Staatsminister, EU-Kommissar, Diplomat, Geschäftsmann und Direktor zahlreicher Unternehmen: Der Pfeife rauchende Etienne Davignon war all dies. Er ist an diesem Montag (18. Mai) im Alter von 93 Jahren verstorben. Belgien verliert mit ihm eine der einflussreichsten Persönlichkeiten hinter den Kulissen von Politik und Wirtschaft. Etienne Davignon war kein eitler Selbstdarsteller, aber er war zweifellos einer der prägendsten Zeitgenossen der vergangenen Jahrzehnte in diesem Land. Eine ganz saubere Weste hatte er aber nicht unbedingt.
Diplomat, EU-Kommissar und erfolgreicher Geschäftsmann: Graf Etienne Davignon ist verstorben
Etienne Davignon wurde 1932 in der ungarischen Hauptstadt Budapest geboren. Er entstammte einer traditionsreichen Diplomatenfamilie, die Belgien seit der Staatsgründung prägte. Sein Vater, Jacques Davignon, war während des Zweiten Weltkrieges Berater von König Leopold III. und fungierte unter anderem als Vermittler zwischen dem König und den deutschen Besatzern. Seine Mutter, Jacqueline de Liedekerke, war Hofdame von Königin Elisabeth.
Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs war Davingnons Vater belgischer Botschafter in Berlin. „Göring (Herman, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Red.) kam eines Abends zum Abendessen in die Botschaft“, erzählte Davignon einmal: „Ich sah ihn in seiner weißen Großmarschalluniform mit vielen Orden. Wir fanden das etwas lächerlich.“
Sein Großvater, Julien Davignon, war unter anderem Minister und wurde 1916 für seine Verdienste geadelt. Der Titel Burggraf wird in Belgien an die Nachkommen des ersten Geadelten vererbt. „Ich hatte einen höheren Stand als viele andere in der Gesellschaft“, sagte Davignon dazu, als seine Biografie „Meine drei Leben“ 2019 erschien: „Die Umstände und die Situation eröffneten mir Chancen.“
Dubiose Rolle im Kongo
1959 trat der damals 28-jährige Etienne Davignon in die Fußstapfen seines Vaters und trad in den diplomatischen Dienst ein. In den 1960er Jahren war er Gesandter im gerade unabhängig gewordenen Kongo. Laut dem Schriftsteller und Soziologen Ludo De Witte spielte er eine Rolle bei der Ermordung von Patrice Lumumba (erster freigewählter Präsident in der ehemaligen belgischen Kolonie Kongo) und der Niederschlagung des Aufstands in Stanleyville.
2011 – 50 Jahre nach seinem Tod – erstatteten Patrice Lumumbas Kinder Anzeige gegen zehn Personen, die ihrer Ansicht nach an der Ermordung ihres Vaters beteiligt waren. Die Bundesanwaltschaft ermittelte in dem Fall und 2026 entschied die Brüsseler Anklagekammer, Davignon an das Strafgericht zu verweisen. Zu diesem Zeitpunkt waren die neun anderen Verdächtigen bereits verstorben. Davignon legte Berufung gegen die Entscheidung der Kammer ein, doch sein Schicksal lag in den Händen der Justiz.
Einflussreicher Diplomat und EU-Kommissar
Nach seiner Rückkehr nach Belgien arbeitete Etienne Davignon im Außenministerium unter den Ministern Paul-Henri Spaak (BWP) und Pierre Harmel (PSC). In den 1970er Jahren zählte er zu den führenden Persönlichkeiten der belgischen Diplomatie und war unter anderem Vorsitzender des Exekutivausschusses der Internationalen Energieagentur.
In der Europäischen Kommission unter Präsident Roy Jenkins war Etienne Davignon Vizepräsident und zuständig für Binnenmarkt und Industrie. Er hatte die wenig dankbare Aufgabe, den Niedergang der europäischen Stahlindustrie so effektiv wie möglich zu gestalten. Seine eigene Popularität war Davignon nicht wichtig. „Als EU-Kommissar habe ich mich nicht von dem Gedanken zurückhalten lassen: ‚Oh je, morgen könnte man mich irgendwo verbrennen‘“, sagte er 2005 gegenüber der flämischen Tageszeitung De Standaard.
Einer der einflussreichsten Belgier
Nach seiner Amtszeit als Aufsichtsratsmitglied zog sich Davignon aus der Unternehmenswelt zurück, wo er oft eine entscheidende Rolle spielte. So verhinderte er beispielsweise als Mitglied des Verwaltungsrats der Société Generale/Generale Maatschappij, dass das Kronjuwel der belgischen Wirtschaft in die Hände des italienischen Geschäftsmanns Carlo de Benedetti fiel. Diese Bank und spätere Holding ist eng mit der Industrialisierung und wirtschaftlichen Entwicklung Belgiens verbunden. Ohne die Société Générale würde es Belgien in seiner heutigen Prägung so nicht geben.
Wenige Jahre später konnte er jedoch nicht verhindern, dass die Generale Maatschappij in die Hände des französischen Suez-Konzerns gelangte. Davignon blieb Suez und der GdF Suez bis als Verwaltungsratsmitglied 2022 treu.
Sabena- und Fortis-Pleite
Nach der Insolvenz der belgischen Fluggesellschaft Sabena gelang es Etienne Davignon und seinem Partner Maurice Lippens 2002, genügend Kapital für die Gründung von SN Brussels Airlines aufzubringen. Anschließend blieb er als Vorsitzender eng mit deren Nachfolgegesellschaft, Brussels Airlines (heute eine hundertprozentige Tochter der deutschen Lufthansa-Gruppe), verbunden.
In der Bankenwelt verlief Davignons Karriere nicht immer so erfolgreich. Er konnte den Konkurs der Fortis Bank nicht verhindern und wurde dafür von den Aktionären mitverantwortlich gemacht, die die Führungskräfte auf einer Aktionärsversammlung mit Schuhen bewarfen. Später räumte Davignon ein, einen Fehler begangen zu haben. „Die Banken haben damals ihre Macht missbraucht“, gab er zu.
Dennoch gilt Etienne Davignon vielen als einer der einflussreichsten Belgier seiner Zeit. Mit seinem umfangreichen Adressbuch und seiner Pfeife, die er ständig im Mundwinkel hatte, hatte er bei zahlreichen Transaktionen, Ernennungen und industriellen Umbrüchen seine Finger im Spiel. Gegen Ende seines Lebens trübte seine unrühmliche Vergangenheit im Kongo seinen Ruf. Durch seinen Tod bleiben viele Fragen dazu unbeantwortet.
