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Neue Biografie rückt König Baudouin in ein neues Licht

Die neue Biografie über König Baudouin von Historiker Vincent Dujardin rückt den „einzigen Belgier“ in ein neues Licht. Enthalten sind neue Fakten zu seiner Rolle im Zusammenhang mit der Tötung des kongolesischen Premiers Lumumba 1961, zur Abtreibungsdebatte 1990 sowie private Einblicke in sein Leben, die auf nun ausgewerteten Archiven und Tagebüchern basieren.

Anne Mettlen
Veröffentlicht:

Ein wichtiger inhaltlicher Punkt betrifft den Tod des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba. Nach Darstellung der Biografie ergibt sich aus den neu ausgewerteten Dokumenten kein eindeutiger Hinweis auf eine direkte Beteiligung König Baudouins an der Entscheidung über die Überstellung Lumumbas nach Katanga oder dessen anschließende Ermordung.

Dujardin stellt damit frühere politische Einschätzungen in Frage, insbesondere eine parlamentarische Untersuchung, die Belgien zumindest eine „moralische Verantwortung“ zuschrieb. Im Zentrum seiner Analyse steht eine neu bewertete Chronologie von Briefen aus dem Oktober 1960 zwischen dem Palast und Akteuren in Katanga.

Der Fall bleibt jedoch historisch umstritten. In der Forschung wird weiterhin betont, dass die Verantwortlichkeiten im Kontext der Dekolonisation komplex sind und unterschiedliche Interpretationen nebeneinander bestehen.

Lumumba bei seiner Festnahme.

Gewissenskonflikt samt Staatskrise

Besonders detailliert zeigen die Tagebücher Baudouins inneren Konflikt im Jahr 1990 rund um das Abtreibungsgesetz. Der zutiefst religiöse König verweigerte die Unterzeichnung aus Gewissensgründen – ein Schritt, der eine institutionelle Krise auslöste.

Neu ist vor allem das Ausmaß seiner Überlegungen: Laut Biografie dachte er zeitweise über Abdankung, Exil und sogar einen Hungerstreik nach, um die Gesetzesunterzeichnung zu verhindern. Gleichzeitig suchte er nach einer Lösung, die die Monarchie und die demokratischen Institutionen nicht gegeneinander ausspielen sollte.

Die Regierung unter Wilfried Martens fand schließlich einen Kompromiss: Der König wurde für einen Tag für „regierungsunfähig“ erklärt, sodass der Ministerrat das Gesetz selbst ratifizieren konnte. Die Tagebücher legen zudem nahe, dass die Regierung über Baudouins Haltung früher informiert war als bislang öffentlich dargestellt – im Gegensatz zu späteren Memoiren des damaligen Premierministers Martens.

Der König lehnte die Unterzeichnung des Abtreibungsgesetzes ab.

Persönliche Briefe und religiöser Kontext

Die Dokumente zeigen auch Baudouins starke religiöse Prägung. Er wandte sich während der Krise an spirituelle Autoritäten bis hin zum Vatikan, darunter Papst Johannes Paul II. und den damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger. Konkrete Handlungsanweisungen, das Gesetz nicht zu unterzeichnen, ergeben sich daraus jedoch nicht eindeutig.

In seinen Notizen schwankt der König zwischen politischer Verantwortung und persönlichem Glauben.

Folgen für die royale Nachfolge

Die Biografie zeigt auch, wie sehr die ethischen Konflikte die Zukunft der Monarchie prägten. Nach Baudouins Tod 1993 übernahm sein Bruder Albert den Thron, nicht wie in Teilen der Öffentlichkeit erwartet sein Neffe Philippe, der aktuelle König.

Bereits zuvor hatte sich abgezeichnet, dass Fragen rund um Religion, Gewissen und Gesetzestreue die Rolle der Monarchie langfristig prägen würden. Ein Thema, das später auch in Diskussionen über eine stärker „protokollarische“ Funktion des Königs wieder auftauchte.

Philippe folgte Baudouin nicht direkt auf den Thron.

Seine Liebe des Lebens

Neben der Politik beleuchtet die Biografie auch Baudouins private Seite. Seine Beziehung zu Fabiola, der spanischen Adligen und späteren Königin von Belgien, begann 1960 nach einer Begegnung in Brüssel und entwickelte sich rasch zu einer engen, aber auch belasteten Ehe.

Das Paar erlitt mehrere Fehlgeburten und blieb kinderlos. Ein schwerer persönlicher Einschnitt auch im Kontext der dynastischen Erwartungen. Die Tagebücher zeichnen Baudouin dabei als emotional stark geprägten, oft innerlich ringenden Monarchen.

Ein in der Biografie zitierter letzter Brief aus dem Juni 1993 zeigt einen bereits geschwächten König, der seine Frau als zentrale Figur seines Lebens würdigt.

Eine Stunde nach ihrer Verlobung in Lourdes musste Baudouin Hals über Kopf nach Brüssel: In Kongo brach Chaos aus.

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