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William Kentridge im Bozar: „Das Absurde hilft uns, die Welt zu verstehen“

Das Brüsseler Kunstzentrum Bozar zeigt derzeit eine große Retrospektive des südafrikanischen Künstlers William Kentridge, die einen Überblick über mehr als vier Jahrzehnte seines Schaffens bietet. Die Ausstellung trägt den Titel I am not me, the horse is not mine und ist bis zum 7. März 2027 zu sehen.

Kristien Bonneure Martina Luxen
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Der heute 71‑jährige William Kentridge gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Südafrikas. Zu seinen Arbeiten gehören Zeichnungen, Animationsfilme, Skulpturen, Marionetten, Theater- und Opernbühnenbildern sowie Videokunst.

Die Ausstellung in Bozar erstreckt sich über rund ein Dutzend Säle und ist wie ein riesiges Skizzenbuch voller Ideen, Entwürfe und visueller Experimente aufgebaut.

Der künstlerische Leiter von Bozar, Christophe Slagmuylder, beschreibt Kentridges Arbeitsweise so: „Kentridge bringt Künstler, Ideen, Bilder und Inspirationsquellen zusammen. Collage und Montage sind wiederkehrende Elemente seines Werks.“

Alles beginnt mit einer Zeichnung

Trotz seiner Vielseitigkeit beginnt für Kentridge fast jede Arbeit mit einer Zeichnung in seinem Atelier. „Meine Ideen wandern von einem Medium zum anderen: von der Zeichnung zum Druck, dann zur Skulptur, zwischen Zeichnung und Theater. Die Form ist nie festgelegt – das ist ein wesentliches Merkmal meiner Arbeit.“

In der Ausstellung wurden sogar zwei seiner Ateliers nachgebildet, gefüllt mit Notizbüchern, Entwürfen, Zetteln und Alltagsgegenständen.

Kentridge verteidigt dieses kreative Chaos ausdrücklich: „Die Zeichnung weiß mehr als der Künstler.“ Und mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu, dass im Atelier die menschliche Unvollkommenheit weiterhin ihren Platz habe: „Hier kann die menschliche Dummheit noch triumphieren – anders als bei der künstlichen Intelligenz.“

Der 71jährige Kentridge auf den Stufen zu seiner Ausstellung im Bozar.

Politisches Engagement ohne Parolen

Kentridge stammt aus Johannesburg und wuchs während der Apartheid auf. Sein Vater gehörte zu den Anwälten, die späteren Präsidenten Nelson Mandela verteidigten.

Die politischen und gesellschaftlichen Fragen seiner Heimat prägen sein Werk bis heute.

Kurator Tarek Abou El Fetouh erklärt: „Die Ausstellung zeigt die politischen, sozialen und poetischen Dimensionen seines Engagements.“ Dennoch versteht sich Kentridge nicht als politischer Aktivist im klassischen Sinn. „Mein politisches Engagement findet in meinem Atelier statt. Dort versuche ich, die Welt zu verstehen.“

Er verweist dabei auf ein berühmtes Zitat des Schriftstellers Gabriel García Márquez: „Die revolutionäre Pflicht eines Schriftstellers besteht darin, gut zu schreiben.“

Für Kentridge bedeutet dies, dass Kunst nicht unbedingt auf Barrikaden entstehen muss, sondern auch in der stillen Reflexion des Ateliers politische Bedeutung entwickeln kann.

Warum das Absurde wichtig ist

Ein zentrales Motiv seines Werks ist das Absurde. Kentridge misstraut Menschen, die glauben, im Besitz absoluter Wahrheiten zu sein: „Die Welt ist ein Prozess. Veränderung steckt in allen Dingen. Wer absolute Gewissheit ausstrahlt, ist wirklich gefährlich.“

Seine Inspiration findet er unter anderem bei Nikolai Gogol (Die Nase) und Alfred Jarry (König Ubu). Gerade die Figur des König Ubu nimmt in der Ausstellung einen wichtigen Platz ein. Für Bozar schuf Kentridge neue monumentale Kreidezeichnungen, darunter eine Darstellung dieses grotesken Tyrannen (Foto unten).

Nach Ansicht des Künstlers hat die Figur bis heute erstaunliche Aktualität: „130 Jahre später ist sie immer noch die beste Darstellung eines Tyrannen, der sich selbst bemitleidet und gleichzeitig schamlos mit sich prahlt.“

Sogar den heutigen politischen Kontext zieht er dabei heran: „Wenn man das Leben von Donald Trump genau so erzählen würde, wie es tatsächlich verlaufen ist, würde man sagen, das sei eine Kopie von König Ubu.“

Der Künstler sieht in Donald Trump eine Kopie von König Ubu.

„Das Absurde ist kein Rückzug aus der Welt“

Für Kentridge dient das Absurde nicht der Flucht vor der Realität. „Das Absurde hilft nicht dabei, der Welt zu entkommen – es hilft dabei, sie zu verstehen.“

Gerade während der Apartheid habe er erlebt, wie politische Systeme selbst absurd, grausam und widersprüchlich sein können. Deshalb nutzt er Ironie, Groteske und Widersprüche als Mittel, um Machtstrukturen sichtbar zu machen und komplexe gesellschaftliche Themen verständlich werden zu lassen.

Praktische Informationen

Die Ausstellung I am not me, the horse is not mine von William Kentridge ist im Bozar in Brüssel noch bis zum 7. März 2027 zu sehen.

Als „Ehrengast der Saison“ gestaltet der südafrikanische Künstler darüber hinaus ein umfangreiches Begleitprogramm mit Filmvorführungen, Konzerten, Vorträgen und weiteren künstlerischen Projekten.

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