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"In der Klasse" von Jenny Montgny

Aus dem Schatten anderer, ins eigene Licht gerückt: Ausstellung in Gent feiert die Impressionistin Jenny Montigny

Das Museum für Schöne Künste (MSK) in Gent zeigt über 200 Gemälde, Zeichnungen und Drucke von Jenny Montigny. Sie war eine impressionistische Künstlerin mit scharfem Blick und einem großen Herzen für den Alltag. Montigny war eine Schülerin von Émile Claus, „aber sie muss nicht im Schatten anderer stehen“, so die Kuratoren des MSK.

Kristien Bonneure Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Jenny Montigny (1875–1937) wird oft in einem Atemzug mit Émile Claus genannt, dem impressionistischen Maler, dem das Museum für Bildende Kunst in Deinze kürzlich eine Ausstellung widmete, die nicht weniger als 120.000 Besucher anzog. Montigny war Schülerin und Geliebte von Claus. Diese Ausstellung möchte „die Qualität, Originalität und Vielseitigkeit von Montignys Werk unabhängig von ihrem Lehrer Claus zeigen, mit dem sie stets in Verbindung gebracht wird. Das Werk kann wirklich für sich selbst sprechen“, so Kuratorin Marjan Sterckx.

Montigny ist fasziniert vom Licht und vom Alltag“

Kuratorin Marjan Sterckx

„Wo Claus das Licht findet, findet Jenny Montigny Licht und Leben. Sie ist fasziniert vom Licht zu jeder Jahreszeit und zu jeder Tageszeit, aber auch vom Alltag um sie herum. Sie beobachtet dies aufmerksam und mit großem Einfühlungsvermögen,“ so Kuratorin Marjan Sterckx

Jenny Montigny hatte eine besondere Zuneigung zu der kleinen Schule in der Nähe ihres Zuhauses in Deurle bei Sint-Martens-Latem in der Provinz Ostflandern. Sie besuchte sie regelmäßig und zeichnete und malte oft die Kinder im Klassenzimmer, auf dem Spielplatz oder auf dem Schulweg.

„Es sind wundervolle Werke voller leuchtender Farben und Bewegung. Sehen Sie nur, wie das Mädchen da steht! Montigny malt mit Präzision und großem Wagemut. Sie versteht es meisterhaft, eine Pose einzufangen“, sagt Marjan Sterckx bewundernd.

Man kann das Gemurmel im Klassenzimmer hören“

Kurator Johan De Smet

Kinder tanzen ausgelassen im Kreis, aber auch die Kleinen in einem sonnendurchfluteten Klassenzimmer, beaufsichtigt von Nonnen in breiten weißen Kapuzen. „Sehen Sie das kleine Kind, das etwas müde ist und den Kopf auf die Arme stützt. Oder den Abakus, die Blöcke mit den Primärfarben. Und immer diese vollen Wangen.“ 

„Der Spielplatz im Sommer“ („Die Lesung“) von Jenny Montigny, 1923

Wer genau hinsieht, wird belohnt“

Kuratorin Marjan Sterckx

Aus der Ferne betrachtet wirkt die Szene klar, doch erst bei näherem Hinsehen wird Jenny Montignys Werk wirklich interessant. Man kann sehen, wie sie Farben mit ruhiger Hand auf überraschende Weise kombiniert. „Sie wird immer mutiger. Sie kann die Dynamik der Kinder mit einem einzigen Pinselstrich förmlich andeuten“, erklärt Kurator Johan De Smet.

Schulszenen waren für Jenny Montigny ‚das‘ zentrale Thema: „Niemand sonst, weder national noch international, hat dieses Thema so erforscht. Und sie fand es direkt vor ihrer Haustür.“ Sie muss sicherlich viel Zeit in der Schule verbracht haben, die übrigens noch heute existiert.

Jenny Montigny suchte und fand ihre Inspiration auch ganz einfach zu Hause. So schuf sie beispielsweise eine Reihe von Gemälden und Zeichnungen ihrer Haushälterin Zoë mit ihren kleinen Kindern. Montigny, selbst kinderlos, stellt Mutterschaft keineswegs idealisiert dar. Sie achtet auf die damit verbundene harte Arbeit. So gibt es beispielsweise ein bemerkenswertes Werk, in dem ein Kleinkind nicht gerade sanft abgewaschen wird.

