Erstmals verbringen die Belgier im Durchschnitt täglich mehr als eine Stunde mit dem Pendeln. Dies geht aus einer internationalen Studie von SD Worx hervor, über die die flämische Tageszeitung Het Laatste Nieuws berichtete. Belgische Arbeitnehmer pendeln durchschnittlich 61 Minuten pro Tag – deutlich mehr als der europäische Durchschnitt von 48 Minuten.
Belgier pendeln erstmals mehr als eine Stunde täglich: „Wir wohnen zu weit von unserem Arbeitsplatz entfernt“
Mit einer durchschnittlichen Pendelzeit von 61 Minuten pro Tag sind die Belgier die Pendler-Spitzenreiter in Europa. Schweden (57 Minuten) und Irland (56 Minuten) komplettieren die Top 3. Ein Grund dafür sind die sogenannten „Langstreckenpendler“, so der HR-Dienstleister SD Worx in seiner Studie. Mehr als jeder achte belgische Arbeitnehmer (13 %) pendelt zwei Stunden oder länger täglich – der höchste Anteil aller befragten Länder. Diese Gruppe legt oft mehr als 120 Kilometer pro Tag zurück. Der internationale Durchschnitt liegt bei 8 %. In Ländern wie Italien oder Frankreich sind Menschen bereit, für bestimmte Jobs schneller umzuziehen.
Hajo Beeckman, Mobilitätsexperte bei VRT NWS, ist von den Zahlen nicht überrascht: „Die Studie zeigt richtigerweise, dass die Pendelzeit in Belgien vor allem aufgrund der langen Pendelstrecken hoch ist. Die Belgier leben sehr verstreut, arbeiten aber alle in denselben Wirtschaftszentren. Man denke nur an die Häfen in Gent, Antwerpen und Zeebrügge, aber auch an die Wissenszentren in Brüssel. Dadurch sind wir stark auf die Autobahnen angewiesen. Dort entstehen dann Staus, die die Pendelzeit noch weiter verlängern.“
Belgier scheinen auch deutlich weniger bereit zu sein, für die Arbeit umzuziehen als Arbeitnehmer in unseren Nachbarländern: „In Ländern wie Italien oder Frankreich sind Menschen bereit, für bestimmte Jobs schneller umzuziehen. Dort ist Mieten aber auch verbreiteter. Etwa 70 % der Flamen besitzen ein Eigenheim. Dieser Prozentsatz ist in unseren Nachbarländern deutlich niedriger.“
Wir pendeln seit über 200 Jahren
Dass wir so weit von unserem Arbeitsplatz entfernt wohnen, hat sich historisch entwickelt, erklärt Beeckman: „Die Ursache dafür liegt im 19. Jahrhundert. Damals wurde bewusst entschieden, dass Arbeiter, die in Wirtschaftszentren wie Aalst, Antwerpen oder Brüssel arbeiteten, pendeln sollten. Man fürchtete, eine Massenabwanderung vom Land in die Städte würde politische Folgen haben. Man befürchtete, der Sozialismus würde im stark katholischen Flandern an Stärke gewinnen. Politiker wollten buchstäblich das Leben ‚unter dem Kirchturm‘ fördern und so wurden Autobahnen und Bahnverbindungen gebaut, um das Pendeln zu erleichtern.“
Dieser historische Kontext mag erklären, warum ein Großteil der Belgier lange Fahrzeiten als Teil des Jobs betrachtet. Jeder dritte belgische Arbeitnehmer (34 %) gibt an, dass ihn das Pendeln viel Arbeitszeit kostet – kaum mehr als der Durchschnitt in den befragten Ländern, der bei 32 % liegt.
Keine schnelleren Alternativen?
Also stecken wir im Stau, wenn wir vom Land in die Großstädte fahren. Und der öffentliche Nahverkehr erweist sich für die meisten Menschen nicht als schnellere Alternative: „Unser Bahnnetz ist im Vergleich zu Ländern wie Deutschland zwar immer noch recht zuverlässig, aber nur für einen kleinen Teil der Pendler eine Alternative zum Auto.“
„Nur drei von zehn Belgiern leben in eine Ortschaft mit guten Zugverbindungen nach Brüssel, Gent oder Antwerpen“, fährt Beeckman fort: „Die, die auf dem Land leben, müssen oft umsteigen und verlieren dadurch schnell die Vorteile der Bahn.“
Dass die Belgier den öffentlichen Nahverkehr nicht als sinnvolle Alternative betrachten, zeigt auch die Studie von SD Worx: Nur 25 % der Frauen und 28 % der Männer halten ihn für bequem, zuverlässig und gut zugänglich. Das ist weniger als der europäische Durchschnitt von 36 % in den befragten Ländern.
Männer pendeln länger, Frauen bevorzugen Homeoffice
Die Studie von SD Worx zeigt deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. So brauchen Männer beispielsweise länger für den Arbeitsweg (65 Minuten) als Frauen (56 Minuten). Außerdem pendeln doppelt so viele Männer (23 %) wie Frauen (12 %) täglich mehr als 100 Kilometer.
Frauen wohnen also eher näher an ihrem Arbeitsplatz und haben eine geringere Toleranzgrenze für die Pendelzeit (47 Minuten) als Männer (67 Minuten). Sie geben auch häufiger an, mehr im Homeoffice arbeiten zu wollen.
