In diesem Sommer löst der flämische Regionalsender Radio2 jede Woche ein Geheimnis oder ein Rätsel mithilfe des Publikums und Sachkundiger. Hörerin Lisa Dewulf möchte herausfinden, wie ein Liebesbrief aus dem Zweiten Weltkrieg hinter der Wandtapete ihres Hauses in Dendermonde gelandet ist. Der Brief aus Leipzig, abgestempelt im Lager Sportplatz, war für eine Adresse in Molenbeek bestimmt und beginnt mit Mon petit coeur adoré ...
Mysteries van Vlaanderen: Wie und warum landet ein Liebesbrief aus Leipzig in Kriegstagen hinter einer Wandtapete in Dendermonde? (Teil 1)
Vor sieben Jahren kauft Lisa Dewulf ein Haus in Sint-Gillis, einem Stadtteil von Dendermonde in der Provinz Ostflandern: "Wir hatten uns sofort in das Haus verliebt, aber es musste renoviert werden. Freunde und Verwandte haben uns bei den kleineren Arbeiten geholfen, darunter das Abziehen der alten Tapete im ersten Stock. Das war viel Fummelei."
"Plötzlich sehen wir unter der Tapete im Kinderzimmer, das direkt an der Treppe liegt, einen Brief. In Augenhöhe war ein geöffneter Umschlag unter die Tapete geklebt. Wir sahen sofort Briefmarken mit Hitlers Kopf: ein Brief aus dem Zweiten Weltkrieg! Der mehrseitige Brief befand sich noch im Umschlag und war noch gut lesbar. Uns war schnell klar, dass das etwas Besonderes ist", erklärt Lisa Dewulf.
Dewulf hat den Brief gelesen und untersucht und auch andere Leute zu diesem Brief unter der Tapete gefragt, aber nur wenige Antworten bekommen. Deshalb hat sie Radio2 und die Redaktion der Sommerserie Mysteries van Vlaanderen um Hilfe gebeten.
Was der Brief verrät
Der Brief wurde am 25. Oktober 1943 geschrieben und per Einschreiben vom "Lager Sportplatz" in Leipzig, Deutschland, verschickt. Der Absender ist Jacques Triffaux, die Empfängerin Jeanne Biesemans in der Rue Jean-Baptiste Janssen 27 in Sint-Jans-Molenbeek.
"Es ist ein Liebesbrief, aber nicht an Jeanne Biesemans selbst, sondern an ihre Tochter Irène. Sie ist es, die von Jacques Triffaux Mon petit coeur adoré (mein geliebtes Herz) genannt wird und der er von seiner Sehnsucht und seinem Alltag erzählt, von der schweren Arbeit, den Schwierigkeiten mit der Postzustellung, dem Mittagessen (“Es gab Kalb mit Kartoffelpüree und einer guten Soße. Es hat mir geschmeckt …" und dem Abend im Café Wallon, den er mit Freunden verbracht hat …").
(Teil 2: Nebensstehender Beitrag)
Was Radio 2 herausgefunden hat
"Das Paar heiratete am 23. Juni 1943 und zog in das Haus der Eltern der jungen Frau im Brüsseler Bezirk Sint-Jans-Molenbeek. Jacques Triffaux hatte zuvor in Schaarbeek gewohnt, war aber ein gebürtiger Franzose aus Vichy", so teilte die Gemeinde mit.
Der Brief wurde vier Monate nach der Heirat verschickt der jungen Leute verschickt. Jacques Triffaux schreibt aus Deutschland, Irène ist in Molenbeek zurückgeblieben. Die Liebe ist noch jung, wie es scheint. "Ich vermisse dich mehr als gestern, aber weniger als morgen", schreibt Jacques. Es ist sein zweiunddreißigster Brief an seine Frau.
Die Adresse des Absenders lautet "Lager Sportplatz, Torgauerstraße 74, Leipzig".
Remco Bruijnje, der von der Geschichte auf VRT NWS erfuhr, kannte die Adresse: "Ich glaube, der Autor war in einem deutschen Arbeitslager. Auch meine beiden Großväter mussten während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeit leisten. Einer war auch in Leipzig, aber nicht an diesem Ort. Zwangsarbeit war damals üblich. Der Begriff 'Lager' wurde für Arbeitslager verwendet. Das Leben dort war hart, aber die Arbeiter konnten sich relativ frei bewegen und sogar etwas Geld verdienen. Es ist nicht mit einem Konzentrationslager zu vergleichen."
Im Archiv über zivile Opfer des Zweiten Weltkriegs (politische Gefangene, Widerstandskämpfer, Opfer von Bombenangriffen und Zwangsarbeiter) taucht keine Spur von Jacques Triffaux auf: "Das bedeutet, dass er nach dem Krieg keinen Antrag auf Anerkennung gestellt hat."
Schließlich kommt eine andere Akte ans Licht, aber auch sie enthält nicht sehr viele Informationen, außer mehrere Fragebögen, eine Beschreibung von Jacques und ein Ausreisedokument der Gemeinde Sint-Jans-Molenbeek.
Jacques Triffaux muss sich Anfang Juli zur Ausreise nach Deutschland melden. Mit einem ärztlichen Attest, das sich ebenfalls in der Akte befindet, kann er die Ausreise noch vier Tage hinauszögern. Am 8. Juli, zwei Wochen nach seiner Eheschließung, muss Triffaux in Schaarbeek den Zug nach Deutschland besteigen, wo er Zwangsarbeit leisten muss. Er ist damals 22 Jahre alt, und in den Dokumenten, die auf Französisch, Niederländisch und Deutsch abgefasst sind, wird ihm bescheinigt, dass er für schwere Arbeiten geeignet ist. Zwei Tage nach seiner Abreise arbeitet Jacques bereits in einer deutschen Fabrik.
Ob Radio 2 das Rätsel um den Brief hinter der alten Tapete lösen kann, lesen Sie in der Fortsetzung.

