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Bergbaugeschichte: Vor 80 Jahren wurde ein Abkommen zwischen Belgien und Italien unterzeichnet, das zahlreiche Bergarbeiter ins Land lockte

Der Vertrag zwischen Belgien und Italien aus dem Jahr 1946 lockte viele Bergarbeiter von dort aus in unser Land, vor allem in die Zechen in der flämischen Provinz Limburg und in die Gruben in der wallonischen Provinz Hennegau und Lüttich. Die Italiener sind bis heute eine der größten Einwanderergemeinschaften in Belgien. 

Elian Pergola Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

„1946 unterzeichneten Belgien und Italien ein bilaterales Abkommen“, sagte Gianni Batista vom multikulturellen Verein AIF Genk am Rande der Gedenkveranstaltung zuim Grubenunglück in der Zeche Bois Du Cazier bei Charleroi am Wochenende: „Bis 1956 kamen viele Italiener nach Belgien, um im Bergbau zu arbeiten. Nach dem Grubenunglück von Marcinelle 1956 schrillten in Italien die Alarmglocken und es wurde deutlich, dass die Bergwerke unsicher waren. Die Migration aus Italien kam daraufhin weitgehend zum Erliegen und von da an wurde der Sicherheit mehr Bedeutung beigemessen.“

„Nach 1956 schloss Belgien Abkommen mit anderen Ländern wie Marokko und der Türkei. Die Frage ist, wie Limburg ohne das Unglück ausgesehen hätte. Vielleicht hätten wir eine sehr große italienische Enklave gehabt, ähnlich wie in Argentinien. Wir werden es nie erfahren“, resümiert Gianni.

"Kohleschlacht"

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die belgische Wirtschaft nahezu zum Erliegen gekommen. Die Bevölkerung mied die schwere und gefährliche Arbeit in den Kohlebergwerken, obwohl diese laut dem damaligen Premierminister Achiel Van Acker (Belgische Sozialistische Partei) genau den wirtschaftlichen Aufschwung ankurbeln sollte. Daher schloss die belgische Regierung am 23. Juni 1946 ein Arbeitsabkommen mit Italien.

Van Ackers „Kohleschlacht“ war so einfach wie hart. Italien sollte 50.000 Arbeiter in die belgischen Bergwerke schicken und dafür 200 Kilogramm Kohle pro Arbeitstag und Bergmann erhalten. Die Italiener nannten das Abkommen „Per un sacco di carbone“ – ein Arbeiter für einen Sack Kohle. Es markierte den Beginn einer Migrationswelle, die über Jahrzehnte Tausende von Italienern in die Bergbaugemeinden von Limburg trieb. Es veränderte die Demografie – und damit die Seele – der Provinz für immer. Laut Zahlen aus dem Jahr 2025 haben über 33.000 Einwohner Limburgs italienische Wurzeln - eine Zahl, die jährlich weiter steigt.

Italienische Bergarbeiterfamilie

Die Baracken

Doch die Aufnahme der ersten italienischen Gastarbeiter war, gelinde gesagt, karg. Die ersten „Minatori“ – italienisch für Bergleute – wurden in den Holzbaracken untergebracht, die im Zweiten Weltkrieg für deutsche Kriegsgefangene gedient hatten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren nach heutigen Ermessen und auch schon damals unmenschlich.

Belgische Adrian-Baracken in Zwartberg

Schließlich waren die Baracken aus Holz, Pappe und Wellblech auf einem Fundament aus grobem Zement errichtet. Obwohl die Bergleute Unterkunft und Verpflegung erhielten, herrschten kaum hygienische Verhältnisse. Die Bewohner aus dem Süden Europas mussten sich ständig vor Ratten in Acht nehmen und ertrugen eisige Winter ohne Heizung in den Baracken.

Da die Zahl der italienischen Arbeiter in den 1950er Jahren viel schneller anstieg als in den offiziellen Abkommen vorhergesagt, dienten diese Baracken bis weit in die 1960er Jahre hinein als Notunterkünfte. Konkrete Vereinbarungen über bessere Wohnverhältnisse für die italienischen Migranten erreichten den Ort erst nach dem Grubenunglück von Marcinelle im Jahr 1956.

Die Vennestraat in Genk

Die Migranten, die in den 1950er Jahren nach Belgien kamen, trafen auf eine bereits bestehende (wenn auch kleine) italienische Gemeinde. Tatsächlich waren bereits in den 1920er Jahren einige Italiener gekommen, um in den wallonischen Bergwerken zu arbeiten. Als die Kohleindustrie in Limburg zunahm, verließen einige Italiener die Wallonie. Um der Wohnungsnot zu begegnen, gründeten einige unternehmungslustige Italiener der Generation der 1920er Jahre sogenannte „Bergarbeiterhäuser“. Dort schliefen die Bergleute in großen Schlafsälen zusammen und konnten vor oder nach ihrer Schicht ein italienisches Essen genießen.

