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Andy Warhol in der Factory am 1. Januar 1968

Keine farbenfrohe Siebdrucke: Eine Ausstellung in Gent zeigt Andy Warhol von einer anderen Seite

In der Herbert Foundation in Gent wird derzeit einzigartiges Archivmaterial des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol ausgestellt: Bücher, Poster, Zeitschriften und eine ganze Reihe experimenteller Filme. Damit bietet die Stiftung eine spannende Momentaufnahme des kreativen New York der 1960er-Jahre - von der berühmten Banane auf einer Schallplatte von The Velvet Underground bis hin zu stundenlangem Stummfilmmaterial des Empire State Buildings.

Kristien Bonneure Andreas Kockartz
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Eine Dose Campbell's Tomatensuppe oder das Porträt von Marilyn Monroe: Andy Warhol (1928–1987) ist berühmt für seine farbenfrohen Siebdrucke, die in vielen Museen zu sehen sind und unzählige Male gedruckt wurden. In Gent lässt sich eine andere Seite des Künstlers entdecken: seine kreativen Druckgrafiken und seine innovativen Filme.

Dieses Archivmaterial stammt aus der Sammlung des Sammlerehepaars Annick und Anton Herbert (siehe weiter unten in diesem Artikel) und die Filme sind Leihgaben des Andy Warhol Museums in Pittsburgh, USA.

„Annick und Anton Herbert waren von Warhol und insbesondere von seiner radikalen Haltung gegenüber dem konservativen Kunstklima fasziniert. Das zeigt sich hier in einer Vielzahl von Büchern, Postern, Drucksachen und auch in der von ihm gegründeten Zeitschrift ‚Interview Magazine‘“, sagte Laura Hanssens, die Direktorin der Herbert Foundation gegenüber VRT NWS.

Andy Warhols legendäre Banane erschien auch auf dem Cover des Debütalbums von The Velvet Underground

Die in Gent zu entdeckenden Drucksachen sind sehr vielfältig: ein Pop-up-Buch, aus dem – wieder einmal – eine Tomatendose oder eine Ritterburg hervorspringt, Kataloge, Ausstellungsplakate mit berühmten, provokanten Zitaten von Warhol: „Ich mag langweilige Dinge“ oder „Ich lese nie, ich schaue mir nur Bilder an.“ Und auch sein visionärer Slogan: „In Zukunft wird jeder für 15 Minuten berühmt sein.“

Die Factory: Kreativer Bienenstock

„Bewusst ungeplant“ war Warhols Arbeitsweise, sagt Laura Hanssens. „Ich denke, Warhol forderte das Medium ständig heraus und hatte eine Arbeitsweise, bei der er sich scheinbar in den Hintergrund stellte. Das Werk entstand von selbst. Die Factory spielte dabei eine sehr wichtige Rolle, sein Studio, in dem er sich mit Künstlern, Musikern, Tänzern und ‚Superstars‘ umgab, die alle auf ihre Weise zu seinem Werk beitrugen.“ Doch dafür erhielten sie nicht immer die Anerkennung, die ihnen zuteilwurde.

„A“, ein „Roman“ von Andy Warhol aus dem Jahr 1969

Die Kapitelüberschriften in dem Buch „A“ (oder ist es ein Roman?) sind aufschlussreich: „Drag Party“ oder „Sugarplum verhört Drella“. Drella, eine Kombination aus Dracula und Cinderella, war Andy Warhols Spitzname. Die beiden Ex-Velvet-Underground-Musiker Lou Reed und John Cale, zwei Stammgäste der Factory, nahmen nach Warhols Tod übrigens ein ihm gewidmetes Album mit dem Titel „Songs for Drella“ auf.

Die Factory war überhaupt der Treffpunkt der Band The Velvet Underground, zu der neben Lou Reed und John Cale auch die deutsche Sängerin Nico gehörte. Sie sang den Song „All Tomorrow’s Parties“, der auch der Titel der Ausstellung in Gent ist. Für das Debütalbum von The Velvet Underground aus dem Jahr 1967 entwarf Andy Warhol das legendäre Cover mit der Banane, das ebenfalls in Gent zu bewundern ist.

