VRT wird 2027 am Eurovision Song Contest teilnehmen. Der öffentlich-rechtliche Sender des belgischen Bundeslandes Flandern hatte zuvor angedeutet, die Chancen stünden eher schlecht. Doch jetzt folgt der Umschwung. Auch die Niederlande nehmen (erneut) teil. Inzwischen wird der VRT in dieser Frage scharf kritisiert, auch denn einige Stimmen wohlwollend sind. Die Aufregung dreht sich ausschließlich um Israels Teilnahme.
VRT nimmt an Eurovision Song Contest teil: Kritische Stimmen werden laut
Flanderns Medienministerin Cieltje Van Achter: „Hoffentlich wird der Künstler nicht mit Dreck beworfen“
Die flämische Medienministerin Cieltje Van Achter (N-VA, flämische Nationaldemokraten) hofft, dass der belgische Künstler beim Eurovision Song Contest nicht unter einem Berg Dreck begraben wird: „Ich denke, wir sollten alle hinter diesem Teilnehmer stehen“, sagte die Ministerin soeben im VRT-Fernsehen.
Was die Entscheidung von VRT zur Teilnahme am Song Contest angeht, hält die Ministerin an ihrer gestrigen Aussage fest. Laut der Ministerin liegt die Entscheidung über die Teilnahme am Song Contest in erster Linie beim VRT. Und innerhalb dieses Senders sei diese wohlüberlegte Entscheidung von der gesamten Führungsspitze und nicht von Politikern getroffen worden, so die Ministerin.
Van Achter ist der Ansicht, dass der VRT gemeinsam mit dem niederländischen öffentlich-rechtlichen Sender und anderen Sendern die Verantwortung übernommen hat, die Diskussion innerhalb der EBU, dem Dachverband des Eurovision Song Contest, zu beeinflussen. Laut Van Achter wurden dadurch zwei wichtige Ziele erreicht: Die Sender haben nun mehr Mitspracherecht bei der Organisation des Eurovision Song Contest, und die Mission und die Werte des Wettbewerbs werden im Hinblick auf die Teilnahme deutlicher herausgearbeitet.
Gustaph: „Mitgefühl für diejenigen, die für unser Land zum Eurovision Song Contest reisen müssen“
Gustaph, der Künstler, der Belgien 2023 beim Eurovision Song Contest vertrat, hat ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Entscheidung des VRT, im nächsten Jahr doch teilzunehmen. Der Sänger von „Because of You“ ist der Meinung, dass der VRT nicht teilnehmen sollte, wenn der israelische Sender von der EBU weiterhin zugelassen wird. Er fragt sich, was die Organisation konkret unternehmen wird, um die Teilnahme des Landes kritisch zu beleuchten. „Es ist weiterhin unklar, wie die neuen Regeln aussehen werden“, erklärte Gustaph gegenüber VRT NWS.
Und was ist mit dem Künstler, der Belgien beim Eurovision Song Contest vertreten wird? „Ich habe Mitleid mit jedem, der für unser Land zum Eurovision Song Contest reisen muss.“ Die gesamte Diskussion ist mittlerweile so polarisiert, dass es laut Gustaph für Musiker immer schwieriger wird, sich in dieser Debatte zu verteidigen.
Peter Van de Veire: „Der VRT glaubt, dass der Song Contest wieder zusammenfinden kann“
Im Mai standen die Chancen für VRT, einen Künstler zu entsenden, noch schlecht, doch jetzt wird die Teilnahme Realität. Warum hat der öffentlich-rechtliche Sender in Flandern seine Meinung geändert? „Weil es damals absolut keinen Grund gab anzunehmen, dass die EBU Maßnahmen ergreifen würde“, sagte VRT-Eurovision-Moderator Peter Van de Veire in der Sendung „De Afspraak“ („Die Verabredung“).
„Wir sind noch nicht am Ziel, wie der CEO bereits sagte, aber es besteht die Chance, dies zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.“ So soll der Song Contest u.a. die Situation in Gaza nicht länger ignorieren, auch nicht während der Sendungen. „Sie haben letztes Jahr während der Show die ganze Zeit daran vorbeigesteuert. Jetzt wird sogar darüber gesprochen, das Thema ins Programm zu integrieren, um deutlich zu machen, dass sie die Augen vor dem Geschehen dort nicht verschließen.“
Gianni Paelinck: „Die Suche nach dem belgischen Kandidaten wird nicht einfach“
Nachdem der flämische Rundfunk beschlossen hat, doch am Eurovision Song Contest teilzunehmen, beginnt die Suche nach einem Kandidaten, der unser Land vertreten soll. „Aber das wird nicht einfach“, sagt VRT-NWS-Journalist und Eurovision-Experte Gianni Paelinck. Der Kandidat wird sich in einem Wespennest wiederfinden. Er oder sie wird die Teilnahme rechtfertigen müssen. Teile der Kunstwelt stehen dem Eurovision Song Contest ohnehin kritisch gegenüber; „Es wird also keine einfache Suche werden, denke ich.“
Die sozialistische Gewerkschaft beim VRT reagiert scharf: „Die Zeit für zaghafte Aktionen ist vorbei“
Die sozialistische Gewerkschaft ACOD beim flämischen Rundfunk VRT reagiert scharf auf die Teilnahme unseres Hauses am Eurovision Song Contest. „Es ist ein Skandal, dass der VRT mit Israel auf der Bühne steht, einem Staat, der eklatant Menschenrechte verletzt und Völkermord begeht“, sagte der Gewerkschaftsvertreter Wies Descheemaeker beim VRT-Sender Radio 1.
