Die KBR hat 33 Zeichnungen der multidisziplinären Künstlerin Anne-Mie Van Kerckhoven (geb. 1951 in Antwerpen) erhalten. Die Werke schließen eine wichtige Lücke in der Sammlung zeitgenössischer Papierkunst. Mit diesem Erwerb bereichert die KBR ihre Sammlungen um das Œuvre einer der bahnbrechendsten belgischen Künstlerinnen der letzten Jahrzehnte.
Die Königliche Bibliothek von Belgien erhält eine bedeutende Schenkung von Anne-Mie Van Kerckhoven
Ein bahnbrechendes Œuvre
Seit den 1970er-Jahren hat Anne-Mie Van Kerckhoven ein umfangreiches und interdisziplinäres Œuvre geschaffen, in dem Zeichnung, Malerei, Collage, Film, digitale Medien, Installation und Performance zusammenfließen. In ihren Arbeiten verwischt sie bewusst die Grenzen zwischen verschiedenen Bereichen und Ideen: Wissenschaft, Technologie, Philosophie, Sprache, Erotik und Mystik verschmelzen zu unerwarteten Verbindungen.
Sie war schon immer von der wissenschaftlichen Forschung fasziniert und beschäftigt sich seit den 1970er-Jahren mit der Welt der Künstlichen Intelligenz. Die Darstellung von Frauen und die Art und Weise, wie gesellschaftliche und kulturelle Strukturen unsere Sicht auf den weiblichen Körper prägen, sind ein immer wiederkehrendes Element in ihrem Werk.
2022 verlieh ihr die Universität Antwerpen die Ehrendoktorwürde in Anerkennung ihres außergewöhnlichen Beitrags als bildende Künstlerin und ihres visionären Ansatzes, in dem Kunst und Wissenschaft verschmelzen.
Drei Serien, vier Jahrzehnte
Die 33 Zeichnungen, die KBR erhalten hat, gehören zu drei Serien aus verschiedenen Schaffensperioden von Van Kerckhoven. Zusammen bilden sie ein repräsentatives Ensemble, das die Entwicklung und Vielseitigkeit ihres Werks sichtbar macht.
In dem ich Wissenssysteme untersuche und miteinander verknüpfe, versuche ich, eine positive mentale Verfassung zu entwickeln. So kann ich dem allgegenwärtigen Chaos des Alltags widerstehen. Ich arbeite mit verschiedenen Medien, bleibe aber in erster Linie Zeichnerin. Zeichnen ist eine Form des Verstehens, die Entkomplexisierung von Wahrnehmungen“
Anne-Mie Van Kerckhoven, 26. November 1998
Erste Serie
Die Zeichnungen der ältesten Serie entstanden 1976, zwei Jahre nach ihrem Abschluss im Fach Grafikdesign an der Königlichen Akademie in Antwerpen. Ihre Verwendung leuchtender, fluoreszierender Farben zeugt von ihrer frühen Faszination für Werbebilder im öffentlichen Raum. Später arbeitete sie mehrere Jahre in einem Unternehmen, das sich auf Leuchtwerbung spezialisiert hatte und in dem Neonlicht eine wichtige Rolle spielte.
Kunst und Wissenschaft
Im selben Jahr bat der Wissenschaftler Luc Steels, ein Pionier auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz, der Computerlinguistik und der Robotik, die damals 25-jährige Van Kerckhoven, seine Doktorarbeit „Computersimulation eines Parsers“ visuell zu animieren. Die Zeichnungen erkunden intuitiv die Beziehungen zwischen Kunst und Wissenschaft, Mensch und Maschine sowie Text und Bild.
Zu diesen Zeichnungen schrieb die Künstlerin im Jahr 2025: „Als Überreste von Eindrücken und Empfindungen auf einer Papierfläche ordnen sich die Linien spontan an und füllen die Fläche wie ein Mandala: Ein ungehemmter, unregelmäßiger Fluss von Linien, die erkennbare Formen und andere Dinge darstellen, füllt ein Blatt, bis genug darauf ist, um als Ganzes zu funktionieren.“
Die KBR möchte nicht nur die Vergangenheit bewahren, sondern auch den Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart Raum geben. Das Werk von Anne-Mie Van Kerckhoven passt dazu besonders gut. Ihre Arbeiten bewegen sich frei zwischen Bild und Text, Kunst und Wissenschaft und bereichern unsere Sammlung um neue Perspektiven und unerwartete Verbindungen. „Wir freuen uns daher sehr und sind dankbar, dass dieses wegweisende Werk nun Teil der KBR-Sammlungen ist“
Sara Lammens, Generaldirektorin von KBR
Zweite Serie
Die zweite Serie entstand ab 1993 im Rahmen von Antwerpen als Europäische Kulturhauptstadt. Die Skizzen basieren auf barocken Heiligenstatuen, die Van Kerckhoven in verschiedenen Antwerpener Kirchen sah. Die christlichen Darstellungen, in denen Heilige mal trauernd, mal in Ekstase gezeigt werden, spiegeln ihre Faszination für Themen wie Mystik und Leiden wider. Diese Serie ist zudem eine interessante Ergänzung der bereits bestehenden KBR-Sammlung von Zeichnungen für religiöse Skulpturen aus dem 17. Jahrhundert.
Dritte Serie
Die dritte und jüngste Serie, „Sisyphus, gelukkig“ (Sisyphus, glücklich), stammt aus dem Jahr 2010 und zeigt, wie Van Kerckhoven Zeichnung und Collage verbindet. Die Werke sind von einer Studie des belgischen Essayisten Oskar Van der Hallen inspiriert. In seinem Buch „Het diabolisme in de hedendaagse roman“ (Der Diabolismus im zeitgenössischen Roman) (1962) über die Präsenz des Teuflischen in der Literatur stellt Van Kerckhoven unter anderem Verbindungen zur „dunklen“ Darstellung von Models im zeitgenössischen Modejournalismus her.
Zeitgenössische Kunst in der Sammlung der KBR
Die Werke von Anne-Mie Van Kerckhoven werden in die Sammlung des Kupferstichkabinetts aufgenommen und stehen dort für Forschungszwecke und Ausstellungen zur Verfügung. Die Schenkung wurde unter anderem durch das Engagement der Brüsseler Galerie Dépendance ermöglicht.
Königliche Bibliothek von Belgien, Kunstberg 28, 1000 Brüssel, Info: https://www.kbr.be/nl
