Die großen Industrieunternehmen mit hohem Energieverbrauch in Belgien fordern die Verlängerung der Laufzeit von einigen Atommeilern. Sie glauben, dadurch die Strompreise senken zu können. Dies berichtet die flämische Wirtschaftszeitung „De Tijd“ und der Industrieverband Febeliec bestätigte diese Meldung. Der Verband fordert die Regierung auf, Druck auf den Kraftwerksbetreiber Engie auszuüben und gegebenenfalls rechtliche Schritte einzuleiten. Engie bezeichnet den Vorschlag als „undenkbar“.
Strompreise senken: Belgiens Industrie fordert Studie zur längeren Laufzeit von Atommeilern
Die belgische Bundesregierung ist bereits Miteigentümerin der beiden jüngsten Atomreaktoren des Landes, Tihange 3 und Doel 4. Diese dürfen zehn Jahre länger als ursprünglich geplant, bis 2035, in Betrieb bleiben. Laut Febeliec reicht das nicht aus, um die Energiepreise im Griff zu behalten. Der Verband will untersuchen lassen, ob stillgelegte Reaktoren wieder in Betrieb genommen werden können.
„Der Rückbau einiger Reaktoren hat bereits begonnen, muss aber unserer Meinung nach gestoppt werden, um zu prüfen, ob sie noch sicher betrieben werden können“, argumentiert Andreas Tirez, Direktor von Febeliec. Laut Febeliec ist dies notwendig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und die Abhängigkeit von Gas zu verringern: „Die geopolitische Lage hat deutlich gemacht, dass diese Abhängigkeit keine gute Idee ist. Kernkraftwerke können dabei eine wichtige Rolle spielen.“
Ist das technisch machbar?
Aber ist die Wiederinbetriebnahme der Kernkraftwerke überhaupt noch realisierbar? Für den Betreiber Engie ist ein solches Projekt „undenkbar“. „Die Wiederinbetriebnahme stillgelegter Reaktoren wäre enorm teuer und würde Jahre dauern. Es ist nicht einmal sicher, ob es technisch möglich, geschweige denn sicher ist“, sagt Hellen Smeets, Sprecherin von Engie Belgien: „Wir konzentrieren uns derzeit auf die Erweiterung von Doel 4 und Tihange 3 gemäß den mit der belgischen Regierung getroffenen Vereinbarungen. Ein Projekt, das 2023 begann und bis 2028 läuft und das sowohl technisch als auch organisatorisch eine große Herausforderung darstellt.“
Hat die Forderung von Febeliec eine Chance? Ein Problem ist, dass Doel 2 wie siamesische Zwillinge mit seinem kleineren Bruder Doel 1 verbunden ist. „Das ist nach den geltenden Sicherheitsstandards nicht mehr zulässig. Die beiden Reaktoren teilen sich bestimmte Komponenten und müssten daher zunächst voneinander getrennt werden“, erklärt Luc Pauwels, Energieexperte bei VRT NWS.
Und dann sind da noch die sogenannten „Rissereaktoren“ Doel 3 und Tihange 2. Sie wurden nach 40 Jahren stillgelegt, nachdem Tausende von Rissen in den stählernen Reaktorwänden entdeckt worden waren. Inzwischen stehen die Anlagen seit drei Jahren still.
Soll die Regierung eingreifen? Wie geht es weiter?
Klar ist: Engie sieht keine realistische Möglichkeit mehr, die alten Anlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Doch für Febeliec ist die Sache damit nicht getan. Laut der Organisation muss die Regierung eingreifen, wenn Engie nicht kooperieren will. „Das ist zu wichtig, um es einem einzelnen privaten Unternehmen zu überlassen. Wenn Engie nicht mitmacht, kann es auch ein anderer Akteur tun, beispielsweise durch einen Verkauf oder einen zusätzlichen Partner.“
Laut Febeliec könnte der längere Betrieb von Kernkraftwerken auch wirtschaftlich einen großen Unterschied machen: „Wir schätzen, dass der Strompreis um 10 bis 20 € pro Megawattstunde sinken könnte. Das ist gut für die Industrie, aber auch für Familien und für die mittelständischen Unternehmen.“
Ob dieser Vorschlag politische Unterstützung findet, ist vorerst noch unklar. In jedem Fall sollte man nicht erwarten, dass beispielsweise Doel 1 morgen wieder in Betrieb geht. „Das steht absolut nicht auf der Tagesordnung. Sollte es dazu kommen, müssten zunächst umfangreiche Studien durchgeführt werden. Das ist ein jahrelanger Prozess“, erklärt Luc Pauwels: „Auch umfangreiche Sanierungsarbeiten wären nötig; neue Teile müssten beschafft und eingebaut werden. Ich schätze, dass sich in den nächsten drei Jahren nichts ändern wird.“
Der Atomausstieg in Belgien kurz zusammengefasst
2003: Das Gesetz zum Kernausstieg sieht vor, dass alle Reaktoren nach 40 Jahren abgeschaltet werden müssen. Das bedeutete eine schrittweise Stilllegung zwischen 2015 und 2025. Es dürfen auch keine neuen Anlagen mehr in Betrieb genommen werden.
2009: Eine politische Vereinbarung sieht vor, dass drei ältere Reaktoren länger als bis 2015 in Betrieb bleiben dürfen. Aufgrund eines Regierungswechsels wird diese Vereinbarung jedoch nicht in Kraft gesetzt.
2013: Ein Gesetz verlängert den Betrieb eines Reaktors bis 2025. Die beiden anderen Reaktoren, denen 2009 eine längere Betriebsdauer genehmigt wurde, müssen jetzt doch stillgelegt werden.
2015: Das Gesetz wird erneut geändert: Die beiden anderen Reaktoren dürfen jetzt auch länger in Betrieb bleiben. Das geplante Enddatum für die Stilllegung der letzten Reaktoren, 2025, bleibt unverändert.
2022: Doel 3 wird stillgelegt.
2023: Tihange 2 wird stillgelegt.
Februar 2025: Doel 1 wird stillgelegt.
März 2025: Vereinbarung zwischen Engie und der belgischen Regierung: Doel 4 und Tihange 3 dürfen für weitere zehn Jahre, bis 2035, in Betrieb bleiben. Betreiber und Regierung werden gleichberechtigte Eigentümer der Standorte.
Mai 2025: Das Atomausstiegsgesetz wird aufgehoben. Die Aufhebung ist Teil der Strategie der Regierung De Wever, die Kernenergie wieder stärker in den Fokus zu rücken.
September 2025: Tihange 1 wird stillgelegt.
November 2025: Doel 2 wird stillgelegt.
