Mehr als die Hälfte der Flamen möchte lieber keine Moschee in der eigenen Nachbarschaft. Auch die Sorge vor einem „Bevölkerungsaustausch“ bleibt groß. Darüber hinaus sorgen Begriffe wie „Wintermarkt“ weiterhin für Spannungen. Das zeigt die Studie „Het Foto van Vlaanderen“ („Das Foto von Flandern“), eine groß angelegte gesellschaftliche Untersuchung im Auftrag von VRT NWS.
"Das Foto von Flandern": Mehrheit der Flamen will keine Moschee in der Nachbarschaft
Bereits frühere Ausgaben der Studie zeigten, dass kulturelle Vielfalt die flämische Gesellschaft stark spaltet. Vor allem ältere Menschen und Personen mit niedrigerem Bildungsgrad stehen Migration, Asyl und dem Islam häufig skeptisch gegenüber. Jüngere Generationen wachsen hingegen in einer vielfältigeren Gesellschaft auf und zeigen sich im Durchschnitt offener, während die aktuellen Zahlen auch eine steigende Skepsis bei den Teenagern verdeutlichen.
Auch die neuesten Erhebungen zeigen, dass kulturelle Vielfalt weiterhin zu den Themen gehört, bei denen die Meinungen besonders stark auseinandergehen. Vor allem dann, wenn diese im direkten Lebensumfeld sichtbar wird. In der eigenen Nachbarschaft, beim Sprachgebrauch oder bei gesellschaftlichen Symbolen werden die Unterschiede zwischen den Altersgruppen deutlich.
Menschen, die regelmäßig Kontakt zu Personen mit anderem Hintergrund haben, stehen gesellschaftlicher Vielfalt im Durchschnitt positiver gegenüber. Wer wenig Kontakt mit anderen Kulturen oder Gemeinschaften hat, ist häufiger skeptischer.
Sorge vor „Bevölkerungsaustausch“ vor allem bei älteren Menschen
60 Prozent der Flamen geben an, wegen der Präsenz des Islams in Flandern besorgt zu sein. Besonders hoch liegen die Werte bei den 45- bis 64-Jährigen mit 65 Prozent sowie bei den über 65-Jährigen mit 67 Prozent, auch wenn die Zahlen im Vergleich zu 2023 und 2024 leicht zurückgehen.
Bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren liegt der Wert mit 61 Prozent etwas niedriger, laut den Forschern zeigt sich dort jedoch eine steigende Tendenz.
Darüber hinaus stimmen 56 Prozent der Befragten der Aussage zu, Angst zu haben, dass Flamen langsam durch Migranten oder Menschen aus dem Ausland ersetzt werden. Auch hier liegen die höchsten Werte bei den 45- bis 64-Jährigen mit 58 Prozent sowie bei den über 65-Jährigen mit 59 Prozent. Bei Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren ist die Zustimmung mit ebenfalls 58 Prozent ähnlich hoch.
Lieber keine Moschee in der eigenen Nachbarschaft
Lediglich 23 Prozent der Flamen geben ausdrücklich an, offen für eine Moschee in ihrer eigenen Nachbarschaft zu sein. 52 Prozent lehnen dies ab.
Besonders ältere Generationen reagieren skeptisch auf die Idee. Bei den 45- bis 64-Jährigen halten 58 Prozent eine Moschee in ihrer Nähe für „nicht in Ordnung“, bei den über 65-Jährigen steigt dieser Wert auf 60 Prozent.
Diese Haltung passt laut Studie zu einer allgemein reservierteren Einstellung gegenüber dem Islam. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung aber auch, dass selbst Menschen, die nach eigenen Angaben kein Problem mit Muslimen oder dem Islam haben, häufig Vorbehalte gegenüber einer Moschee in ihrem direkten Wohnumfeld äußern.
So sprechen sich selbst unter denjenigen, die keine Sorgen wegen des Islams haben, noch 17 Prozent gegen eine Moschee in der Nähe aus. Auch unter den Befragten, die keinen „Bevölkerungsaustausch“ befürchten, möchten 22 Prozent lieber keine Moschee in ihrer unmittelbaren Umgebung.
Sprache sorgt für die größten Spannungen
Am stärksten polarisiert laut Studie die Frage nach dem Sprachgebrauch. Viele Flamen reagieren empfindlich auf Veränderungen oder Anpassungen bestimmter Begriffe.
Dafür wurde in der Untersuchung ein konkretes Beispiel verwendet: Bei einer Familienfeier bezeichnet eine Tante schwarze Menschen mit dem „N-Wort“. 32 Prozent der Flamen geben an, damit kein Problem zu haben, während 43 Prozent dies ablehnen.