Diese Bergarbeiterhäuser schossen wie Pilze aus dem Boden, um die vielen Italiener in Genk unterzubringen. Sie waren der Anstoß für die heutige Vennestraat in der ehemaligen limburgischen Zechenstadt. Heute ist sie eine lebendige, multikulturelle Straße voller kulinarischer Köstlichkeiten und kleiner Supermärkte, oft mit italienischem Flair.

In der Vennestraat in Genk

Das Abkommen ist gescheitert, doch die Italiener waren gekommen, um zu bleiben

1956 stellten Italiener mit über 28.000 Arbeitern in den Limburger Bergwerken die größte Migrantengruppe. Damals entsprachen sie etwa 40 % aller Migranten. Dann ereignete sich 1956 das Grubenunglück von Marcinelle in Wallonien, bei dem 262 Bergleute ums Leben kamen, darunter 136 Italiener.

Das Unglück von Marcinelle mag das schnlimmste seiner Art in Belgien gewesen sein, aber es war bei Weitem nicht das erste. Die Angst vor den Gefahren unter Tage war in Limburg bereits Realität: 1952 starben 23 Bergleute bei einer schweren Gasexplosion im Bergwerk Zwartberg, gefolgt von drei weiteren schweren Unfällen allein im Jahr 1953.

Dies führte zu diplomatischen Spannungen zwischen Belgien und Italien: 1951 reiste der italienische Staatssekretär für Auswanderung, Rinaldo Del Bo, mit einem klaren Auftrag nach Belgien: Er sollte den diplomatischen Druck für bessere Sicherheitsbedingungen und menschenwürdigen Wohnraum erhöhen. Während seiner Mission nahm Del Bo eine Gruppe Journalisten mit und manipulierte geschickt die öffentliche Meinung.

Infolgedessen sorgten die desolaten Zustände in den belgischen Kohlebergwerken internationale Aufmerksamkeit. Del Bo gewann das Vertrauen der italienischen Bergleute, indem er die belgischen Behörden wegen ihrer gescheiterten Politik offen konfrontierte. Belgien begann daraufhin aktiv, Arbeitskräfte aus anderen Ländern, darunter Spanien, Griechenland, der Türkei und Marokko, anzuwerben.

Die Einwanderungswelle von 1960: „Limburg sucht Arbeit“

Doch die italienische Migration hielt an. Fédéchar – der Verband der belgischen Kohlebergwerke – kämpfte weiterhin mit Arbeitskräftemangel. Daher ermutigte er die bereits hier lebenden Italiener, Familienmitglieder und Dorfbewohner zum Umzug ins Land zu bewegen. Diese reisten mit einem Touristenvisum ein, um ihre Familien zu besuchen und erhielten nach ihrer Ankunft im Bergwerk eine legale Aufenthaltsgenehmigung.

Gleichzeitig wuchs die Unsicherheit im Limburger Kohlebecken. Die Kohleindustrie war aufgrund der internationalen Konkurrenz durch die aufstrebende Ölindustrie nicht mehr rentabel. Die Ankündigung der Schließung des Bergwerks Zwartberg im Jahr 1964 erschütterte die Provinz. Vielen italienischen Familien wurde klar, dass das goldene Zeitalter der Kohle endgültig vorbei war. Dies bedeutete die erzwungene Suche nach neuer Arbeit. Viele fanden eine Anstellung im neuen Ford-Werk in Genk.

Rekonversion

In den 1990er Jahren wurden schließlich alle Bergwerke stillgelegt. Die imposanten Fördertürme, die überwucherten Abraumhalden und die ehemaligen Grubengassen bilden die einzigartige Kulisse, vor der 80 Jahre italienischer Migration Teil des lokalen Erbes geworden sind.

Die Bergbauregion Limburg hat sich so nach und nach zu einem kulturellen Zentrum entwickelt, in dem die italienische Kultur blüht. 80 Jahre nach dem Kohleprotokoll sind Spuren der italienischen Gemeinschaft noch immer überall sichtbar - in den ehemaligen Wohnsiedlungen, in der Vennestraat in Genk, durch zahlreiche italienisch-stämmige Künstler und in den Familien, die Limburg heute mitgestalten.

Das Bergbaumuseum in Beringen erzählt die Geschichte der Kumpel in Limburg

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