Studierende des Fachbereichs Webentwicklung an der Universität Gent (UGent) durften während ihrer Prüfung Unterrichtsmaterial, Spickzettel und sogar Künstliche Intelligenz (KI) verwenden. Mit dieser Prüfung, die übrigens im Rahmen einer ICT-Messe in Antwerpen stattfand, möchte Professor Ruben Verborgh zeigen, dass Studierende Kompetenzen besitzen, die KI nicht hat und dass die Gesellschaft KI in der Bildung integrieren muss. „Wir müssen Studierende auf eine Welt vorbereiten, in der KI allgegenwärtig ist“, sagte Verborgh gegenüber VRT NWS, der auch Nicht-Studierende zur Teilnahme an der Prüfung einlud.
Professor der Universität Gent erlaubt KI im Examen: „Studierende auf eine Welt vorbereiten, in der KI allgegenwärtig ist“
Professor Verborgh unterrichtet Webentwicklung an der Genter Uni, in dem Studierende lernen, wie man Websites und Apps entwickelt. Das ist ein Fachbereich, in dem auch KI eingesetzt werden kann. „Da es in dem Kurs um das Internet geht, habe ich ihn von Anfang an als Open-Book-Kurs und Open-Internet-Kurs gestaltet“, so Verborgh: „Als ChatGPT aufkam, dachte ich: ‚Nutzt es einfach, dafür ist es da.‘“
Studierende durften daher während der Prüfung zur Lösung der Aufgaben alles benutzen: Spickzettel, ihre Bücher und Unterlagen, das Internet und somit auch Künstliche Intelligenz. Schummeln war also praktisch unmöglich. „Es gibt eine Ausnahme“, sagte Verborgh: „Hilfestellung von außen ist nicht erlaubt.“
Auswendiglernen reicht auch nicht
Dennoch wurden die Studierenden gewarnt, denn es war nicht einfach. „Jedes Jahr bestehe ich meine Probeexamen dank der neuesten KI-Modelle und dieses Jahr ist keine Ausnahme“, so Verborgh: „Examen mit Claude, Gemini und ChatGPT haben nicht mehr als 4 von 20 Punkten erreicht. Nachprüfung trotz KI!“
Reines Auswendiglernen reicht auch nicht aus, so der Professor: „Wir prüfen nicht, ob man das Buch auswendig kann, sondern ob man den Stoff wirklich verstanden hat und anwenden kann. Das sind die Fähigkeiten, die Studierende brauchen. Wenn Maschinen das können, was wir von Studierenden verlangen, müssen wir ihnen einfach etwas anderes abverlangen.“
Indem wir verzweifelt versuchen, unsere Studierenden vor KI zu schützen, hinken wir ständig hinterher“
Ruben Verborgh, Professor für Webentwicklung an der Universität Gent
Mit dieser Prüfung will Professor Verborgh auch ein Signal an das Bildungssystem senden - auch an das in Flandern: „Die Leute wissen nicht mehr, was sie davon halten sollen“, sagte er mit Blick auf die Aufnahmeprüfung für angehende Medizinstudenten an den flämischen Unis, bei der letztes Jahr mit ChatGPT betrogen wurde.
„Es ist überhaupt kein Problem, dass unsere zukünftigen Studierenden damals betrogen haben. Das eigentliche Problem ist, dass mehr als die Hälfte derjenigen, die ChatGPT benutzt haben, nicht einmal bestanden haben. Wir müssen Studierende auf eine Welt vorbereiten, in der KI allgegenwärtig ist.“
„Es überrascht mich, dass vier Jahre nach dem Aufkommen von ChatGPT immer noch gegen KI im Bildungsbereich gekämpft wird“, fährt Verborgh fort. „Indem wir verzweifelt versuchen, unsere Studierenden vor KI zu schützen, hinken wir ständig hinterher. Deshalb bevorzuge ich einen proaktiven Ansatz. Damit möchte ich auch der Regierung und den Politikern zeigen, dass es anders geht“, so Verborgh eindringlich.
