Vor zwei Jahrhunderten gegründet, ist die renommierten Kristallmanufaktur Val Saint-Lambert in Seraing bei Lüttich älter als Belgien selbst. Einzigartige Kristallobjekte werden zum 200. Geburtstag der Manufaktur ausgestellt und eine eindrucksvolle immersive Produktion entführt die Besucher in die bewegte Geschichte von Val Saint-Lambert.
200 Jahre Val Saint-Lambert: Junge Menschen erwecken die Kristallmanufaktur zu neuem Leben
„Das ist belgisches Kulturerbe, unser Erbe“, sagt die ehemalige Mitarbeiterin und heutige Führerin Jeanine Wauters gegenüber VRT NWS. Könige und Politiker verschenkten Kristall von Val Saint-Lambert auf ihren Auslandsreisen. Gläser, Vasen, Karaffen, Aschenbecher, Briefbeschwerer, Lampenschirme, Schalen oder Kronleuchter: Val Saint-Lambert fertigte sie alle und hielt mit der Mode Schritt - vom Jugendstil und Art déco bis hin zu eleganteren, modernen Stilen- Luxuriös und kostspielig.
Und in vielen Haushalten in ganz Belgien sind zahllose Kristallprodukte zu finden, die in Seraing hergestellt wurden. Nicht zuletzt findet sich belgienweit wohl kaum ein Floh- oder Antikmarkt oder -laden, wo solche Gegenstände nicht feilgeboten werden.
Vor 200 Jahren begann alles bescheiden in einer ehemaligen Abtei an der Maas. Man produzierte gewöhnliches Glas, von Einmachgläsern bis hin zu Lampen. Aber, man stellte bald auch Kristallglas her.
Das "Ping" von Kristall
Wo liegt der Unterschied zwischen Glas- und Kristallprodukten, z.B. von Val Saint-Lambert? Lässt man zwei Kristallgläser aneinanderstoßen, hört man ein klares *Ping*. Kristall ist auch viel klarer. „Kristall reflektiert Licht, Glas absorbiert es,“ so Jeanine Wauters. Das Geheimnis liegt im Blei. Durch die Zugabe von Blei wird das Glas weicher und lässt sich leichter verarbeiten.
Eine Kristallvase wiegt also … so viel wie Blei. Val-Saint-Lambert-Kristall enthielt einst 36 % Blei. Die Europäische Union erlaubt heute nur noch 24 %. „61 % Sand, 24 % Blei, 9 % Soda, 4 % Kalium und der Rest ist ein Geheimnis“, lacht Wauters.
Kristall ist Erde, Wasser, Feuer und Luft
Die frühere Mitarbeiterin der Kristallmanufaktur zeigt den Besuchern einen Vorführraum mit mehreren glühend heißen Öfen, die ein lautes Blasgeräusch erzeugen. Zwei junge Frauen und ein junger Mann bereiten sich darauf vor, eine Kristallvase in verschiedenen Farben zu blasen. Was folgt, ist eine präzise Choreografie der vier Elemente: Erde (Sand), Feuer, Wasser und Luft (der Atem des Kristallbläsers).
Sobald die Vase geformt ist, verschwindet sie in einem Kühlofen. Die nächsten Schritte – optionales Schleifen und Polieren – erfolgen später. Jedes Stück ist zu 100 % handgefertigt.
So wird auch 200 Jahre nach ihrer Gründung in Val Saint-Lambert noch immer Kristall hergestellt. Wenn auch in kleinem Maßstab. Nur etwa 15 Leute arbeiten heute noch hier. „Ich bin überzeugt, dass die Stadt Seraing die Kristallindustrie am Leben erhalten wird“, glaubt Jeanine Wauters: „Hier herrscht eine jugendliche Atmosphäre. Es gibt eine Zukunft.“
Know-how bewahren
„Es geht darum, das Know-how zu bewahren. Deshalb fertigen wir in kleinen Serien“, erklärt Produktmanager Constant Beerden, der seit 42 Jahren bei Val Saint-Lambert arbeitet. „Die Leidenschaft des Herzens“: So beschreibt er seine Verbundenheit mit dem Unternehmen.
Beerden blickt zurück auf die Glanzzeiten von Val Saint-Lambert. „1905 arbeiteten hier 5.000 Menschen. Wir produzierten 125.000 Stücke am Tag.“ Es gab Schulen, Kinos und Theater, medizinische Einrichtungen, eine Selbsthilfe- und Rentenkasse, Geschäfte und Musikvereine. „Das perfekte Beispiel für die paternalistische Seite der industriellen Revolution, von der aber alle profitierten“, ergänzt Jeanine Wauters. Die Exporte gingen in alle Welt, sogar an den russischen Zaren und einen indischen Maharadscha. Der Börsencrash von 1929 war der erste Schlag für den Absatz eines Luxusprodukts wie Kristall.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es für Val Saint-Lambert bergab. Nachdem die Regierung aufgegeben hatte, folgte eine Reihe privater Unternehmer, begleitet von ebenso vielen Insolvenzen. „Leider habe auch ich hier schwierige Zeiten mit tiefgreifenden Umstrukturierungen durchgemacht“, sagt Jeanine Wauters. Da die Arbeit oft innerhalb der Familien erledigt wurde, war dies eine soziale Katastrophe.
Seraing, ein idealer Standort
Seraing war damals der ideale Standort für eine Kristallfabrik, bemerkt Constant Beerden. Die Maas, die Kohlegruben, der nahegelegene Wald - Seraing war ein Industriezentrum. John Cockerill errichtete dort Hochöfen, Stahlwerke und Kokereien. Die Spuren sind in der Landschaft noch heute sichtbar, auch wenn derzeit wieder die Abrissbirnen ihre zerstörerische Arbeit tun.
Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums von Val Saint-Lambert hat der Lütticher Geschäftsmann und Kunstsammler Stéphan Uhoda finanzielle Unterstützung zugesagt. Das Museum präsentiert derzeit die Ausstellung „Cristal vivant“, in der auch die monumentale „Vase der neun Provinzen“ zu sehen ist – ein über zwei Meter hohes, prachtvolles Kunstwerk, das ursprünglich für die Weltausstellung 1894 in Antwerpen geschaffen wurde.
Neben Kristallobjekten aus der eigenen Sammlung des Museums werden auch zahlreiche Stücke aus Privatbesitz gezeigt, darunter Werke zeitgenössischer Designer wie Philippe Starck. Im riesigen ehemaligen Schlafsaal des Klosters wird die Geschichte durch spektakuläre Videoprojektionen und Musik erzählt. „Ich bin zutiefst berührt, wenn ich das sehe“, resümiert Jeanine Wauters.
Praktische Informationen:
• Die Ausstellung „Cristal vivant“ im Museum Val Saint-Lambert in Seraing läuft noch bis zum 6. Dezember 2026. Bis zum 21. Juni können Besucher im ehemaligen Schlafsaal der Mönche ein immersives Erlebnis genießen (Foto unten).
• Im Museum der Schönen Künste in Charleroi stehen vom bis zum 27. September 2026 der Art déco und die Moderne des Val Saint-Lambert im Mittelpunkt.
• Auch das Designmuseum in Brüssel widmet sich dem 200-jährigen Jubiläum des Val Saint-Lambert.
