Was befindet sich noch im Limburger Untergrund, 34 Jahre nach der Schließung der letzten Bergwerke? Liegen dort tatsächlich noch Lokomotiven, Maschinen, Tausende Liter Abraum und Hunderte Millionen Kilogramm Kohle? VRT NWS sprach mit ehemaligen hier tätigen Bergarbeitern, die die Geschichte dazu erzählten.
Bergbaugeschichte: Was liegt mehr als 30 Jahre nach der Schließung der Zechen noch unter der Erde in Limburg?
Am 30. September 1992, vor fast 34 Jahren, kam der letzte Bergmann in der Zeche Heusden-Zolder an die Oberfläche. Die letzte Kohle Limburgs war gefördert worden. Damit endete die Kohleförderung in Belgien. Sie hatte fast ein Jahrhundert zuvor begonnen. In dieser Zeit wurden in der flämischen Provinz Limburg sieben Bergwerke zur Gewinnung des „schwarzen Goldes“ eröffnet. Auch das hatte seinen Preis. Schätzungsweise 930 Bergleute verloren in den Limburger Bergwerken ihr Leben.
Die limburgischen Kohlezechen bildeten ein weitverzweigtes unterirdisches Netz von Hunderten von Kilometern, verteilt auf die sieben größten Abbaustätten. Von einem zentralen Schacht zweigten große Betonstollen in alle Richtungen ab – jeder mit einer eigenen Nummer oder manchmal dem Namen einer Ehefrau oder Geliebten. Die Stollen waren bis zu fünf Meter breit und verfügten sogar über Gleise.
Zu Beginn einer achtstündigen Schicht fuhren die Bergleute in einem eisernen Förderkorb hinab, oft mit bis zu 80 Mann gleichzeitig. Der Korb sank mit einer Geschwindigkeit von zwölf Metern pro Sekunde. In nur einer Minute befand man sich bereits in einer Tiefe von 800 Metern. Unter Tage setzten sie ihre Reise mit kleinen Zügen oder speziellen Fahrrädern fort. Wer weit vom zentralen Schacht entfernt arbeitete, war bis zu 45 Minuten unterwegs.
Die Bergwerke Zolder, Houthalen und Beringen waren zudem unter Tage miteinander verbunden. Man konnte in Houthalen hinabfahren und in Beringen wieder auftauchen.
Sind die Schächte noch intakt?
Nach der Stilllegung stellten die damaligen Bergwerksbetreiber auch die Pumpen ein, die das Grundwasser aus den Schächten pumpten. Dadurch füllten sich die Stollen mit Wasser. Lange Zeit glaubten die ehemaligen Bergleute, dass alles aufgrund des Drucks eingestürzt sei. „Das stimmt nicht“, sagt der ehemalige Bergmann Eddy Pluymers gegenüber VRT NWS. Er führt noch immer täglich Besucher durch das ehemalige Bergwerksgelände in Heusden-Zolder. Ein Taucher, der stillgelegte Bergwerke erforscht, erklärte ihm, dass der Wasserdruck die Stollen offen hält: „Wenn wir das Wasser wieder abpumpen würden, könnte man theoretisch wieder hindurchgehen. Nur wird das natürlich nie passieren.“
Laut Robert Coens, der 20 Jahre lang im Bergwerk Beringen arbeitete, wurden tatsächlich Versuche unternommen, die Stollen abzudichten: „Das geschah, um Bodensenkungen zu verhindern. Zuerst baut man eine Art Wand oder Damm aus Beton oder Stein um den Schacht. Wenn man das Abpumpen dahinter einstellt, füllt sich alles mit Wasser, aber es entsteht auch Druck vom Gestein. Werden keine Instandhaltungsarbeiten durchgeführt, verschließen sich die Hohlräume mit der Zeit von selbst. Das Betreten der Schächte ist daher extrem gefährlich.“
Was liegt sonst noch unter der Erde?
