Um Geschichte anders darzustellen, wurden vor Jahrhunderten wichtige Details in Gemälden verändert. Dies zeigt eine Ausstellung im Königliche Museum der Schönen Künste (KMSKA) in Antwerpen. Dort ist ein Gemälde zu sehen, das den Abriss der spanischen Zitadelle des Herzogs von Alba im Jahr 1577 darstellt. Besonders interessant ist, dass diese Täuschung mit Blasensteinen und einem Quacksalber in Verbindung gebracht wird.
Außergewöhnliche Ausstellung in Antwerpen: Eine Täuschung über den Abriss der Zitadelle von Alba
Ein Gemälde erzählt mehr, als man denkt. Manchmal ist es sogar ein offenkundiger Versuch, der Geschichte eine neue Wendung zu geben. Genau das ist der Ansatz der Ausstellung „Der Fall der Zitadelle von Alba“ im KMSKA in Antwerpen. Diese Ausstellung ist in etwa der Versuch, eine frühe Version von Fakenews aufzudecken…
Im Zentrum der Ausstellung steht ein Gemälde eines anonymen Meisters aus dem frühen 17. Jahrhundert, das den Abriss der spanischen Festung in Antwerpen im Jahr 1577 zeigt (Illustration oben). Diese Festung war eine Zitadelle, von der aus der spanische Herzog von Alba die Stadt während des Achtzigjährigen Krieges in seiner Gewalt hielt. Sie war ein Symbol für Herrschaft und Unterdrückung.
„1577 vertrieben die Antwerpener die Spanier kurzzeitig. Der Stadtrat beschloss daraufhin umgehend den Abriss der Zitadelle. Damaligen Quellen zufolge führte dies zu einem regelrechten Volksfest, das mehrere Tage andauerte. Die spanischen Besatzer waren nach jahrelanger Herrschaft aus der Stadt vertrieben worden. Um dies zu feiern, wurde der Abriss der Festung in weit verbreiteten Drucken und Gemälden dargestellt“, erklärt Koen Bulckens, Kurator am Königlichen Museum der Schönen Künste Antwerpen.
Geschichtsverdrehung?
Als Besucher scheint man diese Szene im zentralen Gemälde der Ausstellung im KMSKA zu sehen. Doch nichts könnte der Wahrheit ferner liegen. „Dieses Gemälde hat etwas Besonderes. Es entstand etwa 40 bis 50 Jahre nach den Ereignissen. Antwerpen stand wieder unter spanischer Herrschaft. Im Vergleich zu den ersten Drucken wurden einige Details verändert“, sagt Bulckens.
Zunächst fällt die Atmosphäre auf. „Der Himmel ist düsterer und weniger blau als in den früheren Versionen“, so Bulckens: „Außerdem sieht man im Vordergrund kämpfende Kinder, die hinzugefügt wurden. Es vermittelt also ein Gefühl der Negativität.“ Die Zerstörung der Zitadelle von Alba war deutlich weniger festlich als auf jenen Drucken, die kurz nach den Ereignissen entstanden.
Quacksalber oder Wilhelm von Oranien?
„Die wichtigste Änderung findet sich jedoch unten links. Dort ist ein Quacksalber mit seinem Stand zu sehen. In der Originalkomposition kam Wilhelm von Oranien in einer Kutsche an. 1577 war Oranien das Symbol des Kampfes gegen die Spanier und Wilhelm der Mann mit den neuen Ideen“, sagt Bulckens. Die Botschaft des veränderten Gemäldes ist daher eindeutig: Wilhelm von Oranien kam, genau wie die Quacksalber, nach Antwerpen, um Lügen und Falschinformationen zu verbreiten: „Für die Elite der Stadt, die die Originaldrucke kannte, war dies eine unmissverständliche Botschaft: Lasst euch nicht noch einmal täuschen!“
Schmerzhafte Blasensteine
Die Blasensteine links, hinter dem Quacksalber, untermauern diese Theorie laut Bulckens: „Quacksalber werden üblicherweise mit allerlei Attributen dargestellt. Hier sehen wir nur diese Blasensteine, die deutlich sichtbar hängen. Das ist kein Zufall. Damals konnte man Blasensteine nur durch einen Steinschneider entfernen lassen - ein sehr schmerzhafter Eingriff. Das Risiko war so groß, dass viele lieber mit den Schmerzen lebten. Es gab jedoch Quacksalber, die behaupteten, sie könnten die Steine schmerzlos, ohne Skalpell und Blut, auflösen. Reine Scharlatane also, die Flugblätter über ihre Fähigkeiten verteilten.“
Die Botschaft von 1620 ist eindeutig: Wilhelm von Oranien und die Vertreibung der Spanier erwiesen sich als nichts weiter als die Illusion einer schmerzlosen Heilung. Die wörtliche Analogie mit den Steinen unterstreicht die Warnung. Im Hintergrund des Gemäldes sieht man die Antwerpener, wie sie die Steine von der spanischen Burg entfernen. „Die Humanisten waren sehr sensibel für solche Wortspiele und müssen sie bemerkt haben“, sagt Bulckens. Übrigens kann man solche Blasensteine in der Ausstellung im Königlichen Museum der Schönen Künste Antwerpen (KMSKA) bewundern.
Geschichtsschreibung
Mit all diesen Anpassungen wollte die wiedererstarkte spanische Herrschaft die Geschichte Antwerpens umschreiben. „Dieses Gemälde entstand in einer Zeit, als die Spanier zurückgekehrt waren. Sie bauten die Zitadelle wieder auf und wollten bewusst ein anderes Bild des Antwerpener Aufstands von 1577 zeichnen“, sagt Bulckens. Laut der neuen Darstellung war die Zerstörung der Zitadelle von Alba alles andere als ein Grund zum Feiern. Es gab Alkoholmissbrauch, Gewalt und Mädchen wurden geschwängert. Spanisch gesinnte Bürger gaben solche Gemälde in Auftrag. Auch Bücher und Dekorationen an öffentlichen Gebäuden sollten dem vorherrschenden Bild entgegenwirken.
Wo befand sich diese Zitadelle?
Ein interessantes Detail: Der Standort des heutigen Königlichen Kunstmuseums in Antwerpen war im 16. Jahrhundert ein integraler Bestandteil der spanischen Zitadelle. Sie stellte einen gigantischen Komplex dar, der fast das gesamte heutige Zuid-Viertel der Hafenstadt einnahm. Man kann sie als spitzes Bollwerk ganz im Süden erkennen, zentral auf der untenstehenden Karte von Antwerpen.
Königliche Museum der Schönen Künste (KMSKA), Leopold de Waelplaats 1, 2000 Antwerpen, Info: https://kmska.be/nl