Eine zärtliche Szene, doch die Spannungen zwischen den Klassen spiegeln sich wider“

Kuratorin Marjan Sterckx

Hinter dem Bild von Zoë, die ihren kleinen Sohn stillt, verbirgt sich eine schmerzliche Geschichte. „Wir wissen, dass die Haushälterin eigentlich nicht so posieren wollte, da sie es für unpassend hielt. Montigny bestand jedoch darauf. Es ist eine zärtliche Szene, die aber auch die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Klassen von Montigny und ihren Angestellten widerspiegelt.“

„Mutterschaft“ (Trinkendes Kind) von Jenny Montigny, 1927

Jenny Montigny stammte aus einer wohlhabenden Familie in Gent, besaß ein eigenes Haus und Atelier und liebte die Blumen in ihrem Garten. Im starken Kontrast dazu stehen die Drucke und Zeichnungen, die sie während des Ersten Weltkriegs in London anfertigte. In einem Krankenhaus porträtierte sie verwundete belgische Soldaten in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Fotografien. „Der Arztbesuch im King Albert’s Hospital“, London, von Jenny Montigny, 1918, Privatsammlung

Eine regelmäßige Besucherin des MSK

Jenny Montigny verbindet eine lange Geschichte mit dem Museum der Schönen Künste in Gent. „1892 erwarb die Stadt Gent das Gemälde ‚Die Eisvögel‘ von Emile Claus. Man erzählt sich, dass Jenny Montigny dieses Werk sah, völlig begeistert war und eine Karriere als Malerin anstrebte. Ob das stimmt, wissen wir nicht mit Sicherheit, aber fest steht, dass sie 1902 hier ihr Debüt gab, als sie im neuen Museumsgebäude ausstellte“, sagt Johan De Smet.

„Die Begonien“ (Der Gärtner) von Jenny Montigny, 1912–1913

1913 erwarb die Stadt Gent das Werk „Die Begonien“ von Jenny Montigny. Es zeigt Gärtner, die mit Gießkannen ein Feld voller Begonien im Hochsommer bewässern. Ein monumentales Gemälde voller Farbe und Licht. Die Ausstellung zeigt auch eine Vorstudie, auf deren Rückseite sie Folgendes notierte: „15. August, 18 Uhr. Der Moment des Malens war ihr von außerordentlicher Bedeutung“, sagt Johan De Smet. Als überzeugte Impressionistin versucht Montigny, den Lauf der Zeit und den Wandel des Lichts einzufangen.

Viele Werke aus Privatsammlungen

Montigny hatte keinen Grund, sich über das Interesse an ihrem Werk zu beklagen; sie stellte regelmäßig aus, auch im Ausland. Noch heute ist ihre Kunst bei Sammlern sehr beliebt. Zahlreiche Werke der Ausstellung stammen aus Privatsammlungen.

Und doch musste Montigny lange auf eine so große Retrospektive warten. Jahrelang stand ihre Beziehung zu Emile Claus im Mittelpunkt. Eine pikante Geschichte. Jenny Montigny, war sie nicht seine Schülerin und seine Geliebte? Diejenige, die nach seinem Tod immer wieder Blumen auf sein Grab legte, bis Claus’ Witwe ihn in ihrem privaten Garten umbetten ließ?

Jenny Montigny darf nicht im Schatten anderer stehen“

Kurator Johan De Smet

„Wir wissen nicht, wie die Beziehung zwischen ihnen war. Wir wollen darüber nicht spekulieren, da wir es nicht für relevant halten. Wir wühlen ja auch nicht im Liebesleben männlicher Künstler. Klar ist jedoch, dass Claus ihr sehr wichtig war“, sagt Marjan Sterckx.

„Die Werke sprechen für sich“, meint Johan De Smet. „Sie ist eine wirklich unabhängige Künstlerin; er hat sie nicht an die Hand genommen. Sie hat andere Themen, einen anderen Stil. Das dürfen wir nicht vergessen: Jenny Montigny war eine Künstlerin, die keinesfalls im Schatten anderer stehen sollte.“

„Jenny Montigny. Sonne und Leben“ bis 10. Januar 2027, Museum für Schöne Künste (MSK), Fernand Scribedreef 1, 9000 Gent: Info: www.mskgent.be

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