Auf einem außergewöhnlichen landwirtschaftlichen Gelände in Herne (Provinz Ostflandern) wurden bis zu sechsmal mehr Schmetterlinge und Nachtfalter gezählt als auf herkömmlichen Feldern in der Umgebung. Das zeigt eine Langzeitstudie von Forschern der Vrije Universiteit Brussel (VUB) und der UCLouvain.
Vor 15 Jahren verwandelten die Biologen Ines Van Bocxlaer und Franky Bossuyt ein rund zwei Hektar großes Grundstück im Aerebeek-Tal in eine vielfältige Kulturlandschaft mit Obst- und Nussbäumen, Sträuchern, Wiesenflächen, Teichen sowie Gräben und Feuchtzonen. Das Projekt erhielt den Namen De Wildernis.
Was ist Agriwilding?
Das Gelände wird nach den Prinzipien des sogenannten Agriwilding bewirtschaftet. Dabei handelt es sich um eine Form der Landwirtschaft, die Nahrungsmittelproduktion und Naturschutz miteinander verbindet. Charakteristisch sind überwiegend mehrjährige Kulturen, wenig Bodenbearbeitung, dauerhafte Bodenbedeckung, Förderung von Bodenorganismen, Raum für Wildpflanzen und natürliche Prozesse.
Dadurch entsteht eine abwechslungsreiche Landschaft, in der zahlreiche Tier- und Pflanzenarten geeignete Lebensräume finden. Auf De Wildernis wachsen beispielsweise Nussbäume und grüner Spargel.
Sechsmal mehr Schmetterlinge
Die Forscher beobachteten mehrere Jahre lang die Schmetterlingspopulationen auf dem Gelände und verglichen sie mit klassischen Ackerflächen der Region. Die Ergebnisse bezeichnet Forschungsleiter Franky Bossuyt als bemerkenswert: „Es wurden bis zu sechsmal mehr Tag- und Nachtfalter gezählt.“
Nicht nur die Anzahl der Tiere war höher – auch die Artenvielfalt fiel deutlich größer aus. Von den 39 Tagfalterarten, die in der Region vorkommen, wurden auf dem Gelände 30 Arten nachgewiesen. Nach Angaben der Forscher ist das mehr als auf den umliegenden Landwirtschaftsflächen und sogar mehr als in den untersuchten Naturschutzgebieten der Umgebung. Bei den Nachtfaltern war die Artenvielfalt vergleichbar mit jener in natürlichen Schutzgebieten.
Nicht für alle Kulturen geeignet
Die Wissenschaftler betonen, dass Agriwilding die klassische Landwirtschaft nicht ersetzen soll, aber eine wertvolle Ergänzung sein kann. „Diese Untersuchung zeigt, dass Landwirtschaft und die Wiederherstellung der Biodiversität sich nicht ausschließen müssen. Agriwilding kann die Erholung der Natur sogar fördern“, sagt Bossuyt.
Allerdings eignet sich das System nicht für jede Kulturpflanze. „Einjährige Kulturen wie Blumenkohl passen nicht in dieses Modell, da Agriwilding vor allem auf mehrjährige Pflanzen setzt.“
Schon 10 Prozent würden viel bewirken
Nach Einschätzung der Forscher müsste nicht die gesamte Landwirtschaft umgestellt werden, um positive Auswirkungen zu erzielen. „Wenn bereits zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Flandern nach den Prinzipien des Agriwilding bewirtschaftet würden, wäre das ein enormer Gewinn für die Biodiversität“, so Bossuyt.
Das Projekt in Herne gilt damit als gelungenes Beispiel dafür, wie Landwirtschaft und Naturschutz miteinander kombiniert werden können – mit messbaren Vorteilen für Schmetterlinge, andere Insekten und die biologische Vielfalt insgesamt.
