Jean-Pascal van Ypersele (Foto), Belgiens wohl führender Klimaforscher, hat die seiner Ansicht nach unzureichende Klimapolitik der Behörden unseres Landes kritisiert. Diese habe allein in diesem Sommer zu 2.000 hitzebedingten Todesfällen in Belgien beigetragen: „Die Politiker können nicht behaupten, sie hätten nicht gewusst, was zu tun ist.“
„Ja, ich bin wütend“ - Führender belgischer Klimaforscher Jean-Pascal van Ypersele äußert seinen Unmut
Am Sonntagabend war Van Ypersele zu Gast im Studio des französischsprachigen Rundfunks RTL Info. Zu diesem Anlass habe er eine schwarze Krawatte getragen, sagte er mit einem leicht ironischen Lächeln. Die Wahl der Trauerfarbe sei kein Zufall: „Mit mehr als 2.000 Opfern hat Belgien in den letzten Wochen eine unglaubliche Zahl hitzebedingter Todesfälle zu beklagen“, sagte Van Ypersele danach gegenüber VRT NWS. „Und es handelt sich dabei ganz sicher nicht nur um ältere Menschen.“
„Aber wo bleibt die Aufmerksamkeit dafür? Es gab keine Schweigeminute, keine offizielle Erklärung des Premierministers, auch nicht von den flämischen, wallonischen oder Brüsseler Ministern. Ich finde das schockierend. Den Opfern des Oxy-Brandes wird viel Aufmerksamkeit zuteil, natürlich völlig zu Recht. Aber für 2.000 Opfer einer Hitzewelle - absolut nichts?“, so der erboste Klimaforscher.
Dringende Maßnahmen erforderlich
Van Ypersele kritisiert nicht nur das mangelnde öffentliche Interesse. Der Wissenschaftler bemängelt auch die fehlende politische Entschlossenheit – sowohl während der Hitzewellen, wenn der Bedarf am größten ist, als auch bei der Bekämpfung der Ursachen: „Es ist eine Schande, wenn die einzigen Maßnahmen darin bestehen, ältere Menschen zu bitten, sich im Schatten aufzuhalten. Schwangere, Kleinkinder und Menschen mit Vorerkrankungen sind ebenfalls gefährdet. Ich kenne aber auch Fälle, in denen Patienten in Krankenzimmern lagen, in denen die Temperatur 35°C erreichte. Wie ist das möglich? Wo bleiben die dringend notwendigen Maßnahmen?“
Van Ypersele, Klimatologe an der französischsprachigen Universität UC Louvain (Neu-Löwen in Wallonisch-Brabant), ist eine angesehene Persönlichkeit. Von 2008 bis 2015 war er stellvertretender Vorsitzender des Weltklimarats (IPCC) und gilt als einer der führenden Klimaforscher Belgiens. Seine Frustration rührt unter anderem von der seiner Ansicht nach jahrelang unzureichenden Klimapolitik her.
„Ja, ich bin wütend!“
„Der erste IPCC-Bericht (eine Zusammenfassung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands zum Klimawandel) stammt aus dem Jahr 1990. Das ist 36 Jahre her, und schon damals wurde darin prognostiziert, dass wir weltweit extremere Temperaturen erleben würden. Der IPCC hat es hunderte Male gesagt, und Wissenschaftler weltweit tausende Male: Wir müssen uns besser vorbereiten und die Treibhausgasemissionen so schnell wie möglich auf null reduzieren. Politiker können also nicht behaupten, sie hätten nichts davon gewusst.“
„Wir wussten, dass es so kommen würde und wir wissen, was dagegen unternommen werden muss. Aber was sehen wir? Der Europäische ‚Green Deal‘ wird auf Geheiß der Industrielobby verwässert und der europäische CO₂-Emissionshandel verzögert sich. Ich finde das schockierend. Ja, ich bin wütend – auf all die politischen Führer, die der Klimakrise viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben - nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig.“
Beispiel Paris
Was erwartet Van Ypersele denn jetzt von der Politik? „Klimatisierte öffentliche Schutzräume, in die sich alle, insbesondere die Schwächsten, zurückziehen können. Auch nachts, denn das ist sehr wichtig: Jede Nacht, in der die Temperatur über 25°C bleibt, ist für sie schwierig. Das ist Aufgabe der Kommunen. Sie müssen Orte wie Kirchen und Einkaufszentren finden.“
Er sieht auch Vorteile in der Begrünung und Aufwertung öffentlicher Räume, beispielsweise durch mehr Bäume, Schatten und Wasser in Städten: „Fahren Sie nach Paris. Dort ist es wirklich einfach, Wasser zu finden. Die Sanierung unserer Gebäude, um sie widerstandsfähiger gegen Kälte im Winter und Überhitzung im Sommer zu machen, wurde viel zu lange vernachlässigt. Jahr für Jahr hat eine Regierung Zuschüsse, Subventionen und Kredite eingeführt, nur um sie von der nächsten Mehrheit wieder gestrichen zu bekommen. Diesem Thema muss deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.“
Wo liegen die Prioritäten von Sicherheit?
„Wir müssen unsere Klimaziele nicht länger verwässern und uns stärker für erneuerbare Energien und Energieeffizienz einsetzen,“ so Van Ypersele mit Nachdruck. Das wird jedoch Geld kosten – viel Geld.
Jean-Pascal van Ypersele richtet einen deutlichen Appell an die Politik: „Sicherheit bedeutet nicht nur Schutz vor Bomben und Drohnen. Es geht auch um ein lebenswertes Klima und um Biodiversität, die unserer Lebensmittelversorgung und unserer psychischen Gesundheit zugutekommt. Investitionen darin bedeuten auch Sicherheit.“