600 Filme in 6 Jahren

Die bunte Truppe der Factory findet sich auch in Andy Warhols Filmen wieder. Zwischen 1963 und 1968 drehte Warhol sage und schreibe 600 (!) Filme. 22 davon werden in den kommenden Monaten in Gent gezeigt, wobei die Filme regelmäßig ausgetauscht werden.

Darunter sind auch 13 „Screentests“, kurze Porträts bekannter Persönlichkeiten aus der Factory. Bob Dylan, Lou Reed, Nico, die Schauspielerin Edie Sedgwick, der Künstler Marcel Duchamp oder die Schriftstellerin Susan Sontag: Man sieht sie alle in Zeitlupe. Der eine blickt verlegen in die Kamera oder schaut an ihr vorbei, während der andere sich selbstbewusst eine Zigarette anzündet. Warhol drehte etwa 400 dieser „Screentests“.

Stillfoto aus dem „Screentest“ mit der Sängerin Nico, 1966

„In diesen frühen Filmen spielt Warhol mit der Zeit“, erzählt Laura Hanssens: „Die Filme wurden mit 24 Bildern pro Sekunde gedreht, aber mit 16 Bildern pro Sekunde abgespielt. Dadurch entsteht eine Verlangsamung und ein traumähnlicher Charakter.“

Der Film „Empire“ ist extrem langsam. Warhol filmte darin das berühmte Empire State Building in New York von 20 Uhr abends bis 3 Uhr nachts: „Man sieht ganz langsam, wie die Nacht hereinbricht und die Lichter der Stadt angehen. Ansonsten passiert eigentlich nichts. Es ist eine Verlangsamung und Stille, die den Zuschauer auch heute noch herausfordert.“ Und das 485 Minuten lang. 

„Empire“ von Andy Warhol, 1964. Foto: VRT-Archiv

In anderen Filmen wie „Camp“ wird das kaum organisierte Chaos der Factory in einer Talentshow mit Poesie und Gesang dargestellt. Direkt und ungeschliffen, amateurhaft inszeniert. „Der Ton ist furchtbar, die Technik grauenhaft, aber die Leute sind fantastisch“, sagte Andy Warhol zu Lebzeiten zu diesem Streifen. Die Filme erinnern stark an die unübersichtlichen Videos, die man heute in den sozialen Medien sieht...

Warhol drehte seine Filme in einer Zeit, als in der amerikanischen Filmindustrie strenge Zensur herrschte. Es war nicht einfach, die Kopien zu zeigen. Die Polizei führte regelmäßig Razzien durch und beschlagnahmte die Filmrollen. In Europa herrschte mehr Offenheit, beispielsweise auf Filmfestivals. Plakate dieser Festivals sind auch in Gent zu sehen. 

Ich hoffe, die Menschen entdecken einen anderen Warhol, einen, der verschiedene Medien radikal und humorvoll einsetzt“

Laura Hanssens, Direktorin der Herbert Foundation

Was macht den Reiz all dieser Warhol-Werke aus?

„Ich hoffe und glaube, dass die Menschen einen anderen Warhol entdecken werden als den, den sie kennen. Hier werden keine Pop-Art-Werke gezeigt, keine Siebdrucke. Man sieht einen Warhol, der verschiedene Medien auf interessante, radikale Weise und mit viel Humor erforscht. Er fängt eine New Yorker Atmosphäre ein, die von unglaublicher Kreativität zeugt und dadurch auch eine inhärente Zerstörung in sich birgt. Ein ungemein faszinierendes historisches Dokument“, so Laura Hanssens.

