Im Sommer 1962 durfte der Bürgermeister von Mechelen als erster Mensch in Belgien transatlantisch telefonieren. Möglich wurde das durch ein ikonisches Kapitel der Raumfahrtgeschichte: den Start des Kommunikationssatelliten Telstar. Die Aufnahme des Gesprächs wurde nun im VRT-Archiv entdeckt. Lesen Sie die Geschichte und sehen und hören Sie das erste Telefongespräch aus Mechelen.
„Do you understand me?“: Erstes Telefongespräch über Satellit fand in Mechelen statt
Der sensationelle Satellit Telstar befand sich erst seit zwei Wochen in der Erdumlaufbahn. Dank Telstar hatten Amerikaner und Europäer bereits erstmals Fernsehbilder voneinander live und unmittelbar übertragen können. Nun sollte ein großangelegtes Experiment mit der Telefonie folgen.
Telstar sollte das langsame und teure Unterseekabel zwischen den USA und Europa endgültig überflüssig machen und Telefongespräche zwischen den Kontinenten direkt und in hoher Qualität ermöglichen.
23 europäische Städte erhielten von den Amerikanern die Gelegenheit, als erste offiziell live und transatlantisch aus den USA angerufen zu werden. Da Mechelen zahlreichen amerikanischen Unternehmen eine Heimat bot, fiel in Belgien die Wahl auf diese Stadt.
„Do you understand me?“
Am 27. Juli 1962 klingelte um genau 0.47 Uhr das schwarze Bakelittelefon im Büro von Bürgermeister Jos De Saeger. Zahlreiche Ehrengäste waren eingeladen worden. Ein Kamerateam des BRT stand bereit, große Tonbandgeräte zeichneten den historischen Moment auf.
Der Bürgermeister nahm den Hörer ab und hörte am anderen Ende der Leitung die Stimme seines Amtskollegen aus der Stadt Bay City im US-Bundesstaat Michigan. Begeistert trug De Saeger seinen sorgfältig einstudierten Text vor.
„This is De Saeger, acting mayor of Mechelen, do you understand me? Fine, famous!“ In gebrochenem Englisch fügte er anschließend noch die Worte „fantastic“ und „marvellous“ hinzu, lobte die Amerikaner, richtete allen Flamen in den USA Grüße aus und versicherte, dass diese neue Art der Kommunikation dem Frieden in der Welt dienen werde.
Anschließend konnte der Bürgermeister von Mechelen zudem stolz verkünden, die Amerikaner hätten ihm zugesichert, mit einem sechsten Unternehmen nach Mechelen zu kommen – einem Hersteller von Taschenrechnern.
Stern des Friedens
Die Begeisterung war grenzenlos. Auch wenn es in Mechelen eine dunkle und bewölkte Sommernacht gewesen war – ein Stern hatte geleuchtet: der „Friedensstern“ Telstar. Der Satellit sei ein „mächtiges Mittel“, um Menschen zu „weltbewussten Bürgern“ zu machen, schrieben die flämischen Zeitungen anschließend in großen Schlagzeilen. Das „Zeitalter des Weltfernsehens“ werde eingeläutet.
Telstar bot eine scheinbar einfache Lösung für ein Problem, an das die rasch wachsende Kommunikationstechnologie gestoßen war. Weil die Erde nun einmal rund ist, lassen sich zwei Kommunikationspunkte nur schwer direkt und schnell miteinander verbinden. Die Lösung musste daher von einer höher gelegenen Relaisstation kommen.
Einst war sogar vorgeschlagen worden, mitten im Atlantik einen mehrere hundert Meter hohen Turm zu errichten, der Kommunikationssignale zwischen den USA und Europa empfangen und weiterleiten sollte. Der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke träumte bereits 1945 von unbemannten Satelliten in einer Umlaufbahn um die Erde, die blitzschnelle Kommunikation ermöglichen würden.
Nicht mehr als eine Aluminiumkugel
Schließlich erhielt Ingenieur John R. Pierce vom amerikanischen Unternehmen American Telephone and Telegraph (heute AT&T) den Auftrag, ein vollständiges Netz von Relaissatelliten rund um die Erde aufzubauen. Es sollte rund um die Uhr Fernsehbilder, Radiosignale und Telefongespräche übertragen.
Pierce leitete die Entwicklung von Telstar 1, dem ersten kommerziellen Telekommunikationssatelliten – einem Stern, der die Welt ohne Verzögerung verbinden sollte.
