Zum Hauptinhalt springen
Preußische Soldaten im Kampf gegen das Feuer

Geschichte des Hohen Venns: 1911 brannte das Naturschutzgebiet monatelang

Der aktuelle Brand im Hohen Venn ist eine verheerende Katastrophe, aber nicht die erste ihrer Art, die das Naturschutzgebiet bisher heimgesucht hat. Dafür müssen wir bis ins Jahr 1911 zurückgehen. Damals wütete ein Feuer zwei Monate lang und zerstörte fast 4.000 Hektar Naturschutzgebiet. „Die Umstände sind bemerkenswert ähnlich“, sagt der Geograph Gert Verstraeten.

Joris Truyts Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Der Brand, der seit Freitag im Hohen Venns wütet, wurde schnell als der größte Waldbrand in der Geschichte Belgiens bezeichnet. Rund 3.000 Hektar sind bereits abgebrannt und das Feuer ist noch nicht vollständig unter Kontrolle. Es gab jedoch schon vor 115 Jahren einen Großbrand im Hohen Venn, ein Brand, der gut dokumentiert ist und eine der wichtige Rolle beim Schutz des einzigartigen Naturschutzgebiets spielte.

Ein Unterschied zur Gegenwart besteht darin, dass der Brand von 1911 in einem damaligen Grenzgebiet zwischen Belgien und Preußen (das Teil des Deutschen Reiches war) wütete. Ein Großteil des Hohen Venns war deutsches Territorium. Dies änderte sich nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg.

"Feuer im Hohen Venn"

Abgesehen von dieser Grenzfrage sehen Historiker und Geographen heute viele Parallelen. Sowohl 1911 als auch jetzt brach der Brand nach einem außergewöhnlich trockenen Sommer in einer besonders brandgefährdeten Landschaft aus. „Der Brand ist in Größe und Intensität vergleichbar“, sagt der Geograph Gert Verstraeten von der Katholischen Universität Löwen (KU Leuven) in Flämisch-Brabant. Auch das betroffene Gebiet und der Zeitraum sind vergleichbar. „Damals brach der Brand am 1. August aus, jetzt war es zwei Wochen später.“

Mehr als 2.000 belgische und preußische Soldaten wurden im Sommer 1911 zur Brandbekämpfung eingesetzt. Belgische und preußische Truppen operierten von verschiedenen Standorten aus, darunter Mont Rigi, Baraque Michel und Maison du Sabotier. Sie mussten mit den damals verfügbaren Mitteln auskommen. Die Soldaten legten unter anderem Brandschneisen an und versuchten, die Ausbreitung der Flammen mit Schaufeln und anderen Handwerkzeugen einzudämmen.

Feldlager der preußischen Hilfskräfte bei Mont-Rigi

Die Löscharbeiten waren auch damals eine grenzüberschreitende Operation. Diese Zusammenarbeit gestaltete sich schwierig, da es sich um eine Zeit internationaler Spannungen handelte und da Belgien und Preußen keine Verbündeten waren, so Historiker der Universität Lüttich. Drei Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus und die Deutschen marschierten in Belgien ein.

Das Ausmaß der Katastrophe im Hohen Venn machte einen tiefen Eindruck. Belgische und deutsche Zeitungen entsandten Reporter in das Gebiet und berichteten fast täglich über die Entwicklungen. Touristen und Schaulustige strömten ins Venn, um das Feuer mit eigenen Augen zu sehen.

Einige Zeitungen verglichen die brennende Landschaft mit dem Ausbruch des Vesuvs oder mit Dantes Inferno, benannt nach dem mittelalterlichen italienischen Dichter.

Das Feuer erwies sich als besonders schwer zu löschen. Der Wind fachte es immer wieder neu an und ließ die Flammen an verschiedenen Stellen über die Brandschneisen hinwegfegen. Erst Ende September war es vollständig gelöscht.