„Unsere rote Linie wird jetzt endgültig überschritten. Wir haben dem VRT-Management und der EBU drei Jahre lang Vertrauen entgegengebracht, aber die Zeit für Nachsicht ist vorbei. Die einzige Möglichkeit, die EBU zum Umdenken zu bewegen, ist, den Eurovision Song Contest nicht auszustrahlen“, so Descheemaeker: „Wir werden daher alles daransetzen, dass der Eurovision Song Contest nicht im Fernsehen zu sehen ist.“
Die christliche Gewerkschaft ACV bedauert die Teilnahme von VRT
Die ACV plant aber keinen Boykott. „Wir hätten es anders bevorzugt; das ist kein gutes Signal“, heißt es. Carlos Van Hoeymissen von der ACV erklärt, seine Gewerkschaft sei bei der Teilnahme am Eurovision Song Contest stets sehr vorsichtig gewesen. „Angesichts der gesellschaftlichen Lage in Israel erscheint eine Teilnahme letztendlich unklug“, sagt er. „Wir bedauern die Entscheidung und hätten es anders bevorzugt. Es ist kein gutes Signal.“
Anders als die sozialistische Gewerkschaft ACOD plant die ACV keinen Boykott der Eurovision-Song-Contest-Übertragung.
Die PVDA fordert den Rundfunk auf, die Entscheidung zur Teilnahme am Eurovision Song Contest zu überdenken
„Wie kann man an einem Song Contest mit Israel teilnehmen, während Israel weiterhin den Waffenstillstand bricht, Galgen für die Hinrichtung von Palästinensern vorbereitet und die Kolonisierung des Westjordanlandes massiv vorantreibt?“, fragt Jos D’Haese, Fraktionsvorsitzender der linksradikalen PVDA im Flämischen Landesparlament. Seine Partei fordert den VRT-Vorstand auf, die Entscheidung zu überdenken und nicht am Eurovision Song Contest teilzunehmen.
„Der VRT hätte ein Zeichen setzen können“
Katia Segers von den flämischen Sozialisten Vooruit glaubt, der Rundfunk hätte ein Zeichen setzen können, in dem er auf die Teilnahme bzw. die Ausstrahlung der Veranstaltung verzichtet hätte: „Die Entscheidung liegt natürlich beim Sender selbst“, so Segers, deren Partei mit Philippe De Coene im VRT-Verwaltungsrat vertreten ist.
„Die Hauptfrage ist, ob Israel teilnehmen darf, und die Antwort darauf ist eindeutig nein. Solange die EBU dazu keine klare Position bezieht, sind wir der Meinung, dass Belgien durch Nichtteilnahme ein Zeichen setzen könnte.“ Segers weist außerdem darauf hin, dass Israel bei der vorherigen Ausgabe den Sieg nur knapp verpasst hat und fragt sich, wie die Reaktionen ausfallen werden, sollte das Land dieses Mal gewinnen.
„Die Teilnahme ist eine kulturelle Verharmlosung des Völkermords“
Der flämische Parlamentsabgeordnete Bram Jaques von den Grünen (Groe) kritisiert die Entscheidung des VRT, doch am Eurovision Song Contest im nächsten Jahr teilzunehmen, scharf: „Der VRT hätte dieses Jahr eine rote Linie ziehen können. Er hätte Rückgrat beweisen und zeigen können, dass Menschenrechte und der Kampf gegen Völkermord wichtiger sind als die Teilnahme an einem Wettbewerb, der jegliche Glaubwürdigkeit verloren hat.“
Laut dem Grünen-Abgeordneten steht die Haltung des VRT auch im Widerspruch zum öffentlichen Auftrag des Senders. „Ich erwarte von einem öffentlich-rechtlichen Sender, dass er die Welt kritisch betrachtet. Solange auch Israel teilnimmt, ist die Teilnahme am Eurovision Song Contest gleichbedeutend mit der kulturellen Verharmlosung des Völkermords. Das ist die falsche Entscheidung“, erklärt er.

