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Wissenschaftler und Historiker auf der Spur von Flanderns erster Gräfin Judith, die vor rund 1.000 Jahren lebte

Ein Team von Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachgebiete an der Universität von Gent (UGent) verbuchte jetzt erste Resultate bei der Suche nach der Geschichte von Judith, der ersten Gräfin von Flandern, die vor rund 1.000 Jahren im heutigen Flandern gelebt hat. Dabei wurden unter anderen die sterblichen Überreste einer Frau untersucht, die vor etwa 20 Jahren im Rahmen von archäologischen Ausgrabungen entdeckt wurden. Die Frage der Forscher lautete: „Ist das vielleicht Judith?“ 

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Der Frage, ob diese sterblichen Überreste, die vor rund 20 Jahren am Sint-Pietersplein im Zentrum der Altstadt von Gent ausgegraben wurde, vielleicht Gräfin Judith zuzuordnen sind, wurde bisher nicht wirklich konkret beantwortet. Doch jetzt beschäftigt sich ein sogenanntes „multidisziplinäres Team“ von Wissenschaftlern und Historikern der UGent mit dieser Frage und offenbar liegen diesbezüglich einige vielversprechenden Forschungsergebnisse vor.

Aller Anfang ist die archäologische Ausgrabung vor 20 Jahren in der Umgebung der Sint-Pieters-Kirche in Gent. Das damals entdeckte Skelett einer Frau ließ schon damals die Vermutung zu, dass es sich hierbei um eine wichtige Person handeln könnte, denn sonst hätte man sie nicht an einem so exponierten Ort beerdigt. Aber handelt es sich hier wirklich um Gräfin Judith von West-Franzien (lat. „Francia“)?

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

„Wir wissen noch nicht sicher, ob sie es ist, doch es liegen immer weniger Elemente vor, die das Gegenteil sagen“, so Steven Vanderputten, Professor für mittelalterliche Geschichte an der UGent. Als das Skelett vor 20 Jahren in Gent entdeckt wurden, sagten bereits zwei Wissenschaftler, dass dies die sterblichen Überreste von Judith von West-Franzien (Frankreich gab es damals noch nicht) sein könnten, doch diese These wurde bis heute nicht weiterverfolgt.

Doch Prof. Vanderputten ist sich sicherer denn je: „Es ging damals um eine eher mutige Hypothese, für die es bisher wenig Beweise gab. Nach der Ausgrabung sind lediglich Basisuntersuchungen durchgeführt worden.“ Doch nach der Ausstrahlung der VRT-Geschichtsreihe „Die Geschichte von Flandern“ im Fernsehen, kam die Idee auf, dem noch einmal nachzugehen.

Wer war Gräfin Judith eigentlich?

Die Geschichte beginnt im Europa des 9. Jahrhunderts, also im Mittelalter. Judith war die Tochter von Karl dem Kahlen, dem Enkel von Karl dem Großen und diese hatte ein abenteuerliches Leben. Sie wurde quasi zweimal von ihrem Vater zwangsverheiratet, doch ihre Männer starben jedes Mal früh. Als Karl der Kahle sie ein drittes Mal verheiraten wollte, ergriff sie gemeinsam mit die Flucht und zwar mit Balduin mit dem Eisernen Arm, dem ersten Grafen von Flandern.  

Das Paar herrschte über ein kleines Gebiet in einer „Ecke“ des Westfranzösischen Reichs, damals auch „Pagus Flandriensis“ genannt. Dieses Gebiet liegt quasi an der Basis dessen, was Flandern heute darstellt. Dass Judith direkt von Karl dem Großen abstammte, sorgte für eine gewisse Prominenz des Paares, dass zwei Söhne zur Welt brachte.

Und danach?

Mehr wisse man von ihr auf historischem Gebiet nicht, sagte Prof. Vanderputten heute. Sie sei nach ihrer Heirat mit Balduin im Jahr 864 aus der Geschichtsschreibung verschwunden und faktisch war der archäologische Fund ihres vermeindlichen Skelettes vor 20 Jahren das erste „Lebenszeichen“.

Das es sich dabei um Gräfin Judith gehandelt haben könnte, führen die Wissenschaftler, wie bereits erwähnt, auch auf den Fundort des Grabes zurück: „Die sterblichen Überreste wurden an einer Stelle gefunden, die eigentlich dem Adel vorbehalten war. Und es war bekannt, dass diese Person etwa im 9. Jahrhundert gelebt hatte“, so der UGent-Professor. Hinzu kommt noch die Feststellung, dass es sich dabei um eine Frau mittleren Alters handelte: „Das passt alles auf Judith von Frankreich.“

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Gen-Forschung und Karl der Große

Der Historiker bat einige seiner Kolleginnen und Kollegen der Universität darum, ihm bei den Nachforschungen zu unterstützen und so kam es, dass Knochen und Zähne des Skeletts unter heutigen wissenschaftlichen Aspekten untersucht werden konnten, wobei auch Gen-Forschung zum Zuge kam.

Alle möglichen Untersuchungen stellten fest, dass es sich bei dieser Person um jemanden handeln müsse, der seinerzeit durchaus privilegiert war und wiederum könnten die Ergebnisse der Forschungen auf Gräfin Judith passen. Gewissheit aber können nur DNA-Proben bringen. Und damit kommt die Kaiserstadt Aachen ins Spiel. Dort befinden sich im Dom Reliquien von Karl dem Großen, Judiths Urgroßvater. Aber ob es eine Möglichkeit geben könnte, hier DNA-Material zu bekommen oder zu entnehmen, ist eine ganz andere Geschichte…  

Karls-Büste im Dom zu Aachen

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