Die Kohle
Beginnen wir mit der Kohle selbst. Zwischen 1917 und 1992 wurden in Limburg insgesamt rund 441 Millionen Tonnen Kohle gefördert, etwa 32 % der gesamten belgischen Produktion. Da die Bergwerke nicht wegen Erschöpfung, sondern aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt wurden, lagern noch immer gigantische Kohlevorräte im Boden.
„Betrachtet man die gesamten geologischen Reserven, so belaufen sie sich auf weitere 30 Milliarden Tonnen Kohle“, schätzt Coens, „doch der Abbau dieser gesamten Menge ist technisch schwierig und wirtschaftlich nicht rentabel. Berücksichtigt man diese Kriterien, kommt man auf etwa 800 Millionen Tonnen. Diese befinden sich hauptsächlich unter Opglabbeek, an der Grenze zwischen Hechtel und Helchteren sowie im Dreieck Meerhout-Balen-Leopoldsburg.“
Lokomotiven in Betonbunkern
Zum Zeitpunkt der Stilllegung brachten die Betreiber kaum Material an die Oberfläche. Der Grund war rein wirtschaftlicher Natur: Die Bergung aller Maschinen und schmalspuriger Lokomotiven war teurer als ihr Schrottwert. Nur wenige interessante - sprich wertvolle - Teile konnten geborgen werden. Eine ganze Welt verschwand in den unterirdischen Anlagen Limburgs.
Dazu gehören laut Coens unzählige Waggons: „Dazu zählten Personenwagen, aber auch Containerwagen und natürlich die Kohleloren selbst. Große Maschinen wurden in Einzelteilen, jeweils auf einem kleinen Waggon, in die Grube gebracht. Die Kohle wurde dann oft in bis zu 60 kleinen Loren abtransportiert. Die heute noch über Tage stehenden Exemplare machen nur einen Bruchteil aller eingesetzten Loren aus.“
„Außerdem wurden neue Lokomotiven unter Tage gebracht“, sagt Pluymers: „Die Bergwerke hatten Verträge mit Lieferanten und waren daher verpflichtet, die bestellten Lokomotiven tatsächlich unter Tage zu bringen, sogar noch kurz vor der Schließung. Diese Lokomotiven befinden sich noch immer dort, eingemauert in einem großen Betonbunker.“
Neben den kleinen Loren nutzten die Bergleute auch Schienenfahrräder, um sich in den Stollen fortzubewegen. Es handelte sich um Zweisitzer mit einem Kasten vorne für die Ausrüstung. Später kamen auch Go-Kart-ähnliche Fahrräder zum Einsatz, die ausschließlich für den Personentransport genutzt wurden. Auch diese sind heute weitgehend in Vergessenheit geraten.
Hunderte Kilometer Gleise verliefen ebenfalls durch diese Tunnel. Wie viele Kilometer genau, weiß jedoch niemand. „Für Beringen schätzen wir die Gesamtlänge auf 105 Kilometer. Für Zolder und Houthalen zusammen schätzen wir sie auf insgesamt 165 Kilometer“, erklärt Coens.
Eine ökologische Katastrophe
„Was noch viel schlimmer ist“, fährt Coens fort, „sind die Abertausende Liter Öl, Fett, Emulsionen, Chemikalien und Asbest. All das hätte das Grundwasser verseuchen können. In dieser Tiefe haben wir es mit einer regelrechten Umweltkatastrophe zu tun.“
Die Öle und Fette wurden für den Betrieb von Maschinen, Lokomotiven und Pumpen benötigt. Die Emulsion diente der Hydraulik. Es handelte sich um ein mit Wasser vermischtes Öl, das Milch ähnelte. Der Asbest hingegen wurde hauptsächlich in der Lokomotivwerkstatt gefunden.
