Eine oberirdische Hochspannungsleitung in Westflandern ist die praktischste Lösung für das Ventilus-Projekt. Das geht aus einem neuen Bericht des deutschen Experten Dirk Westermann hervor. Damit bestätigt Westermann die Schlussfolgerung aus einem früheren Bericht. Bürgermeister und Bürgerinitiativen in Westflandern wollen keine oberirdische Hochspannungsleitung durch ihre Dörfer, weil sie u. a. Gesundheitsrisiken befürchten. Sie geben ihren Protest noch nicht auf.
Deutscher Experte zu Ventilus bestätigt: oberirdische Hochspannungsleitung in Westflandern ist am praktischsten
Die Ventilus-Hochspannungsleitung soll Energie aus den Offshore-Windparks an Land bringen und in das Stromnetz in Westflandern einspeisen. Die Hochspannungsleitung würde quer durch die Provinz verlaufen, von Zeebrugge bis Avelgem. Der Bau von Ventilus ist für die belgische Energieversorgung von entscheidender Bedeutung, doch seit Jahren protestieren Anwohner und lokale Behörden gegen das Projekt.
Die geplante Hochspannungsleitung hat eine Übertragungskapazität von 6 GigaWatt. Anwohner fürchten Gesundheitsrisiken durch Strahlungen. Unterstützt von ihren lokalen Behörden wollen sie die Hochspannungsleitung unterirdisch verlegen. Dadurch würde auch das Aussehen der Landschaft intakt bleiben.
Frühere Untersuchugen hatten bereits gezeigt, dass eine unterirdische Ventilus-Leitung technische Probleme mit sich bringen und die Versorgungssicherheit gefährden könnte. Eine oberirdische Leitung wäre stabiler. Wegen der anhaltenden Proteste ernannte die flämische Regierung einen ersten Sachverständigen. Dieser war in seinem Bericht zu der Schlussfolgerung gekommen, dass eine oberirdische Ventilus-Leitung tatsächlich die einzige praktikable Option ist.
5 Milliarden Euro teurer
Neben der Technologie und den Bedenken hinsichtlich der Gesundheitsrisiken sind auch die Kosten ein wichtiges Element in der Diskussion. Tatsächlich würde eine komplett unterirdische Ventilus-Leitung nach Angaben des Netzbetreibers Elia knapp fünf Milliarden Euro mehr kosten als die oberirdische Variante. Diese zusätzlichen Kosten würden auf der Rechnung der flämischen Bevölkerung landen. Und das ist schwierig, zumal die Energierechnungen schon heute spektakulär hoch sind.
Westermann: Technologie für unterirdische Leitung nicht reif
Trotzt dieser Bedenken hielten die westflämischen Bürgermeister und Bürgerbewegungen an ihrer Weigerung fest, sodass in Absprache mit der flämischen Regierung Anfang September vereinbart wurde, dass die Bürgermeister selbst einen neuen Sachverständigen vorschlagen können.
Dieser Experte wurde der deutsche Professor Dirk Westermann, dessen Bericht sich mit den früheren Schlussfolgerungen des Intendanten deckt: eine oberirdische Hochspannungsleitung in Westflandern ist die praktikabelste Lösung. Die Gründe dafür sind vor allem technischer Natur; es wäre die robusteste Lösung. Die Technologie, um Ventilus vollständig unterirdisch zu betreiben, gibt es derzeit nicht, so der Experte.
Bürgermeister und Bürger auch nicht vom Experten überzeugt
Am Montagabend trafen sich die Kabinettschefs der stellvertretenden Ministerpräsidenten mit Westermann, um seinen Bericht zu besprechen. Der flämische Innenminister Bart Somers bestätigte, dass der Bericht mit dem des ersten Sachverständigen übereinstimmt. "Was uns betrifft, sollte das Gespräch mit Bürgermeistern und Bürgern von nun an über die Voraussetzungen und die flankierenden und ausgleichenden Maßnahmen geführt werden", schrieb der liberale Politiker auf Twitter.
Bart Dochy (CD&V), Bürgermeister von Ledegem, ist dennoch nicht ganz überzeugt: "Wir stellen fest, dass eine unterirdische Leitung nicht als völlig unmöglich angesehen wird, aber dass die Technologie heute nicht vorhanden ist. In dem Bericht heißt es aber auch, dass unterirdischer Gleichstrom die Technologie der Zukunft ist, was uns ein wenig erfreut.”
Dochy bedauert, dass die "von den Bürgermeistern vorgeschlagene Alternative nicht gründlich geprüft wurde". Ähnlich klang am Dienstagmorgen die Reaktion eines Vertreters der Bürgerbewegungen.