Laut Gert Verstraeten ereignete sich der Brand von 1911 zu einer Zeit, als der menschliche Einfluss auf das Hohe Venn seinen Höhepunkt erreicht hatte. Das Hohe Venn zählt von Natur aus zu den regenreichsten Gebieten Belgiens. Aufgrund der hohen Niederschläge, der flachen Topografie und des wasserundurchlässigen Untergrunds blieb das Wasser jahrhundertelang stehen. Dadurch bildeten sich dicke Torfschichten, die sich seit dem Ende der letzten Eiszeit ansammeln konnten.

„An manchen Stellen erreicht dieser Torf eine Dicke von sechs bis acht Metern“, so Verstraeten: „Dieses Material hat sich über Jahrtausende angesammelt.“

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts veränderte sich die Landschaft drastisch. Um die rasch wachsende Stahl- und Bergbauindustrie um Lüttich mit Holz zu versorgen, wurden große Teile der Region mit Nadelbäumen bepflanzt. Um diese Anpflanzungen zu ermöglichen, wurde das Gebiet großflächig entwässert: „Durch diese Entwässerung trocknete die oberste Torfschicht aus. Typische Torfpflanzen verschwanden und Gräser traten an ihre Stelle. Dies führte zu einer großen Menge an zusätzlichem brennbarem Material.“

Laut Verstraeten machte diese Kombination aus Entwässerung, ausgetrockneter Vegetation und dem außergewöhnlichen Sommer 1911 das Gebiet besonders brandgefährdet.

Dass es so schwierig ist, das Feuer zu bekämpfen – damals wie heute – hängt auch mit den Eigenschaften des Torfs zusammen. Das Feuer brennt nicht nur an der Oberfläche, sondern kann auch unterirdisch weiterglimmen: „Eine solche Brandquelle kann tagelang oder wochenlang unter der Erde bleiben und erst später wieder aufflammen.“

Der Brand von 1911 markierte einen Wendepunkt in der Geschichte der Hochmoore. Nach der Katastrophe wuchs das Bewusstsein für den außergewöhnlichen Naturwert des Gebiets. Wissenschaftler, Naturliebhaber und lokale Vereine engagierten sich fortan verstärkt für den Schutz der Hochmoorlandschaft.

Dieser Prozess verlief schleppend. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Gebiet offiziellen Schutzstatus. Umfangreiche Renaturierungsprojekte begannen erst zu Beginn dieses Jahrhunderts. Im Zuge dieser Projekte wurden Entwässerungsgräben verfüllt und versucht, den Torf wieder feuchter zu machen.

Diese Karte zeigt das Ausmaß des Vennbrands vor 115 Jahren

Katastrophen wie die aktuelle und jene vor 115 Jahren richteten enormen Schaden an, doch Verstraeten betont, dass Brände seit Langem zur Geschichte der Region gehören und eine Renaturierung möglich ist. Nach dem Brand von 1911 erholte sich die Vegetation, und das Gebiet behielt seinen Charakter als weitläufige Torf- und Heidelandschaft.

Selbst nach einem weiteren Großbrand im Jahr 2011, bei dem rund 1.000 Hektar niederbrannten, waren an vielen Stellen wenige Jahre später kaum noch direkte Brandschäden sichtbar.

Laut dem KUL-Geographen ist es wichtig, zwischen der sichtbaren Natur und dem Torf selbst zu unterscheiden. Pflanzen und Tiere können sich unter günstigen Bedingungen relativ schnell erholen. Die Heidevegetation erholt sich oft innerhalb weniger Jahre, und viele Tierarten besiedeln ebenfalls wieder abgebrannte Gebiete.

Dem allerdings widersprechen heute Wissenschaftler und Biologen, die der Ansicht sind, dass durch die tiefen Torffeuer im Boden eine Renaturierung sehr sehr lange dauern werde. „Der über Jahrtausende entstandene Torf, der teilweise verloren gegangen ist, lässt sich nicht wiederherstellen“, so Verstraeten: „Das bedeutet aber nicht, dass das gesamte Ökosystem verschwindet. Wenn das Gebiet wieder ausreichend feucht wird, können Vegetation und viele Arten zurückkehren

Heute sieht das hier so aus...

Lesen Sie mehr über

Meistgelesen

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5