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“Raft Of Medusa” © Alexis Peskine

„Postkolonial?“: Eine Ausstellung in Brüssel zum kolonialen Erbe Europas und seinen heutigen Folgen

Mit der Sonderausstellung „Postkolonial?“ verfolgt das Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel einen dekolonisierenden Ansatz. Nichts wird ausgelassen und nichts wird schöngeredet. Die Schlussfolgerung der Expertinnen und Experten in diesem Zusammenhang ist eindeutig: Von den ersten Erkundungen im 15. Jahrhundert bis heute hat die Kolonialisierung europäische Länder bereichert, aber gleichzeitig auch unzähligen Menschen Leid zugefügt.

Katrien Vanderschoot Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Das 2017 eröffnete Haus der Europäischen Geschichte hat sich zur Aufgabe gemacht, die Vergangenheit des Kontinents zu erforschen. Die Kolonialisierung ist so eng mit der europäischen Geschichte verknüpft, dass sie in einem Museum dieser Art nicht in den Hintergrund gedrängt werden kann. Schon lange vor der Gründung des Museums beschäftigten sich die Kuratorinnen und Kuratoren jahrelang mit der Frage, wie sie dieses sensible Thema angehen sollten.

Sie entschieden sich schließlich für einen kritischen Ansatz: Kolonialismus ist ein Angriff auf die Menschenwürde. Originale Kunstwerke, historische Artefakte und persönliche Erzählungen führen die Besucherinnen und Besucher von „Postkolonial?“ durch diese Reflexion.

Imperialistische Medaillen und Karten

Auf dem Höhepunkt ihrer Kolonialmacht, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, entschieden Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Deutschland, Spanien, Portugal, Italien und Dänemark über das Schicksal von Hunderten Millionen Menschen in Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien. Die Kolonialmächte griffen zu extremer Gewalt, um Land und Ressourcen zu erobern und verschleierten ihre Politik hinter rassistischen Ideologien und einer angeblichen „zivilisatorischen Mission“. Doch auch Länder ohne Kolonien profitierten von den Erträgen und Gewinnen, insbesondere durch den Erwerb von Anteilen an Kolonialunternehmen.

Diese lange Geschichte von Sklaverei, Ressourcen- bzw. Rohstoffplünderung und Diskriminierung wird in der Ausstellung anhand von Karten in übertriebenen Dimensionen veranschaulicht, die in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Proportionen stehen. So zeigt beispielsweise die Karte Portugals auch dessen Kolonien Mosambik und Angola. „Portugal ist kein kleines Land“, lautet die Bildunterschrift. Auch die Machtambitionen waren unumwunden. Ein Briefbeschwerer aus Marmor trägt den Ausspruch des belgischen Königs Leopold II. aus dem Jahr 1860: „Belgien braucht eine Kolonie“ – ein Symbol für seine Besessenheit von der Kolonialexpansion.

Der Marmorbriefbeschwerer mit dem Ausspruch Leopolds II.

Die Wege zur Unabhängigkeit

Die Dekolonisierung nahm nach dem Zweiten Weltkrieg Gestalt an, in dem  - wie schon 14-18 - viele Soldaten aus den Kolonien an der Seite der Armeen ihrer Kolonialmächte kämpften.

Auffällig ist der starke Kontrast in der Haltung der europäischen Länder im Vorfeld der Dekolonisierung. Einerseits veröffentlichten und unterstützten sie nachdrückliche Texte und Erklärungen zugunsten des Selbstbestimmungsrechts der Völker und verurteilten die Sklaverei offiziell. Andererseits wurden Afrikaner auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel weiterhin als „primitiv“ dar- und ausgestellt. Zudem priorisierten die Befreiungsbewegungen selbst nicht immer den Dialog: Viele Unabhängigkeitskämpfe, sowohl während als auch nach der Dekolonisierung, endeten ebenfalls in extremer Gewalt.

Kunstwerk einer antirassistischen Bewegung in Großbritannien

„Eurafrica“

Ein eher wenig bekannter - aber wesentlicher - Aspekt ist, wie die Europäische Union ursprünglich auf der Ausbeutung kolonialer Imperien aufgebaut wurde. In der Zwischenkriegszeit und besonders in den 1950er Jahren, entwickelten die europäischen Länder die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) auf der Grundlage des Prinzips, dass auch Kolonien zur Gestaltung des riesigen europäischen Nachkriegsraums beitragen sollten.

„Eurafrika“ sollte ein Gegengewicht zu den neuen Großmächten, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, bilden, aber auch zu Unabhängigkeitsbewegungen wie der des ägyptischen Präsidenten Nasser, der es gewagt hatte, den Suezkanal zu verstaatlichen. Frankreich, Großbritannien und Israel reagierten auf diese Entscheidung mit militärischen Interventionen.

Auch heute noch ist Europa nicht das „Friedensprojekt“, als das es sich ausgibt, so die Kuratoren der Ausstellung. Wie schon in den 1950er Jahren befindet sich die Europäische Union in einem Wettlauf um Ressourcen in Afrika mit China und anderen Großmächten, wobei die lokale Bevölkerung oft nur als dünne rhetorische Fassade dient, um wirtschaftliche Interessen zu verschleiern.

Ein Solidaritätsplakat für die afrikanische Emanzipation (Ungarn)

Und heute?

Die Auseinandersetzung mit Europas kolonialer Vergangenheit bedeutet, ihre Spuren heute überall zu sehen. Doch wo immer Ungerechtigkeit herrscht, regt sich Widerstand. In Europa und darüber hinaus engagieren sich unzählige Menschen für Veränderung und übernehmen Verantwortung in ihren Gemeinschaften. Sie fordern uns auf, den Begriff der europäischen Identität zu überdenken, Europas Rolle in der Welt ehrlich zu reflektieren und neue Formen des Zusammenlebens zu entwerfen.

Die Schockwellen der Kolonialisierung - sowohl in den Herkunftsländern als auch in unserem Land - nehmen einen zentralen Platz in der Ausstellung ein. Sie werden auch anhand von Musik, zeitgenössischer Kunst und den Zeugnissen der Nachkommen thematisiert.

Das Fragezeichen im Titel der Ausstellung „Postkolonialismus?“ bleibt am Ende ungelöst. Aufgrund einer hybriden Präsentation und des Bestrebens, alle Aspekte dieser äußerst komplexen Geschichte zu beleuchten, präsentieren die Kuratoren dieses Projekt primär als Rückblick auf eine gewalttätige und schmerzhafte Vergangenheit. Sie meiden allerdings die politische Debatte über die Risiken einer neuen Form der Kolonisierung. Und das in einem Museum, das nur wenige hundert Meter von der Europäischen Kommission entfernt liegt - dem Ort, wo die Entscheidungen getroffen werden…

Die Ausstellung „Postkolonial?“ ist noch bis zum 14. März 2027 im Haus der Europäischen Geschichte, Rue Belliard 135 in Brüssel, zu sehen.  Info: https://historia.europa.eu/de  

Das Haus der Europäischen Geschichte befindet sich im Leopoldpark, im Herzen des Brüsseler Europaviertels. Das Eastman-Gebäude ist ein prächtiges Art-déco-Gebäude, das früher eine Zahnklinik für benachteiligte Kinder beherbergte. Es wurde 1934/35 von dem Schweizer Architekten Michel Polak erbaut. 2008 wurde es vom Europäischen Parlament für 99 Jahre gepachtet.

Das Haus der Europäischen Geschichte

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