Die Zeiten, in denen die Schleusenwärter an den Binnenwasserwegen direkten persönlichen Kontakt mit den Kapitänen der Lastkähne hatten, sind schon lange vorbei. Inzwischen sind die Schleusen moderne Bauwerke, die von Tower-ähnlichen Türmen aus gesteuert werden. Doch auch dies läuft zumindest im belgischen Bundesland Flandern wohl in den nächsten Jahren aus.
Aus für den Schleusenwärter in Flandern? Ein Tower mit moderner Technik soll dessen Job digitalisieren
Der Schleusenkomplex an der Schelde in Kerckhove, wo die Provinzen Ost- und Westflandern aufeinandertreffen, ist eine solche Anlage. Von seinem Kontrollturm aus bedient der Schleusenwärter vier verschiedene Becken: Die eigentliche Schleuse am Ufer, ein vollautomatisiertes Wehr, die alte und manuell betriebene Schleuse, die schon lange nicht mehr in Betrieb ist und ein Schwimmkanal, damit die Fische in der Schelde wandern können.
Automatisierung
Fast all Aufgaben fallen für die Schifffahrtsleiter, wie der Schleusenwärter heutzutage genannt wird, wohl bald weg. In diesem Sektor und bei der regionalen flämischen Wasserstraßenbehörde „De Vlaamse Waterweg“ ist Automatisierung an der Tagesordnung. Das Fachwissen des Schleusenwärters bleibt zwar wichtig, wird aber durch Kameras an den Schleusen und Wehren unterstützt, die gemeinsam den Schiffsverkehr regeln.
Darüber hinaus ziehen die Schleusenwärter aus ganz Flandern in drei neue, zentrale Kontroll- und Leitstellen um: Willebroek bei Mechelen in der Provinz Antwerpen, Hasselt in der Provinz Limburg und Evergem in Ostflandern.
Stand der Dinge
Agnes Peil, die als Programmmanagerin für Fernsteuerung das gesamte Zentralisierungsprojekt der flämischen Wasserwegebehörde leitet, erklärte gegenüber der flämischen Tageszeitung De Morgen, wie die Zentralisierung heute aussieht: „Willebroek befindet sich derzeit im Bau, während Hasselt und Evergem bereits in Betrieb sind. Jede dieser drei Anlagen wird ein Knotenpunkt für die Wasserwege der Region werden.“
Von Evergem aus werden alle Schleusen der Leie von Menen bis zur Buda-Brücke in Kortrijk, aber auch die touristische Leie bis Deinze sowie mehrere Brücken und Schleusen im Stadtzentrum von Gent und weiter in Richtung Küste das Wehr von Beernem und den Kanal Bossuit-Kortrijk geleitet.
Mittelfristig wird der Betrieb der Wehr- und Schleusenanlagen an der Oberen Schelde nach Evergem verlegt. Dies betrifft auch den Schleusenkomplex von Kerchove, von dem aus auch die Binnenschifffahrtsstraßen durch Asper, Oudenaarde und eben Kerkhove geleitet werden.
Effizienz und Einsparungen
Agnes Peil von „De Vlaamse Waterweg“ sagte gegenüber De Morgen, dass diese Maßnahme nicht zuletzt der Effizienzsteigerung und der Kosteneinsparung gilt: „Die gleiche Anzahl an Brücken, Wehren und Schleusen von Evergem aus zu betreiben, ist deutlich effizienter.“ Weniger Schifffahrtsbeamte bzw. Schleusenwärter ist schlicht und einfach das Ziel. Dies ist aber auch ein wichtiger Schritt, um die Infrastruktur der flämischen Wasserstraße zukunftsfähig zu machen.
Der gesamte Automatisierungsprozess wird auch Vorteile für den einzelnen Schiffsführer bieten, unterstrich Peil: „Derzeit gilt das FIFO-Prinzip (First In, First Out) für die Schiffsabfertigung: Wer zuerst an der Schleuse ankommt, wird zuerst vom Verkehrsleiter bedient. Was wir jetzt entwickeln, könnte ein ‚Waze fürs Wasser‘ werden: Ein GPS-System, das für jedes Boot die effizienteste Route vorschlägt – mit anderen Worten, ein individueller Navigationsplan.“