Am 10. Juli 1962 wurde Telstar 1 mit einer Trägerrakete von Cape Canaveral aus gestartet. Viel mehr als eine Aluminiumkugel mit einem Durchmesser von etwa 88 Zentimetern war der Satellit allerdings nicht. Dennoch sorgte Telstar sofort für historische Momente.
Vizepräsident Lyndon B. Johnson erhielt im Weißen Haus umgehend einen Telefonanruf von der 640 Kilometer entfernten Bodenstation in Neuengland. Bereits zwei Tage später wurden die ersten transatlantischen Fernsehsignale direkt nach Frankreich und Großbritannien übertragen – mit Bildern des triumphierenden Präsidenten John F. Kennedy und der allgegenwärtigen amerikanischen Flagge.
Der 23. Juli 1962 wurde erneut zu einem historischen Tag: Erstmals wurde ein transatlantisches Fernsehprogramm ausgetauscht. Die Eurovisionsländer erhielten Bilder amerikanischer Wahrzeichen – von der Freiheitsstatue über die Niagarafälle bis hin zum Mount Rushmore.
Anschließend sendete Europa ein 18-minütiges Programm zurück – mit Aufnahmen von Sardinenfischern auf Sardinien bis zu Stahlwerken im Ruhrgebiet.
Sogar in den Hitparaden
Um genau 20.17 Uhr erschien die Sendung in Belgien auf den Fernsehbildschirmen. Das Bild zitterte kurz, blieb danach jedoch stabil. Pünktlich endete die Übertragung, denn anschließend verschwand Telstar unwiderruflich hinter dem Horizont.
Während jeder Erdumrundung des Satelliten war zwischen den Vereinigten Staaten und Europa nämlich nur etwa 20 Minuten lang Kontakt möglich. Telstar war kein geostationärer Satellit, sondern umkreiste die Erde. Im Studio des BRT sprach man anschließend mit dem amerikanischen Botschafter über das Ereignis und stellte fest, dass das Experiment ein voller Erfolg gewesen war.
Ende Juli folgte dann der internationale Telefonie-Coup mit Mechelen und anderen europäischen Städten. Danach reihten sich neue Meilensteine in rascher Folge aneinander. Telstar erwies sich als Glücksfall und wurde zu einem regelrechten Hype. In den Niederlanden wurde ein Fußballverein aus der Eredivisie in Telstar umbenannt. Und an der Spitze der Hitparaden stand das futuristische Gitarreninstrumental „Telstar“ von The Tornados.
Amerikanischer Atomtest
Das Abenteuer von Telstar 1 endete jedoch vorzeitig – ausgerechnet wegen des amerikanischen Militärs. Einen Tag vor dem Start des kostbaren Satelliten hatte das Militär vom Johnston-Atoll im Pazifik aus einen Atomtest durchgeführt. Der Nukleartest in 400 Kilometern Höhe erzeugte so starke Strahlung, dass die Transistoren von Telstar nicht mehr ordnungsgemäß funktionierten.
Nach sieben Monaten war der Satellit endgültig außer Betrieb. Doch schon am 7. Mai 1963 stand die NASA bereit, den weiterentwickelten Telstar 2 zu starten – diesmal in einer höheren und sichereren Erdumlaufbahn.
So konnten Fernsehzuschauer auf beiden Seiten des Atlantiks Ende des Jahres ein gemeinsam produziertes interkontinentales Weihnachtsprogramm verfolgen. Belgien steuerte Bilder von Kindern bei, die im historischen Brügge Dreikönigslieder sangen.
Der legendäre Telstar 1 mag zwar außer Betrieb sein, doch er umkreist die Erde noch immer auf einer elliptischen Bahn. Nie wurde er aus seiner Umlaufbahn entfernt. Als Weltraumschrott kann er dort noch Tausende Jahre weiterkreisen.
Näher – als greifbarer Zeuge dieses Kapitels der Telekommunikationsgeschichte – liegt die Bodenstation im bretonischen Pleumeur-Bodou, die heute als Museum eingerichtet ist. Dort ist unter anderem noch immer die schneeweiße, 50 Meter hohe Antennenkuppel zu besichtigen, die 1962 die ersten Telstar-Signale in Europa empfing.
Die Geschichte hat zudem eine überraschende Wendung genommen. Heute wird ein großer Teil des interkontinentalen Telefon- und Internetverkehrs wieder über Kabel auf dem Meeresboden abgewickelt. Glasfaserkabel verfügen über eine größere Kapazität als die einst so revolutionären Satelliten.

