren verheiratet und an den englischen Hof geschickt. Sie wurde wieder geschieden, heiratete erneut und kehrte später zurück. Dann brannte sie mit der Liebe ihres Lebens durch und wurde so zur Matriarchin aller Grafen von Flandern. „Ich denke, man kann auch an der Rekonstruktion sehen, dass es kein Kätzchen war, das man ohne Handschuhe anfassen sollte“, so De Groote.
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Ist es nun Judith oder nicht?
Die Wissenschaftler können heute immer noch nicht zu 100 % sagen, dass es sich bei dem gefundenen Skelett um das von Judith von Flandern handelt. Die Ausstellung erklärt all diese Zwischenschritte und zeigt auch einzigartige historische Gegenstände aus dem frühen Mittelalter. „Wir haben eine Welt nachgebaut, in der diese Frau gelebt hat“, sagt Professor Steven Vanderputten.
„Es ist eine Zeit, mit der die Menschen gar nicht so vertraut sind. Hier erfahren sie etwas über Sitten und Gebräuche. Sind die Menschen damals gereist? Welche Gegenstände haben sie benutzt? Was haben sie gegessen? Welche Kleidung haben sie getragen? Ich habe auch selbst sehr viel gelernt.“
In der Ausstellung geben die Forscher ihre eigene Meinung zu der These Judiths wieder: „Wir fordern die Besucher auf, sich nach der Ausstellung eine eigene Meinung zu bilden. Was glauben sie selbst? Es bleibt eine offene Frage. Die Forschung ist jetzt erst einmal abgeschlossen.“
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Arbeit für zukünftige Forscher
„Zu jetzigen Zeitpunkt sind alle chemischen, wissenschaftlichen und DNA-Forschungen, die wir durchführen konnten, abgeschlossen. Wir haben auch Reserven von allen Proben eingelagert. Sie sind bereit für die Wissenschaftler der nächsten Generation. Mit neuen Techniken könnten unsere Nachfolger in 10 Jahren noch mehr herausfinden. Das Skelett kommt nach der Ausstellung ins Depot, für die Forscher der Zukunft“, so De Groote abschließend.
„Diese Geschichte hat ein offenes Ende. Bei den Ausgrabungen wurden sieben Skelette gefunden. Sie alle müssen im Mittelalter Menschen mit besonderem Status gewesen sein. Wir haben noch viele Fragen dazu. Ich hoffe, dass ich in einigen Jahren eine neue Ausstellung über all diese Menschen machen kann“, sagte Vanderputten.
Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Januar 2025 in der Abtei von St. Peter in Gent zu sehen. Info: Historische Huizen Gent, Sint-Pietersplein 9, 9000 Gent - https://historischehuizen.stad.gent/nl/sint-pietersabdij/tentoonstellingen/judith

