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Das Chemie-Cluster im Antwerpener Hafen
Inland
Wirtschaft

Verschwindet in Belgien nach der Automobilindustrie auch die Chemie- und die Stahlindustrie?

Seit dem Jahr 2000 ist die Automobilindustrie in Belgien fast vollständig verschwunden. Nach der Schließung von Renault-Vilvoorde im Jahr 1997 folgten Opel Antwerpen (2010), Ford Genk (2012) und letztes Jahr Audi in Brüssel. Von einem der Aushängeschilder der belgischen Fertigungsindustrie ist fast nichts mehr übrig. Pessimisten prophezeiten, dass mit dem Verschwinden der Automobilindustrie das gesamte belgische Industriegefüge zerstört und die gesamte Industrie verschwinden würde.

Andreas Kockartz
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Doch dies habe sich vorerst als völlig falsch erwiesen, schrieb Paul De Grauwe, Professor an der London School of Economics, in einer Kolumne in der flämischen Tageszeitung „De Morgen“. Im Gegenteil: Seit dem Jahr 2000 sei die belgische Industrieproduktion, gemessen am Volumen, um beachtliche 80 % gestiegen.

Belgien hat begonnen, andere Güter zu produzieren. Eines dieser Güter – und es gibt noch viele weitere – ist die Herstellung von Arzneimitteln. Die Pharmaindustrie hat seit dem Jahr 2000 eine spektakuläre Produktionsausweitung mit einer Steigerungsrate von fast 1.000 % erlebt (diese Zahl ist keine Erfindung, sondern sie ist belegt).

Mehr Produktion mit weniger Beschäftigten

Gleichzeitig aber ist die Beschäftigung in der Industrie weiter gesunken – um 15 % seit 2000, was die Kehrseite dieser Erfolgsgeschichte darstellt. Die gestiegene Produktivität in der Industrie und die modernen Technologien haben es ermöglicht, mit weniger Personal immer mehr zu produzieren. Laut Professor De Grauwes Analyse in „De Morgen“ haben allerdings die meisten derjenigen, die in der Industrie ihren Arbeitsplatz verloren haben, neue Stellen im Dienstleistungssektor gefunden.

Das Vierteljahrhundert seit 2000 habe uns, so der Professor, gelehrt, dass die Automobilindustrie fast vollständig verschwunden ist, Belgien aber seither besonders erfolgreich in der Produktion anderer Güter war. Der Rückgang der Industriearbeitsplätze führt natürlich zu Problemen für die Betroffenen, doch es gebe kein Entrinnen: „Am Status quo festzuhalten, ist meist nur eine vorübergehende Lösung. Auch die Geschichte des Niedergangs der Automobilindustrie in Flandern zeigt, dass die dortigen Beschäftigten relativ schnell neue Stellen gefunden haben.“

Ein weiteres Beispiel?

Laut Paul De Grauwe stehen wir am Vorabend eines ähnlichen Wandels. Energieintensive Unternehmen in Belgien, wie ArcelorMittal in Gent und die Chemieindustrie um Antwerpen, stehen unter Druck, da die Energiepreise, insbesondere die Preise für Energie aus fossilen Brennstoffen, stark gestiegen sind. Und diese Energie wird auch aufgrund der aktuellen geopolitischen Einflüsse – man denke nur an die Kriege in der Ukraine und im Iran – teuer bleiben.

Nicht alle dieser energieintensiven Chemieunternehmen sind betroffen. Die, die sich anpassen und ihren Energiebedarf drastisch reduzieren können, haben weiterhin eine Zukunft. Die anderen werden verschwinden. Die Aufgabe teurer, energieintensiver Produktionsverfahren ermöglicht es, neue Produkte herzustellen, die einen nachhaltigeren Wohlstand ermöglichen, so De Grauwe.

Können wir die Erfolgsgeschichte der Zeit seit 2000 wiederholen?

Die hohen Energiepreise treiben Tausende von dynamischen Unternehmern an, nach neuen Produktionsmethoden zu suchen, die weniger Energie verbrauchen oder die erneuerbare Energien nutzen. Sie führen auch zu kreativen Bemühungen, neue, weniger energieintensive Produkte zu entwickeln. Dieser Prozess verläuft weitgehend unbemerkt und wird von den Medien kaum thematisiert. Diese Dynamik wird zu einer immer nachhaltigeren Produktion führen.

Das Stahlwerk von ArcelorMittal in Gent

Die Geschichte wiederholt sich

Leider üben die Verlierer der etablierten Industrien derzeit beispiellosen Druck auf Politiker in Belgien und ganz Europa aus, um sie davon zu überzeugen, dass sie unentbehrlich sind und die gesamte Industrie ohne sie verschwinden werde. Sie bestehen darauf, durch niedrigere Energiepreise und eine Abschwächung der Klimapolitik geschützt und subventioniert zu werden.

In den 1970er Jahren weigerten sich wallonische Politiker, die Stahlindustrie aufzugeben. Die Industriebosse verwendeten damals dieselben Argumente, die heute die Verteidiger der energieintensiven Chemiekonzerne in Flandern anführen. Milliarden an Subventionen flossen in diese Traditionsindustrie. Vergeblich. Letztendlich musste die wallonische Stahlindustrie aufgegeben werden. Professor De Grauwe befürchte, dass der flämische Chemiesektor das „historische Äquivalent“ der wallonischen Stahlindustrie werden wird.

Welchen Schaden richten die dramatisch steigenden Ölpreise im Zuge des Irankrieges an?

Wenn die Chemie- und die Stahlindustrie aufgrund von zu hohen Energiepreisen Belgien tatsächlich verlassen, dann werden sie nach Ansicht von Bart Craeynest, Chefvolkswirt des flämischen Unternehmerverbandes VOKA, nicht mehr zurückkehren: „Man darf nicht vergessen, dass diese Unternehmen schon vor diesem Konflikt unter Druck standen. (…) Je länger das dauert, je mehr wird dies für sie eine existentielle Krise.“

Auf große Unterstützung von Seiten der flämischen Landes- oder der belgischen Bundesregierung können sie wohl kaum hoffen, wo Craeynest weiter: „Unsere Regierungen haben jetzt schon hohe Haushaltslöcher.“ Es gebe keinen Puffer, um einer neuen Krise aufzufangen.“ 

Aktuelle Zahlen: Wieder weniger Industrieproduktion

Die industrielle Produktion ist in Belgien auf Jahresbasis 2025 zum vierten Mal in Folge zurückgegangen. Nach vorläufigen Zahlen des Statistikamtes Statbel sank die Produktion letztes Jahr um 0,5 %, wie die flämische Wirtschaftszeitung „De Tijd“ diese Woche meldete. Seit ihrem Höchststand im Jahr 2021 beläuft sich der Rückgang der hiesigen Industrieproduktion auf 10,4 %. Aber, sie liegt aktuell knapp 11 % über dem Vor-Corona-Niveau im Jahr 2019.

Pharmaindustrie: Pfizer im flämischen Puurs in der Provinz Antwerpen

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