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Inland
Justiz

In Antwerpen hat der PFAS-Prozess gegen 3M begonnen

In Antwerpen hat der Zivilprozess gegen das US-Chemieunternehmen 3M Belgium begonnen. Rund 1.400 Kläger fordern in diesem Prozess einen Schadensersatz in Höhe von etwa 30 Mio. €. 3M wird vorgeworfen, jahrelang den Boden rund um das Chemiewerk am Standort Zwijndrecht (Foto) mit PFAS-verseuchtem Abraum verunreinigt zu haben. Zahlreiche Anwohner hatten in der Folge PFAS-Rückstände im Blut und es wurde ihnen untersagt, in ihren Gärten angebautes  Obst und Gemüse zu verspeisen. Der Fall erzeugte vor rund 5 Jahren hohe Wellen und einen handfesten Umweltskandal.

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Vor rund 5 Jahen sorgte die Entdeckung von PFAS im direkten und weiteren Umfeld der 3M-Chemiefabrik in Zwijndrecht, eine Ortschaft in der Gemeinde Beveren-Kruibeke-Zwijndrecht in der Provinz Ostflandern an der Provinzgrenze zu Antwerpen für Schlagzeilen. Die chemischen Rückstände wurden am Rande der Bauarbeiten am Mega-Verkehrsprojekt Oosterweel-Verbindung zuerst entdeckt und die Funde weiteten sich in der ganzen Umgebung aus.

Im Nachhinein wurde bei Blutproben der direkten Anwohner hohe PFAS-Werte im Blut festgestellt. Aufgrund dessen hatten sich die Betroffenen zu einer Sammelklage gegen 3M entschieden und reichten Klage ein. Dabei werden 20.000 € Schmerzensgeld pro Kläger gefordert.

Gesundheitliche Folgen und Bodensanierung  

Direkte gesundheitliche Schäden konnten allerdings kaum festgestellt werden, doch die Folgen von PFAS auf den menschlichen Körper, z.B. Krebs oder Unfruchtbarkeit können sich auch erst Jahrzehnte später zeigen, so die Anwälte und dazu angefertigte medizinische Gutachten. Der Prozess ist auf vorerst 3 Tage festgelegt und ein Urteil wird in rund einem Monat verkündet, so das Gericht in Antwerpen.

Neben diesem Zivilprozess läuft derzeit noch strafrechtliche Ermittlungen gegen 3M. In enger Abstimmung mit verschiedenen Akteuren auf flämischer und kommunaler Ebene setzt 3M Belgium seine Bodensanierungspläne in dem von OVAM (die regionale flämische Abfallbehörde) im Rahmen der beschreibenden Bodenkartierung ermittelten Gebiet fort.

Dazu heißt es: „3M Belgium erfüllt auch seine Verpflichtungen aus dem 2022 mit der flämischen Regierung geschlossenen Sanierungsabkommen und setzt die durch die flämische Bodenverordnung auferlegten Sanierungsauflagen um.“ 3M hatte sich zudem außergerichtlich mit der flämischen Regierung auf die Zahlung einer Entschädigung in Höhe einer halben Milliarde Euro einigen können.  

3M-Werk in Zwindrecht - Weitgehende Umweltverseuchung

Zur Vorgeschichte

Nach ersten Vermutungen im April explodierte die Bombe im PFAS-Skandal im Juni 2021, als bei den Oosterweel-Bauarbeiten Abraum abgegraben wurde, der hochgradig mit dem chemischen Produkt PFOS, verseucht war.

Die kontaminierte Erde kam aus dem US-Chemiewerk 3M in Zwijndrecht und war dort mehr schlecht als recht abgelagert worden. PFOS ist ein Nebenprodukt, das zur PFAS-Familie gehört. Dies ist eine Bezeichnung für chemische Produkte bzw. Kunststoffe, die sich in der Natur nicht auflösen und die deshalb auch „forever chemicals“ genannt werden.

In den Wochen und Monaten danach wurde immer deutlicher, dass die Behörden und die flämische Landesregierung bereits seit etwa 2017 wussten, dass sich in Zwijndrecht hochgradig verseuchter Abraum befand, doch dazu wurde jede Kommunikation verhindert. Inzwischen wurden schon mehrmals Arbeiten an Oosterweel-Baustellen wegen PFOS unterbrochen und an einigen Stellen wurde bereits mit der Bodensanierung begonnen. Bei Anwohnern des Werks wurden auch in weiterer Umgebung hohe und bisweilen sehr hohe PFOS-Werte im Blut festgestellt.

Das 3M-Management wurde einige Male vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zitiert und stand auch bei der flämischen Landesregierung schwer in der Kritik.

PFAS/PFOS - Was ist das?

Perfluoroctansulfon-Säure (Anion Perfluoroctansulfonat oder kurz PFOS) ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS). Das Produkt wurde hauptsächlich dazu verwendet, um Materialien wie Textilien, Teppiche und Papier fett-, öl- und wasserfest zu imprägnieren.

Daneben wurde es bei der Verchromung, für die Imprägnierung von Kochgeräten (z.B. Pfannen), in der Analogfotografie, in älteren Feuerlöschschäumen (AFFF), in Kosmetikprodukten und in Hydraulikflüssigkeiten für die Luft- und Raumfahrt verwendet.

Das EU-Parlament hat im Oktober 2006 beschlossen, die Verwendung von PFOS auf wenige Einsatzbereiche einzuschränken. Im Stockholmer Übereinkommen wurde 2009 entschieden, PFOS in die Konvention für eingeschränkte Stoffe aufzunehmen. Das größte Problem mit diesem Produkt ist die Tatsache, dass es sich nicht auf natürliche Weise abbaut - was für alle PFAS-Stoffe gilt (das sind sognannte „forever chemicals“).

Das bedeutet, dass sich mehr und mehr PFOS bzw. PFAS in der Umwelt und in den Wasserläufen befindet. PFAS gibt es in der Chemie in rund 6.000 verschiedenen Formen und Verbindungen.

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