Während Konsumentinnen und Konsumenten immer öfter auf schnelle und kostenlose Lieferung setzen, werden die Kosten häufig auf andere abgewälzt. In Belgien wird täglich mehr als eine Million Pakete zugestellt. Das Wachstum basiert zu einem großen Teil auf Subunternehmern und selbstständigen Kurieren, die unter extrem hohem Druck, für geringe Entlohnung und mit erheblichen finanziellen Risiken arbeiten. Das hat eine neue Reportage der Verbrauchersendung WinWin auf VRT1 ergeben.
Durch die mehrstufigen Subunternehmerstrukturen werden Verantwortlichkeiten kontinuierlich nach unten durchgereicht: bis hin zur Person, die das Paket tatsächlich zustellt. Paketdienste und Subunternehmer verrechnen am Monatsende die Kosten für verlorene oder beschädigte Pakete an die Zusteller.
„Ein Kollege hat einmal ein Elektrofahrrad zugestellt und den Empfang von den Nachbarn bestätigen lassen“, berichtet ein anonymer Zusteller: „Der eigentliche Empfänger behauptete später, das Fahrrad nie bekommen zu haben. Der Zusteller musste den Wert des Fahrrads ersetzen. Das hat ihn 8.000 Euro aus der eigenen Tasche gekostet.“
Ein anderer Zusteller erzählt: „Am Monatsende kommt die gefürchtete Abrechnung: eine Gesamtsumme aus allen Fällen, in denen jemand behauptet, sein Paket nicht bekommen zu haben. Da wir selbstständig sind, tragen wir die Verantwortung und müssen diese Kosten selbst bezahlen. Der Betrag variiert, aber 500 Euro pro Monat sind keine Ausnahme.“
Ökonom Roel Gevaert, Transportexperte an der Universität Antwerpen, erklärt, dass dies keine Einzelfälle sind: „Der Druck, schnell und billig zu liefern, wird systematisch nach unten weitergegeben. Wer sich am unteren Ende der Kette befindet, trägt das gesamte Risiko.“
1.500 Zusteller für 180 Subunternehmer
Der belgische Paketmarkt ist komplex verschachtelt. Große Logistikunternehmen beschäftigen relativ wenig eigenes Zustellpersonal und lagern die Zustellarbeit an Subunternehmer aus. Die Zusteller arbeiten also oft nicht für jene Marke, die auf dem Paket steht, sondern für einen Vertragspartner.
Ein Zusteller berichtet, dass sein Subunternehmer gleichzeitig für mehrere große Paketunternehmen fährt – eine Praxis, die gut informierten Quellen zufolge eher die Regel als die Ausnahme ist.
Beispiel PostNL: Rund 1.500 Zusteller arbeiten dort für 180 Subunternehmer, während nur etwa 50 der 1.500 Touren vom eigenen Personal gefahren werden.
Nur 2 Minuten je Lieferung
Die Arbeitsbelastung ist enorm. Zusteller müssen täglich 150 bis 250 Adressen abfahren. Bei einem 8‑Stunden‑Tag bleiben damit nur etwa zwei Minuten pro Paket: fahren, parken, das Paket finden, klingeln, warten – und falls niemand zu Hause ist, bei Nachbarn klingeln oder einen Paketshop aufsuchen.
Entlohnt werden sie meist pro zugestelltem Paket, nicht pro Stunde. Pro Lieferung erhalten sie 1,50 bis 2,50 Euro. Für Lieferungen an Paketshops sind es manchmal nur 16 Cent, obwohl diese Lieferungen oft mehr Zeit und Papierkram erfordern.
Die Kombination aus geringem Verdienst und hoher Anzahl an Lieferungen erzeugt massiven Druck. Das erklärt, warum Pakete manchmal auf dem Gehweg abgelegt oder halb in Briefkästen gesteckt werden. „Wenn der Kunde zu Hause ist, verdient man etwas. Wenn nicht, verliert man Zeit“, berichten mehrere Zusteller.
"So wollen wir nicht arbeiten"
Arvin Willemse, CEO von PostNL, betont, dass Subunternehmer die gleichen Regeln einhalten müssen wie unternehmensinterne Zusteller.
„Unsere Daten zeigen, dass Zusteller im Schnitt 7,6 Stunden pro Tag fahren. Es gibt Spitzenzeiten, aber selten über 8 Stunden“, sagt er. Extrem lange Arbeitstage und unrealistische Liefermengen entsprächen nicht der Unternehmenspolitik.
„Wenn Zusteller von Subunternehmern tatsächlich nur 2 Minuten pro Paket haben, sollen sie sich bei uns melden. So wollen wir nicht arbeiten.“
Zur Praxis, Kosten für verlorene Pakete an Zusteller weiterzugeben, sagt er: „Das wäre bei uns nicht möglich. Aber ein fairer Umgang ist hier entscheidend.“
Andere große Paketdienste reagierten nicht auf Anfragen der WinWin-Redaktion: DPD lehnte ausdrücklich ab, GLS antwortete nicht und Colis Privé war nicht erreichbar.
