Die belgische Bundesregierung hat Verhandlungen mit dem Kraftwerksbetreiber Engie über die Übernahme der beiden belgischen Atomkraftwerke aufgenommen. Dies gaben der französische Energiekonzern Engie und die Regierung in einer gemeinsamen Pressemitteilung bekannt. Bis zum Abschluss einer endgültigen Vereinbarung werden alle Stilllegungsarbeiten an den Kraftwerken eingestellt. Die Verhandlungen über die mögliche Verstaatlichung der Kernreaktoren dauern bis Oktober 2026.
Belgiens Regierung nimmt Verhandlungen mit dem Energiekonzern Engie über die Übernahme der hiesigen Atomkraftwerken auf
Die Ankündigung, die Premierminister Bart De Wever (N-VA) auch auf X veröffentlichte, kommt überraschend. Die Regierung möchte so viele Atommeiler wie möglich so lange wie möglich in Betrieb halten, doch die Verhandlungen mit dem französischen Betreiber Engie gestalteten sich bisher äußerst schwierig, da der Konzern selbst nicht mehr an Atomkraft (im Ausland) interessiert ist.
Belgien verfügt über sieben Atomreaktoren: 4 im AKW Doel bei Antwerpen und 3 im AKW in Tihange bei Huy in der Provinz Lüttich. Zwei davon sind noch in Betrieb: Doel 4 und Tihange 3. Ihre Laufzeit wurde kürzlich bis 2035 verlängert. Die Regierung wird diese voraussichtlich weiter verlängern wollen. Die anderen Reaktoren wurden zwischen 2022 und 2025 abgeschaltet.
Enormes Unterfangen?
Eine Wiederinbetriebnahme wäre praktisch sehr schwierig und mit hohen Kosten und einem erheblichen Zeitaufwand verbunden, warnte Engie wiederholt. Die Idee hierzu kursiert jedoch schon länger innerhalb der Regierung. Aktuell handelt es sich um eine Absichtserklärung. Engie und die Regierung haben vereinbart, alle Stilllegungsarbeiten bis zum Abschluss eines endgültigen Vertrags auszusetzen: „Damit bleiben dem belgischen Staat alle Optionen offen.“
Die Vereinbarung über die Übernahme des Atomparks soll bis zum 1. Oktober finalisiert werden. Konkret geht es dabei um die Reaktoren, das beteiligte Personal, alle nuklearen Tochtergesellschaften sowie alle Vermögenswerte und Verbindlichkeiten, einschließlich der Verpflichtungen im Zusammenhang mit Stilllegung und Abschaltung. Wie viel unser Land an Engie zahlen wird, ist noch unklar.
„Sichere und bezahlbare Energie“
„Diese Regierung setzt auf sichere, bezahlbare und nachhaltige Energie. Mit weniger Abhängigkeit von fossilen Brennstoffimporten und mehr Kontrolle über unsere eigene Energieversorgung“, erklärte Premierminister De Wever. Die Idee, die Kernenergie zu erhalten oder neue Kapazitäten zu schaffen, gewann aufgrund der Energiekrise von 2022 (nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine) und jüngst aufgrund des Krieges im Nahen Osten, der die Preise erneut steigen lässt, an Bedeutung.
„Damit übernimmt die belgische Regierung die Verantwortung für die langfristige Energieversorgung des Landes mit dem Ziel, eine finanziell und wirtschaftlich tragfähige Energieversorgung zu entwickeln, die Versorgungssicherheit, Klimaziele, industrielle Resilienz und sozioökonomischen Wohlstand fördert“, heißt es in der Pressemitteilung.
Auch Investitionen in Kernenergie waren Teil des Koalitionsvertrags
Dass die Regierung De Wever in Kernenergie investieren wollte, zeigte sich bereits letztes Jahr im Koalitionsvertrag. „Wir lassen uns nicht länger von überholten Dogmen leiten“, schrieb man seinerzeit sie in das Abkommen. Neben Solar- und Windenergie habe auch die Kernenergie ihren Platz im Strommix, so die Überzeugung der Regierung. Obschon am Montagmorgen eine gemeinsame Pressemitteilung der belgischen Regierung und von Engie veröffentlicht wurde, fällt die Reaktion des Konzerns vorerst minimal aus.
Das Unternehmen teilt lediglich mit, dass es seine betroffenen Mitarbeiter „beraten und unterstützen“ werde. Dies geschehe durch einen „kontinuierlichen Dialog mit den Arbeitnehmervertretern“. Zu einem späteren Zeitpunkt, im Zuge der Verhandlungen, könnten weitere Unterstützungsmaßnahmen eingeführt werden.
In der Zwischenzeit wird der Rückbau der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 unterbrochen. Die Maschinenräume beider Reaktoren seien bereits demontiert, erklärte Luc Pauwels, Energieexperte bei VRT NWS: „Am Reaktor selbst wurde noch nicht gearbeitet.“ Theoretisch sei eine Wiederinbetriebnahme daher möglich. „Engie will das zumindest in Erwägung ziehen“, so Pauwels. Für den Energieexperten ist dieser Schritt „radikal“ und völlig unerwartet erfolgt.
