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In den 1970er Jahren war die Mode auch bei Bahnreisenden fescher

„Röcke zu weit, Hüte zu hoch“: Eine Ausstellung in der Train World präsentiert 200 Jahre Mode im Zug

Von zu weiten Reifröcken und zu hohen Hüten am Waggoneingang bis hin zu geschlechtsneutralen Röcken für Eurostar-Mitarbeiter: Die Mode rund um die Eisenbahn hat in knapp zwei Jahrhunderten eine enorme Entwicklung durchgemacht. Genau hier setzt die neue Ausstellung „Fashion & Trains“ im belgischen Eisenbahnmuseum Train World in Schaarbeek/Brüssel an.

Lisa Lefèvre Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Der erste Zug in Belgien fuhr 1835 zwischen Brüssel und Mechelen und war damals noch der Elite in ihrer elegantesten Kleidung vorbehalten. Im Laufe der Jahre musste sich die Mode den schmalen und niedrigen Waggons anpassen. Auch die Handtasche erfreute sich dank des Zuges großer Beliebtheit, nicht zuletzt dank des belgischen Luxushauses Delvaux. Seit der Gründung der Nationalen Eisenbahn- und Transportgesellschaft (NMBS/SNCB) im Jahr 1926 haben sich die Uniformen deutlich weiterentwickelt. So durften Frauen beispielsweise früher nicht als Zugbegleiterinnen arbeiten. Train World erzählt all dies und vieles mehr in einer wunderschönen Ausstellung.

Mode im Laufe der Zeit

Wer heute in einen Zug steigt, zieht sich in der Regel nichts Besonderes an. Jeans, Turnschuhe und Jacke oder Mantel genügen. 1835 sah das ganz anders aus. „Als in jenem Jahr der erste Zug in Belgien zwischen Brüssel und Mechelen unterwegs war, war eine Zugfahrt noch ein besonderes Ereignis“, sagt Thierry Denuit, Direktor und Leiter der Abteilung Kulturerbes von Train World: „Und wer sich eine Fahrkarte leisten konnte, wollte auch im Zug gesehen werden.“ Eine Zugfahrt bot die Gelegenheit, die neueste Mode zu präsentieren. Manche Modetrends erwiesen sich jedoch im Zug als besonders unpraktisch.

Einer der ersten belgischen Eisenbahnwaggons, damals noch aus Holz: Man beachte die schmale Tür und den schmalen Gang

Ein Kleid, mit dem man kaum in den Zug kommt - Nehmen wir zum Beispiel das Krinolinen-Kleid. Ein riesiges Damenkleid mit einem Reifen aus Metall unter dem Rock. Mitte des 19. Jahrhunderts sehr modisch. Aber vor allem: gigantisch weit. Auf einem belebten Bahnsteig war das schon eine Herausforderung. Im Zug wurde es jedoch noch schwieriger. Die Waggontüren waren viel schmaler als heute. „Damen in solchen Kleidern passten kaum durch die Tür“, sagt Denuit.

Links: Ein Eisenbahnvorsteher mit Zylinder (1857), rechts: Eine Dame im Krinolinen-Kleid (1860)
Rechts: Tournure-Rock, links: Zweiteiliges Reisekleid

Ein imposantes Hinterteil

Und so wandelte sich die Mode. Um 1850 tauchte das Tournure-Kleid auf, ein Kleid mit engem Oberteil und einem auffällig hervorstehenden Hinterteil. Es wurde mithilfe eines Unterpolsters oder einer Stahldrahtkonstruktion gefertigt.

Immer noch sehr voluminös und nicht besonders bequem, aber die Masse verlagerte sich von den Seiten des Kleides nach hinten. Mit anderen Worten: Man passte damit tatsächlich durch die Tür.

