Die VRT hat die vollständige Studie hinter „De Foto van Vlaanderen“ veröffentlicht, nachdem eine Diskussion über die Ergebnisse, insbesondere über mögliche Schlussfolgerungen zu Menschen mit Migrationshintergrund, entstanden war.
Debatte um „Foto van Vlaanderen“: VRT veröffentlicht vollständige Studie
Die flämische Medienministerin Cieltje Van Achter von den flämischen Nationalisten (N-VA) hatte zuvor gefordert, die Studie vollständig freizugeben. „Bei einer Untersuchung, die eine so heftige gesellschaftliche Debatte auslöst, ist maximale Transparenz angebracht. Die vollständige Studie einschließlich aller Ergebnisse muss daher veröffentlicht werden“, schrieb sie auf X.
Auch andere Politiker hatten mehr Transparenz verlangt, nachdem die Ergebnisse der Untersuchung für Diskussionen gesorgt hatten. In der VRT-Sendung De Afspraak sagte der Philosoph Maarten Boudry, die VRT halte Schlussfolgerungen über Menschen mit ausländischer Herkunft zurück. Er zeigte dabei ein Blatt Papier, auf dem eine interne E-Mail abgedruckt gewesen sein soll. Daraus gehe hervor, dass die VRT bestimmte Ergebnisse „unter den Teppich kehren“ wolle.
Die VRT weist diesen Vorwurf zurück. Dass die Aufschlüsselung nach Herkunft in der ursprünglichen Berichterstattung nicht enthalten gewesen sei, liege daran, dass die Zahlen statistisch nicht aussagekräftig genug gewesen seien. In der Erklärung zur Studie betont die VRT, Ergebnisse zu Menschen mit ausländischer Herkunft müssten besonders vorsichtig interpretiert werden.
Die Untersuchung könne zwar indikative Einblicke liefern, stelle für diese sehr heterogene Bevölkerungsgruppe jedoch keine statistisch belastbare Grundlage dar. Auch das unabhängige Forschungsinstitut Profacts habe das inzwischen öffentlich bestätigt.
Laut VRT umfasst die Stichprobe 310 Personen mit ausländischer Herkunft. Darunter seien überwiegend Menschen niederländischer Herkunft (95 Personen), aber auch Personen marokkanischer (16), italienischer (11) oder französischer Herkunft (10). Deshalb könne diese Teilgruppe nicht als vollständig repräsentativ betrachtet werden. Zudem seien die Zahlen zu klein, um statistisch verlässliche Aussagen über einzelne Herkunftsgruppen zu treffen.
Die Erklärung der VRT
Die VRT betont, man habe keineswegs versucht, Ergebnisse zu verbergen. Vielmehr habe die Nachrichtenredaktion ausführlich über Themen berichtet, die mit Herkunft und Diversität zusammenhängen.
Problematisch sei jedoch, dass es für diese Untergruppe keinen vollständig verlässlichen statistischen Vergleichsmaßstab gebe. Deshalb könne die Zusammensetzung dieser Gruppe nicht zuverlässig nach Merkmalen wie Alter, Geschlecht oder Bildungsniveau überprüft werden.
Die VRT verweist darauf, dass dieses Problem nicht nur bei dieser Untersuchung auftrete. Auch bei anderen Datensätzen, etwa dem sogenannten „CIM Golden Standard“, könnten zwar Aussagen über die Gesamtbevölkerung gemacht werden, nicht aber über kleine Untergruppen innerhalb der Bevölkerung mit ausländischer Herkunft.
Konkret gehe es in der Stichprobe um 310 Personen, die entweder selbst oder über mindestens ein Elternteil aus dem Ausland stammen. Neben Personen niederländischer Herkunft seien darin unter anderem Menschen mit italienischer, marokkanischer, türkischer, ukrainischer, polnischer oder spanischer Herkunft vertreten.
Die VRT argumentiert, dass Aussagen über einzelne Gruppen statistisch problematisch würden. Würde man beispielsweise nur Personen marokkanischer oder türkischer Herkunft betrachten, bliebe lediglich eine sehr kleine Zahl von Befragten übrig. Deshalb habe der Forschungsdienst der VRT empfohlen, diese Daten nicht isoliert zu veröffentlichen.
Zusammenfassend hält die VRT fest, dass „De Foto van Vlaanderen“ zwar wertvolle Einblicke in die flämische Gesellschaft liefere, Ergebnisse zu Menschen mit ausländischer Herkunft jedoch nur als Hinweis verstanden und stets mit Vorsicht interpretiert werden sollten.
Konservative Einstellungen bei jungen Männern
Aus der Untersuchung geht hervor, dass insbesondere junge Männer bei Themen wie LGBTQIA+-Personen oder traditionellen Geschlechterrollen vergleichsweise konservative Ansichten vertreten. Die Frage, ob dabei auch die Herkunft eine Rolle spielt, wurde in der ursprünglichen Berichterstattung zwar erwähnt, jedoch ohne konkrete Zahlen.
In der inzwischen veröffentlichten Gesamtstudie findet sich diese Aufschlüsselung allerdings. Dort zeigt sich, dass Personen mit ausländischer Herkunft bei Fragen zu traditionellen Rollenbildern und Geschlechtervielfalt häufiger konservative Positionen vertreten als der Durchschnitt der Befragten. Die Werte liegen oft ähnlich hoch wie bei jungen Menschen insgesamt.
Der Soziologe Cecil Meeusen von der KU Leuven erklärte dazu bereits früher, solche Tendenzen seien bei Jugendlichen zu erwarten, die religiöser erzogen würden oder in traditionelleren Rollenmustern aufwüchsen. Gleichzeitig warnte er davor, diese Einstellungen ausschließlich auf Herkunft oder Religion zurückzuführen.
Berücksichtige man Faktoren wie den sozioökonomischen Hintergrund oder das Bildungsniveau der Eltern, würden sich viele Unterschiede deutlich abschwächen. Es sei daher falsch, konservative junge Männer pauschal mit Jugendlichen nicht belgischer Herkunft gleichzusetze
Stellungnahme des Forschungsinstituts Profacts
Das Forschungsinstitut Profacts erklärte, die Studie sei bereits zum dritten Mal im Auftrag des VRT-Studienservices durchgeführt worden. Ziel der Untersuchung sei es, Meinungen der Flamen zu gesellschaftlichen Themen zu erfassen, ohne dabei sensible Fragen zu Religion oder politischen Vorlieben zu stellen.
Befragt wurde eine repräsentative Stichprobe von 2.261 Flamen ab zwölf Jahren über ein Online-Panel. Die Stichprobe sei anhand von Alter, Geschlecht, Provinz, Bildungsniveau und dem Anteil von Personen mit nicht belgischer Herkunft zusammengestellt worden.
Das bedeute jedoch nicht, dass die Untergruppe der Flamen mit nicht-belgischer Herkunft in sich repräsentativ sei. Ergebnisse zu dieser Gruppe müssten deshalb mit der nötigen Vorsicht interpretiert werden und könnten nicht als vollständig repräsentativ gelten.