Plakat für einen Horrofilm von Andy Warhol

Die Herbert Foundation

Auch der Ausstellungsort ist etwas Besonderes: die Herbert Foundation, ein weitläufiges Anwesen im Herzen von Gent. Hier finden Wechselausstellungen in einer ehemaligen Dampfmaschinenfabrik aus dem 19. Jahrhundert statt – aktuell mit Werken von Andy Warhol. Die Sammlung zeitgenössischer Kunst des verstorbenen Ehepaars Anton und Annick Herbert ist in einer ehemaligen Rahmenfabrik aus dem Jahr 1920 ganze in der Nähe untergebracht.

„Sie begannen ihre Sammlung in den frühen 1970er-Jahren und verfolgten rund 30 Jahre lang intensiv das Schaffen von etwa 45 Künstlern ihrer Generation, sowohl national als auch international. Anfangs vor allem Konzeptkunst, Minimal Art und Land Art, später dann die jüngere Generation wie Jan Vercruysse. Auch Marcel Broothaers begleiteten sie von Anfang an. Es verband sie eine enge Freundschaft mit ihm“, erzählt Laura Hanssens, die Direktorin der Herbert Foundation.

Es war der Wunsch von Annick und Anton Herbert, ihr Lebenswerk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“

Laura Hanssens, Direktorin der Herbert Foundation

Das Ehepaar Herbert hatte keine Kinder. Einmal verkauften sie einen Teil ihrer Sammlung, um die Herbert Foundation zu gründen und so die Zukunft zu sichern, so Hanssens weiter: „Wir sind für die Pflege der Sammlung und des Archivs verantwortlich. Die Sammlung ist vollständig, aber das Archiv kann noch erweitert werden. Außerdem war es ihr Wunsch, ihr Lebenswerk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“

Es handelt sich um eine private Sammlung zeitgenössischer Kunst: „Der Zugang war nur in Ausnahmefällen möglich. Seit 2013 gab es Wechselausstellungen und seit einigen Jahren kann man auch die ständige Sammlung besichtigen. Viele Werke wurden von den Künstlern selbst in den Räumlichkeiten installiert.“

Die Räumlichkeiten sind die riesigen, weiß gestrichenen Werkstätten der ehemaligen Fabrik. Auf vier Etagen bietet die Kunst viel Raum, von den Datumsbildern von On Kawara über die gewaltigen Stahlkonstruktionen von Donald Judd bis hin zu den geometrischen Skulpturen von Sol LeWitt.

In den Hallen standen Stühle zum täglichen Betrachten der Kunstwerke bereit“

Laura Hanssens, Direktorin der Herbert Foundation

Die Wohnräume der Herberts in derselben ehemaligen Fabrik blieben spartanisch eingerichtet: „Dort wurde keine Kunst ausgestellt. Für sie hatte Kunst keine dekorative Funktion, sondern verdiente einen Raum, der ganz im Dienste der Kunst stand. Als sie hier lebten, standen in den Fluren an verschiedenen Stellen Stühle, damit sie ihre Kunst jeden Tag aufs Neue betrachten konnten.“

Die ständige Sammlung und die Wohnräume können nur sonntags nach Voranmeldung und mit Führung besichtigt werden. Ein besonderes Highlight ist das ebenso spartanisch eingerichtete Gästezimmer. Während Jan Hoets berühmtem Kunstprojekt „Chambres d’amis“ von 1986 wurde der Raum von Daniel Buren mit Streifen bemalt. Das Werk trägt den Titel „Le décor et son double“. Die gespiegelte Version ist derzeit im S.M.A.K. in Gent zu sehen.

Die Ausstellung „All tomorrow’s parties“ mit Filmen und Drucken von Andy Warhol ist noch bis zum 27. Juni 2027 in der Herbert Foundation in Gent zu sehen, jeweils freitags-, samstags- und sonntags nachmittags. Die ständige Sammlung kann nur sonntagnachmittags und nach vorheriger Anmeldung besichtigt werden.

Herbert Foundation, Coupure Links 627 A, B-9000 Gent. Info: herbertfoundation.org

Eine geometrische Installation von Sol LeWitt in der Herbert Foundation

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