Hüte hoch, höher, am höchsten

Auch die Herrenmode erwies sich nicht immer als dem Zug angepasst. Zylinderhüte galten im 19. Jahrhundert lange als Statussymbol. Doch mit einem so imposanten Hut passte der Herr nicht in ein Zugabteil. „Daher wurden die Hüte flacher“, erklärt Denuit. „Schließlich kam auch der Bowler auf, der viel enger am Kopf anlag.“

Hohe Hüte...
Von der Bahn empfohlene Kopfbedeckungen für Frauen

Beide Hutarten existierten lange Zeit nebeneinander: „Der Bowler galt als der praktischere Reisebegleiter. Am Ziel angekommen, konnten die Herren sich bei Bedarf wieder umziehen und griffen dann doch oft wieder zum Zylinder.“

Gefahr durch herumfliegende Kopfbedeckungen

Auch Damenhüte mussten kleiner und praktischer werden. Die Eisenbahnen führten sogar Sicherheitsbestimmungen ein: „Große Hüte waren sehr beliebt und blieben erlaubt. Die Metallnadeln, mit denen sie befestigt wurden, durften aber nicht mehr im Zug mitfahren.“ Eine Sicherheitsvorschrift zum Schutz der Mitreisenden, „denn ein Hut mit einer solchen Nadel konnte bei einer plötzlichen Bewegung oder einem starken Windstoß ziemlich heftig aufschlagen.“

Da ein großer Hut ohne Nadel sehr unpraktisch war, rückte die Schleppe die Damenhutmode etwas näher an den Körper. Die Capote, eine Haube, die mit einer Schleife unter dem Kinn gebunden werden konnte, wurde zu einer beliebten Wahl.

3. Klasse: Ruß, Rauch und Regen

Zugreisen wurden bald für die breite Bevölkerung erschwinglicher. „Belgien entwickelte rasch ein ausgedehntes Eisenbahnnetz. Züge fuhren nicht nur von Stadt zu Stadt, sondern auch von Dorf zu Dorf“, sagt Denuit, „und so wurde die Bahn für immer mehr Menschen zum alltäglichen Verkehrsmittel.“ Die Waggons waren in drei Klassen unterteilt. Der Fahrpreis bestimmte den Sitzplatz und vor allem den Reisekomfort.

Ein maßstabsgetreues Modell eines frühen Dampfzugs mit drei Klassen, wobei die nicht überdachte 3. Klasse direkt hinter der Lokomotive steht

Die Unterschiede sind frappierend: „Die 3. Klasse befand sich ganz vorne, direkt hinter der Dampflokomotive. Diese Waggons waren anfangs nicht überdacht und somit waren die Fahrgäste Ruß, Rauch, Regen, Wind usw. schutzlos ausgeliefert.“ Die 2. Klasse war überdacht und bot etwas mehr Schutz. Die 1. Klasse befand sich ganz hinten im Zug in einem geschlossenen Waggon und bot deutlich mehr Komfort.

Vom Bahn-Elitereisenden zum Bahn-Pendler

Dieser Komfortunterschied spiegelt sich auch in der Kleidung der Reisenden wider. Die praktische Baumwoll-Arbeitskleidung in der Ausstellung erzählt die Geschichte von Menschen, die nicht für Tagesausflüge, sondern täglich zur Arbeit mit dem Zug fuhren. Die Bahn demokratisiert und Pendeln wird zur Realität. So verändert das öffentliche Verkehrsmittel auch die Lebens- und Arbeitsweise der Menschen: „Arbeiter, die mit dem Zug zur Fabrik oder zur Zeche pendeln können, müssen nicht mehr unbedingt in den typischen Arbeitervierteln von früher direkt am Arbeitsplatz wohnen.“

Arbeitskleidung für Bergleute, rechts: Arbeitskleidung für Frauen (spätes 19., frühes 20. Jahrhundert)

Die Notwendigkeit einer Handtasche

Der vielleicht interessanteste Modefakt der Ausstellung betrifft die Handtasche. „Bahnreisende brachten früher große, robuste Koffer mit“, sagt Denuit. Das belgische Luxushaus Delvaux entwarf beispielsweise bereits 1829 Reisekoffer: „Doch auf längeren Reisen wurde das Gepäck verstaut, sodass die Fahrgäste nicht an ihre persönlichen Gegenstände gelangen konnten. Dadurch entstand der Bedarf an einer kleineren Tasche für Dinge, die sie unterwegs benötigten.“ Man denke dabei an Reisedokumente oder an Wertsachen.

