Schon im April 2022 machten Archäologen, die die Bauarbeiten für die neue Brüsseler Metrolinie 3 begleiten, eine besondere Entdeckung. Im Bereich Zuid- und Stalingradlaan wurde seinerzeit ein Stück des historischen Stadtwalls entdeckt. Jetzt, ein Jahr später, ist der entsprechende wissenschaftliche Beitrag dazu in der Fachzeitschrift „Brusselse Cahiers “ erschienen.
Die Bauarbeiten an der Brüsseler Metrolinie 3 fördern Reste des alten Stadtwalls zutage
Die Bauarbeiten für die neue Metrolinie in der belgischen Hauptstadt haben dafür gesorgt, dass zum ersten Mal überhaupt einer der etwa 70 halbrunden Türme des historischen Stadtwalls ausgegraben werden konnten.
Vor dieser Entdeckung waren die einzigen sichtbaren Überreste der zweiten Stadtmauer von Brüssel die Hallepoort und eine Festungsmauer aus dem 17. Jahrhundert, die vor Jahrzehnten beim Bau der Metrostation „Hallepoort“ zum Vorschein kam.
Daneben fand man seinerzeit zwei, wie es damals hieß „relativ parallele Mauern“. Beide Fundstücke - die Festungsmauer und die Mauerteile - blieben die einzigen Überbleibsel, die jedoch durch später angelegte Anlagen quasi zerstört wurden. Das waren eine Öffnung aus Beton an der westlichen Seite der Metrostation und eine vor vielen Jahren aus Ziegelstein gebaute Abwasserleitung, die quer hindurch gezogen wurde.
(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)
Im 14. Jahrhundert erlebten die Brüsseler Wirtschaft und die Bevölkerung eine rasche Entwicklung, wodurch die Stadt größer wurde. Dies brachte den Bau der zweiten Stadtmauer mit sich. Vermutlich gaben die Schwierigkeiten, die Lodewijk van Male, der damalige Graf von Flandern, und seine Truppen bei der Verteidigung der Stadt bei den Erbfolgekriegen im Jahr 1356 hatten, den Ausschlag für den Bau dieses Walls, dessen Grundsteinlegung 1357 stattfand.
Dieser neue Stadtwall war 8 Kilometer lang, also rund doppelt so lang, wie die erste Mauer. Zu ihr gehörten etwa 70 halbrunde Türme, zwei runde Wachtürme, sieben Stadttore sowie zwei Schleusen an den Wasserläufen.
Obschon davon quasi nur noch die Hallepoort übrig geblieben ist, weisen viele Ortsnamen noch immer auf die früheren und längst verschwundenen Stadttore hin: Namsepoort, Leuvensepoort, Schaarbeekspoort, Lakensepoort, Vlaamsepoort und Anderlechtsepoort.
(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)
Von jedem dieser Stadttore ging ein wichtiger „Steinweg“ aus, also eine Landstraße, wie man es heute nennen würde. Im Laufe des 17. Jahrhunderts kam noch ein achtes Stadttor hinzu, die Oeverpoort. Dieses Stadttor sorgte dafür, dass der Kanal, der den neuen Brüsseler Binnenhafen mit der Schelde und der Rupen verband, in die Stadt fließen konnte.
Ende des 18. Jahrhunderts aber beschloss die damalige Brüsseler Stadtverwaltung, dass dieser Stadtwall für die Verteidigung der Stadt nicht mehr nötig sei, denn ihr militärischer Verteidigungsnutzen wurde in Frage gestellt. Im Zuge dessen wurden fast alle Stadttore abgerissen und nur die Hallepoort blieb bestehen, weil diese damals als Gefängnis diente. Aus dem Wall wurde eine Promenade, die damals eine schöne Aussicht einerseits auf die Stadt und andererseits auf das Umland bot.
(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)
Als Brüssel nur ein Jahrhundert später beschloss, wie in Paris einen großen Stadtboulevard anzulegen, verschwand der Stadtwall nach und nach und die weitere Urbanisierung der Stadt trug ihr Übriges dazu bei.
Es entstanden weitere Boulevards und neue Stadtviertel und nicht zuletzt brauchten auch die Industrie und der Hafen mehr Raum. Und der moderne Stadtverkehr mit König Auto und den immer weiter ausgebauten öffentlichen Verkehrsmitteln sorgten bei der Stadtmauer für den Gnadenstoß.
Zuletzt brachte die Weltausstellung „Expo 58“ einen völlig neuen Schwung in die Brüsseler Stadtentwicklung und der Bau der Metro und des Rings in Brüssel sorgte einmal mehr dafür, dass die belgische Hauptstadt ein neues Gesicht bekam. Jetzt allerdings sorgen die Arbeiten an der neuen Metrolinie 3 dafür, dass Teile der Geschichte der Stadt wieder zum Vorschein kommen. Die Arbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen. Es kann also durchaus passieren, dass die Archäologen noch mehr Spuren aus der Vergangenheit finden…