Tausende Liter Öl, Fett, Chemikalien und Asbest wurden unter Tage zurückgelassen.“
Der ehemalige Bergmann Robert Coens
„Auch wir haben oft selbst unter Tage Chemikalien gemischt“, erklärt Coens: „Wir haben Gestein mit Polyurethan verstärkt. Anhydrit wurde wiederum verwendet, um den Hohlraum zwischen den Gesteinsplatten zu füllen.“ Isochaum wurde zum Bau von Dämmen eingesetzt, um zu verhindern, dass Methan abfließt.
Nachforschungen ergaben, dass die flämische Umweltbehörde keine aktiven Ermittlungen zu der möglichen Kontamination durchführt. Die flämische Abfallwirtschaftsbehörde OVAM bestätigt, dass Substanzen unter Tage zurückgeblieben sind. „Die aus Bergbauabfällen bestehenden Schlackenhalden wurden jedoch bereits in den 1980er Jahren saniert. Das ist der Ursprung unserer Sanierungspolitik“, heißt es. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums dieser Politik veröffentlichte OVAM die untenstehende Dokumentation, die in den Bergwerken beginnt.
Ein gigantisches Kühlsystem
Neben den zahlreichen chemischen Substanzen wurde auch ein gigantisches Kühlsystem zurückgelassen. Hitze war aufgrund der Geothermie für die Bergleute Alltag. „In Limburg herrschen in einer Tiefe zwischen 10 und 15 Metern konstant 11 Grad Celsius. „Pro 100 Meter Tiefe steigt die Temperatur um 3 Grad“, erklärt Coens. „Theoretisch wären es also 41 Grad Celsius in 1015 Metern Tiefe.“
Hinzu kommt die Wärme von Maschinen, Motoren und Bergleuten. In den Schächten war es oft auch sehr feucht. Außerdem wurden Gase wie Methan, Kohlenmonoxid und Kohlendioxid freigesetzt. Deshalb begann man sehr früh mit der Kühlung und Belüftung der Bergwerke. Ab 28°C waren zudem gesetzliche Maßnahmen wie die Verkürzung der Schichten vorgeschrieben. Ab 30°C hatten nur noch autorisiertes Personal Zutritt.
„Wir haben intensiv an der Belüftung gearbeitet, aber das reichte nicht immer aus. Die nächste Lösung war ein großes Kühlsystem. Vereinfacht gesagt: Wir hängten einen Kühl- oder Gefrierschrank an Schienen auf, durch den Luft geblasen und gekühlt wurde.“ Schließlich wurde eine brandneue, große Kühlanlage installiert. Sie war 1,5 Meter breit und 20 bis 25 Meter lang: „Auch diese mussten wir einmauern.“ In anderen Bergwerken, wie beispielsweise in Waterschei, wurde ebenfalls Eiswasser verwendet.
Narben auf den Seelen der Limburger
So viele Jahre später sind die tiefen Wunden der Limburger Bergleute noch immer nicht verheilt. Der 30. September 1992, die Schließung des letzten Bergwerks, war ein traumatischer Tag für Tausende. Allein im Bergwerk Zolder arbeiteten in der Hochphase des Betriebs 10.000 Menschen. Die überstürzte Schließung der Schächte sorgt noch immer für Groll.
Der ehemalige Bergmann Eddy Pluymers arbeitete selbst 15 Jahre lang im Bergwerk, angefangen mit 16 Jahren. Er war an jenem letzten Tag nicht unter Tage, denn er hatte bereits den Weg in eine neue Laufbahn eingeschlagen. Diese Wege waren Teil des Umstrukturierungsplans, der Limburg nach den Bergwerksschließungen beim Wiederaufbau helfen sollte.
„Man wurde darüber mit einem Zettel an der Grubenlampe informiert“, erinnert er sich. Der Abschied - oder vielmehr das Ausbleiben eines Abschieds - nagt noch immer an ihm: „Ich konnte mich nie vom Untergrund verabschieden. Es ist eine Wunde, die niemals heilen wird. Sie wird eine Narbe hinterlassen, aber eine, auf die wir stolz sein werden.“