Reisekoffer „Zéphir“ von Delvaux, 1897–1933

Auch Delvaux sprang auf diesen Zug auf. Oder, genauer gesagt, auf den Dampfzug. 1908 meldete der Designer Charles Delvaux das allererste Patent für eine Damenhandtasche aus strukturiertem Leder an. Für ein Modell namens „Le Princesse“.

Eisenbahneruniformen nach Hierarchie

Auch die Uniform des Zugbegleiters hat sich stark verändert. „Erst drei Jahre nach der ersten belgischen Eisenbahnverbindung (also 1838) wurden Vorschriften für die Kleidung der Eisenbahner erlassen“, erklärt Denuit: „Bemerkenswerterweise kam die Inspiration vom Militär. Die Anzahl der Streifen auf der Mütze oder Kappe kennzeichnete den Rang des jeweiligen Eisenbahners. Vom Zugbegleiter bis zum Bahnhofsvorsteher: Je höher die Position, desto mehr Streifen.“

Die Streifen auf den Eisenbahnerkappen machten den Dienstgrad aus

1926, vor genau 100 Jahren, wurde die NMBS gegründet: die Nationale Gesellschaft der Belgischen Eisenbahnen. „Das ‚B‘ wurde zum Logo der NMBS, aber die Streifen auf den Kappen zur Kennzeichnung des Rangs wurden beibehalten.“

Erst 1999 wurde eine einheitliche Kopfbedeckung für alle Eisenbahner bzw. Schaffner in Belgien eingeführt: „Für den Bahnreisenden ist es in erster Linie wichtig zu wissen, wer für das Unternehmen arbeitet. Die interne Hierarchie spielt dabei kaum noch eine Rolle.“

Langes Warten auf die erste Frau

Bis 1979 mussten wir auf weibliche Zugbegleiterinnen – und eine angepasste Uniform mit Rock – warten. In diesem Jahr wurden alle Berufssparten und Aufstiegsmöglichkeiten bei der belgischen Eisenbahn für Frauen zugänglich, angetrieben von der aufkommenden Emanzipationsbewegung und europäischen Richtlinien zur Gleichbehandlung. Doch erst 17 Jahre später, 1998, wurde die erste Lokführerin eingestellt: „Das war erst möglich, nachdem ein Gesetz Nachtarbeit für Frauen unter den gleichen Bedingungen wie für Männer erlaubte.“

Heute sehen die Uniformen bei der belgischen Staatsbahn NMBS/SNCB so aus

Shorts und geschlechtsneutrale Uniformen

Die Entwicklung hin zu mehr Gleichberechtigung beschränkt sich nicht nur auf Positionen innerhalb der NMBS. Auch die Uniformen verändern sich mit dem Zeitgeist: „Shorts waren lange Zeit nicht Teil der NMBS-Uniform. Man befürchtete, die Fahrgäste würden dies seltsam finden. Heute bieten Shorts vor allem zusätzlichen Komfort an heißen Sommertagen.“

Das internationale Bahnunternehmen Eurostar geht in dieser Hinsicht noch einen Schritt weiter: „Seit letztem Jahr sind die Eurostar-Uniformen geschlechtsneutral. Alle Mitarbeiter können zwischen Hosen, Röcken, Krawatten und Schals wählen. Auf Werbebildern sieht man Frauen mit Krawatten und Männer in Röcken.“

Die Ausstellung zeigt, wie sich Bahn und Mode parallel entwickelt haben: „Der Zug passt sich den gesellschaftlichen Erwartungen an. Und die Mode natürlich auch.“

Eurostar setzte neue Maßstäbe für die Eisenbahneruniformen

Die Ausstellung „Fashion & Trains“ ist noch bis zum 29. August 2027 in der Train World am Bahnhof Schaarbeek zu sehen. Sie ist Teil der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der Nationalen Eisenbahn- und Sportakademie Brüssel (NMBS).

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Mode- und Spitzenmuseum Brüssel, dem Modemuseum (MoMu) Antwerpen, dem Modemuseum Hasselt, dem Museum des Wallonischen Lebens in Lüttich,  Delvaux und der Hochschule für Kunst und Design Brüssel.

Info: trainworld.be/de/expo/fashion-trains/

Die Train World ist immer einen Besuch wert

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