Bislang sind nur vier Gemälde des italienischen Renaissancekünstlers Michelangelo bekannt. Ein mutmaßliches fünftes Werk mit dem Titel „Pietà spirituali“ befindet sich in Brüssel und ist im Besitz eines nicht genannt werden wollenden Ehepaars, wie die regionale Nachrichtenplattform BRUZZ und die Presseagentur Belga vor einigen Tagen meldeten. „Die Zukunft des Gemäldes liegt in einem Museum“, sagt der Forscher und Kunsthistoriker Michel Draguet zu dieser wohl sensationellen Entdeckung.
Brüsseler Paar besitzt einzigartiges Michelangelo-Gemälde: „Ein fehlendes Glied in seinem Werk“
Ein nicht genanntes Ehepaar aus Brüssel ist nach eingehender Recherche überzeugt, ein fünftes Werk des italienischen Künstlers Michelangelo zu besitzen. Der genaue Standort des Gemäldes bleibt weiterhin geheim. Journalisten von De Standaard und Le Soir konnten das Gemälde in der Wohnung der Besitzer besichtigen. Auch die französische Zeitung Le Figaro und die New York Times wurden nach Brüssel eingeladen, um sich selbst ein Bild von dem Gemälde zu machen.
Der Besuch der Presse fand aus „Sicherheitsgründen“ unter strengster Geheimhaltung statt und die Nachricht wurde am 6. März, an Michelangelos Geburtstag, bekannt gegeben. Michel Draguet, Professor für Kunstgeschichte an der ULB (die frankophone Freie Universität Brüssel) und ehemaliger Direktor des Museums der Schönen Künste in Brüssel, gehörte zu denjenigen, die die Geschichte des Kunstwerks erforschten. Michelangelo ist vor allem als Bildhauer und Schöpfer von Fresken, wie beispielsweise in der Sixtinischen Kapelle in Rom, bekannt. Seine Gemälde sind außergewöhnlich.
Entdeckt in einem Brüsseler Wohnzimmer
Das Gemälde, eine Pietà, wurde 2020 von einem Auktionshaus in Genua zum Verkauf angeboten, das es einem Maler des 16. oder 17. Jahrhunderts zuschrieb. Das Auktionshaus hatte nur zwei Wochen Zeit, um mehr als zweihundert Werke zu verkaufen, doch das Gemälde fand keinen Käufer.
„Vor zwei Jahren ersteigerte ein Ehepaar aus Brüssel das Werk“, erzählt Draguet: „Mit dem Echtheitszertifikat brachten sie es in ihre Brüsseler Wohnung. Es war in einem schlechten Zustand, unter anderem stark verfärbt.“ Als die Besitzer ihren neuen Kunstkauf zu Hause genauer untersuchten, entdeckten sie überrascht zwei Monogramme mit einem stilisierten „M“. „Plötzlich wurde ihnen klar, dass es sich um ein Werk von Michelangelo handeln könnte.“
„Typisch Michelangelo“
Es folgte eine Untersuchung durch das Königliche Institut für Kulturerbe (KIK-IRPA) und Michel Draguet. „Durch die Analyse der verwendeten Materialien und anderer Faktoren wurden die Vermutungen schnell bestätigt“, so Draguet. Laut KIK-IRPA entstand das Gemälde mit 95,4-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 1520 und 1660. Es gilt als „das fehlende Bindeglied zwischen seinen frühen und seinen letzten Pietàs“.
Draguet hebt unter anderem eine andersfarbige Stelle am Torso des toten Christus hervor, die der Künstler vermutlich für die Darstellung von Textilien nutzte, wie auch in seinem Werk „Die Grablegung“. Die grau in grau gestalteten Oberschenkel und Schienbeine mit abwechselnd parallelen und kreuzförmigen Schraffuren sind ebenfalls typisch für Michelangelo, ebenso wie die Konturen der Figuren, beispielsweise der Arme. Das Gemälde wurde in Frankreich restauriert und befindet sich heute in einem guten Zustand.
Spirituali
Laut Draguet hängt die Tatsache, dass diese Pietà des italienischen Meisters so lange unentdeckt blieb, eng mit Michelangelos Verbindung zu den italienischen Spirituali zusammen. Draguet vermutet, dass das Werk um 1550 verschwand. „Zur Zeit der Inquisition war es in Italien sehr gefährlich, mit solchen Werken in Verbindung gebracht zu werden. Aufgrund dieser Verbindung zu den sogenannten Spirituali gaben wir ihr den Namen ‚Pietà spirituali‘.“
Das Werk tauchte 1570 wieder auf, nur um erneut zu verschwinden. „Ich vermute, es befand sich im Keller eines Schlosses in Italien oder Sizilien“, so Draguet. Danach blieb es jahrhundertelang unentdeckt. Laut Draguet hat das Auktionshaus in Genua, von dem das Werk an das Brüsseler Paar verkauft wurde, bisher nicht auf Anfragen zur Herkunft des Werkes reagiert.
Weitere Forschung
Um mit absoluter Sicherheit sagen zu können, dass es sich um ein Werk Michelangelos handelt, muss die Herkunft des Werkes geklärt werden, erklärt Steven Saverwyns vom Königlichen Institut für Kulturerbe (KIK-IRPA). Darüber hinaus müssen anerkannte Michelangelo-Experten das Werk begutachten. Laut Draguet liegt die Zukunft des fünften Michelangelo in einem Museum. „Angesichts seines historischen Wertes ist es wichtig, dass die Besitzer das Gemälde in einer öffentlichen Institution ausstellen können“, sagt er.
„In einem Museum bietet sich Raum für eine öffentliche Debatte über die Bedeutung des Werkes.“ Ob diese in Belgien sein wird, bleibt abzuwarten. Internationales Interesse scheint jedoch gesichert. „Und außerdem ist es viel zu gefährlich, dieses Gemälde von außergewöhnlichem historischem Wert im Wohnzimmer hängen zu lassen“, so Michel Draguet.
Jüngste Entdeckungen
Die jüngste Entdeckung eines neuen Rubens-Werks durch den Brüsseler Kunsthändler Klaas Muller verdeutlicht laut Draguet, wie international Auktionen immer zugänglicher werden. „Heutzutage muss man nicht mehr nach Italien reisen, um Auktionen zu durchforsten. Da man Auktionen in anderen Ländern heute digital von zu Hause aus verfolgen kann, wird es einfacher, Werke aufzuspüren“, sagt er.
Draguet zufolge könnten sogar noch weitere unbekannte Werke auftauchen. „Ich bin überzeugt, dass es da draußen noch andere Michelangelos gibt.“ Der Kunstexperte weiß also, was zu tun ist. Berichte und Darstellungen zur Restaurierung und Geschichte der Pietà spirituali finden Sie auf der Website spiritualipieta.com.