Auch hier liegen Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren vergleichsweise nahe bei älteren Generationen: 34 Prozent halten die Verwendung des Begriffs für akzeptabel. Bei den 45- bis 64-Jährigen sind es 38 Prozent, bei den über 65-Jährigen 37 Prozent.
Am deutlichsten lehnen die 18- bis 24-Jährigen den Begriff ab. Nur 19 Prozent halten dessen Verwendung für akzeptabel. Zudem sprechen sich 47 Prozent der Frauen gegen den Gebrauch aus, gegenüber 39 Prozent der Männer.
„Weihnachtsmarkt muss Weihnachtsmarkt bleiben“
Auch inklusive oder neutralere Bezeichnungen stoßen auf Widerstand. 57 Prozent der Flamen finden, dass ein Weihnachtsmarkt weiterhin Weihnachtsmarkt heißen sollte.
Vor allem ältere Generationen lehnen Versuche ab, den Begriff durch neutralere Bezeichnungen wie „Wintermarkt“ zu ersetzen. Unter den 45- bis 64-Jährigen sind 64 Prozent gegen eine solche Umbenennung, bei den über 65-Jährigen sogar 67 Prozent.
Bei jüngeren Menschen fällt der Widerstand geringer aus. Unter den 18- bis 24-Jährigen lehnen 41 Prozent eine Umbenennung ab, bei den 25- bis 44-Jährigen sind es 45 Prozent.
„Der durchschnittliche Flame kämpft mit gesellschaftlichen Veränderungen“
Laut dem Moralphilosophen Patrick Loobuyck von den Universitäten in Antwerpen und Gent zeigen die „relativ hohen“ Zahlen, dass viele Menschen Schwierigkeiten mit den schnellen gesellschaftlichen Veränderungen hätten.
Die Menschen seien besorgt über Fragen wie die Zukunft Flanderns, die eigene Identität und den Platz der heutigen Bevölkerung in der Gesellschaft. Dabei spielten sowohl demografische Veränderungen als auch politische Debatten eine Rolle.
Loobuyck erklärte, die Bevölkerung habe sich in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich stark verändert. Vielfalt sei längst nicht mehr nur in Städten sichtbar, sondern inzwischen fast überall spürbar. Menschen nähmen diese Veränderungen wahr und bemerkten auch Auswirkungen auf Bildung und Gesellschaft.
Gleichzeitig warnte der Moralphilosoph vor vereinfachenden Erzählungen aus identitär-rechten Kreisen. Dort werde teilweise der Eindruck vermittelt, hinter Migration stecke ein bewusster Plan von Eliten, die Gesellschaft zu verändern. Solche Narrative verstärkten bestehende Unsicherheit zusätzlich.
Loobuyck bezeichnete es zugleich als „ziemlich natürlich“, dass Menschen defensiv auf große Veränderungen reagierten. Der Mensch neige von Natur aus eher zum Denken in Gruppen und ziehe sich bei Unsicherheit häufig zurück.
Diese Gefühle müssten ernst genommen werden, ohne sie sofort als rassistisch abzustempeln. Die Herausforderung bestehe darin, Menschen beim Umgang mit Vielfalt zu unterstützen, statt Ängste sofort zu verurteilen.
Entscheidend sei dabei der Kontakt zwischen unterschiedlichen Gruppen. Je stärker die gesellschaftliche Trennung, desto größer werde das Misstrauen. Begegneten sich Menschen dagegen häufiger auf Augenhöhe, könnten Vorurteile eher abgebaut werden.
Gleichzeitig betonte Loobuyck, dass Kulturen sich ständig verändern würden. Die flämische Kultur sehe heute bereits ganz anders aus als noch vor 50 oder 60 Jahren. Das bedeute jedoch nicht, dass sie verschwinde. Auch in 20 Jahren werde weiterhin klar erkennbar sein, dass es sich um Flandern handle.
Was ist „Das Foto von Flandern“?
„Das Foto von Flandern“ ist eine Studie, die VRT seit 2009 durchführen lässt. Sie gibt Einblicke in die Sorgen und Nöte der flämischen Bevölkerung, insbesondere in gesellschaftliche Themen.
Es handelt sich dabei um eine Online-Umfrage, deren Datenerhebung vom unabhängigen Forschungsinstitut Profacts durchgeführt wurde. Befragt wurde eine repräsentative Stichprobe (Geschlecht, Alter, Bildung, Provinz) von 2.261 Flamen ab 12 Jahren.
