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Sieben Klischees über Bettler in Brüssel auf dem Prüfstand

Über Bettler kursieren viele Klischees: Sie seien faul, gäben ihr ganzes Geld für Alkohol aus oder arbeiteten im Auftrag krimineller Banden. Neue Forschungsergebnisse zeichnen jedoch ein deutlich anderes Bild.  „Zum größten Teil verwenden Bettler das Geld für Dinge, für die wir es auch verwenden würden: zum Leben“, sagen Forscher der Hochschule Odisee.

BRUZZ Martina Luxen
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Wer regelmäßig durch die Straßen von Brüssel oder einer anderen Großstadt geht, begegnet ihnen in der Metro, an den Bahnhöfen oder in den Geschäftsstraßen. Männer und Frauen, die betteln. Manchmal fragt man sich, woher sie kommen, wie sie leben, wofür sie ihr Geld ausgeben ... über ihr Leben ist wenig bekannt. 

„Auch Sozialarbeiter wissen nicht immer, wie sie mit bettelnden Menschen umgehen sollen“, sagt Harm Deleu, Forscher an der Hochschule Odisee . Gemeinsam mit Mieke Schrooten und Pascal Debruyne untersuchte er vier Jahre lang das Betteln in Brüssel. Die Forscher sprachen mit Betroffenen selbst sowie mit Fachkräften wie Polizisten und Pflegepersonal. 

Die Ergebnisse sind im Buch Zichtbaar onzichtbaar („Sichtbar unsichtbar“) zusammengefasst. Im Podcast „Het uur van de waarheid“ erläutert Deleu die hartnäckigsten Klischees. 

1. Bettler arbeiten im Auftrag krimineller Banden 

Dass Bettler gar nicht wirklich bedürftig seien und abends mit einem BMW oder einem anderen Luxusauto abgeholt würden, ist ein hartnäckiges Klischee. 

„Auch in sozialen Medien tauchen solche Kommentare häufig auf“, sagt Deleu. Laut Polizei gibt es jedoch keinerlei Beweise, dass Bettler systematisch von organisierten kriminellen Banden eingesetzt werden. 

„Was allerdings manchmal vorkommt, ist Betteln im Familienverband. Familienmitglieder betteln dann in derselben Gegend an unterschiedlichen Standorten.“ 

2. Sie verdienen riesige Summen 

„Die Beträge, die wir häufig gehört haben, liegen bei etwa 15 bis 20 Euro pro Tag“, erklärt Deleu: „Davon kann man kaum leben. Die begrenzten Einnahmen erklären auch, warum Betteln für kriminelle Organisationen nicht interessan ist.“ 

Die Beträge unterscheiden sich aber auch von der Person: „Manche erhalten schneller Geld, wirken sympathischer, wecken mehr Mitgefühl oder sitzen einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Dann können es auch 30 oder 40 Euro am Tag sein – aber insgesamt bleiben es geringe Summen.“ 

3. Bettler in Brüssel sind vor allem Roma

„Unter den Bettlern in Brüssel gibt es eine große Vielfalt“, sagt Deleu. Dazu zählen Familien aus Rumänien, aus anderen europäischen Ländern sowie Angehörige der Roma‑Gemeinschaft. Innerhalb dieser Gruppen bestehen große Unterschiede: „Rumänen sind zwar präsent, aber ihre Lebenssituationen unterscheiden sich stark. Manche leben seit Jahren in Belgien, wohnen in Wohnungen, haben Kinder in der Schule und ein relativ strukturiertes Leben. Sie brauchen das Betteln aber als zusätzliche Einkommensquelle.“ 

4. Bettler sind faul und wollen nicht arbeiten

„Viele Menschen, die betteln, betrachten das tatsächlich als ihre Arbeit“, erklärt Deleu: „Sie sitzen nicht nur passiv da, sondern treten in Kontakt mit Passanten, bedanken sich oder geben ihnen ein gutes Gefühl.“ 

Daneben sehen manche das Betteln als Nebentätigkeit. „Viele arbeiten bereits im informellen Sektor: Sie putzen Fenster bei lokalen Geschäften oder helfen auf Märkten beim Be‑ und Entladen. Wo Hände gebraucht werden, sind sie bereit zu helfen gegen ein kleines Entgelt.“

5. Sie wollen keinen ‚richtigen‘ Job 

Unter den Bettlern in Brüssel befinden sich viele EU‑Bürger: Belgier, aber auch Franzosen, Italiener, Rumänen, Polen und Bulgaren. Viele landen in informeller oder teilweise angemeldeter Arbeit oder in Saisonjobs, etwa bei der Obsternte. Fällt diese Arbeit weg, gibt es kaum Absicherung: „Sie haben oft nicht genug Arbeitstage für soziale Leistungen oder ihre Arbeit wurde nicht vollständig gemeldet.“ 

So geraten viele in eine Abwärtsspirale und können den Sozialstaat nicht nutzen wie andere. 

6. Betteln finanziert Alkohol‑ oder Drogenabhängigkeit

Gespräche zeigen, dass Sucht durchaus vorkommt. „Aber oft stellt sich die Frage: Was war zuerst da: das Huhn oder das Ei?“ Das harte Leben auf der Straße kann Abhängigkeiten begünstigen. 

In manchen Gruppen tritt Sucht häufiger auf als in anderen. 

„Bei Roma und Rumänen ist es meist kein aktues Problem. Ihnen geht es in erster Linie ums Überleben, um Geld für die Familie im Herkunftsland oder kleine Arbeiten am Haus.“ 

Wer Geld für Alkohol ausgibt, braucht trotzdem auch Geld für Wasser, einen Schlafplatz ... Das Geld fließt also nicht ausschließlich in die Sucht. 

7. Betteln ist verboten

„Wir sehen, dass lokale Behörden versuchen, das Betteln einzuschränken, doch das kollidiert oft mit übergeordnetem Recht, etwa europäischer Gesetzgebung“, sagt Deleu: „Grundsätzlich ist Betteln erlaubt.“ 

Verboten sind aggressives Betteln, das Ansprechen oder Ausnutzen von Menschen. 

„Betteln an sich ist erlaubt, solange jemand auf nicht‑aggressive Weise um Geld bittet, um seine Grundbedürfnisse zu decken.“ 

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