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Die Brüsseler Kathedrale wird 800 Jahre alt

Die Kathedrale St. Michael und St. Gudula in Brüssel ist erst seit 1961 nach der Neuordnung des Bistums Mechelen offiziell eine Kathedrale, doch der Bau der Kirche begann bereits vor 800 Jahren. Der im 13. Jahrhundert begonnene Bau der Kathedrale gilt als Meisterwerk der Brabanter Gotik. Seit Ende 2025 wird der Baubeginn mit Messen, Konzerten und einem Lichtspiel im Inneren der Kathedrale gefeiert. Werfen wir einen Blick zurück auf die Geschichte dieses bedeutenden Gotteshauses in der belgischen Hauptstadt.

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Die Kathedrale St. Michael und St. Gudula ist ein Kirchengebäude in der Brüsseler Altstadt und sie ist die Co-Kathedrale des Erzbistums Mechelen-Brüssel. Sie ist den Heiligen Michael und Gudula, den Schutzpatronen der Stadt Brüssel, geweiht und gilt als eines der bekanntesten Beispiele für die Brabantische Gotik. Bis zur Teilung des Bistums Mechelen im Jahr 1961 war sie eine Stiftskirche, die dem Heiligen Michael geweiht war und in der 1047 ein Kapitel zu Ehren der Heiligen Gudula gegründet wurde.

Bereits im 9. Jahrhundert stand hier am Treurenberg vermutlich schon eine dem Heiligen Michael geweihte Kapelle. Im 11. Jahrhundert wurde hier eine romanische Kirche errichtet, die 1047 zur Stiftskirche erhoben wurde. Nach der Überführung der Reliquien der Heiligen Gudula erhielt sie den Doppelnamen „Stiftskirche St. Michael und St. Gudula“. Erst im Februar 1962 wurde diese Kirche zur Kathedrale erhoben und ist seither, zusammen mit der St. Rombouts-Kathedrale in Mechelen, Sitz des Erzbischofs von Mechelen-Brüssel. Der Bau des gotischen Chors begann im Jahr 1226 - der Anlass der 800-Jahrfeiern. Der Bau der Kathedrale selbst begann im frühen 13. Jahrhundert unter Herzog Heinrich I. von Brabant. 

Von einer Stiftskirche zur Kathedrale

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Erzbistum von Mechelen neu organisiert. Zum einen wurde das Bistum Antwerpen losgelöst, wobei die Liebfrauenkirche in Antwerpen zur Liebfrauenkathedrale, sprich zur Kathedrale dieses neuen Bistums wurde. Der Rest des ehemaligen Bistums Mechelen wurde in Erzbistum Mechelen-Brüssel umbenannt. Der Primas der Katholiken in Belgien behielt seinen Sitz wie zuvor im Erzbischöflichen Palast in Mechelen.

Die bisherige Brüsseler Hauptkirche wurde im Zuge dessen quasi zur Co-Kathedrale erhoben, die neben der St.-Rombouts-Kathedrale in Mechelen funktioniert. Um das Jahr 2000 herum wurde die Idee umgesetzt, die Kathedrale nach dem Heiligen Michael und der Heiligen Gudula zu benennen. Die Archive der Kathedrale werden im Staatsarchiv in Brüssel aufbewahrt. Als Nationalkirche des Königreichs Belgien finden in St. Gudula, wie die Kathedrale in ihrer Kurzform gerne genannt wird, häufig königliche Hochzeiten, Staatsbegräbnisse und ähnliche Zeremonien statt.

Architektur

Die Kathedrale wurde aus Gobertange-Stein aus den Steinbrüchen von Dilbeek in Flämisch-Brabant am Brüsseler Rand erbaut erbaut. Die Gewölbehöhe des Langhauses beträgt 26,5 Meter. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts fand die umfassendste Restaurierungskampagne der Kathedrale statt. Es war seit Langem bekannt, dass das mittelalterliche Gebäude mehrere bauliche Probleme aufwies (darunter die ungünstige Anordnung der Strebebögen). Frühere Restaurierungen hatten diese Probleme nie lösen können. Teilweise hatten sie sich sogar dabei verschlimmert. Die jüngste Restaurierung konnte die Struktur jedoch langfristig stabilisieren. Auch eine ganze Reihe weiterer Probleme, wie beispielsweise Wassereintritt, wurden behoben.

Die teilweise bis ins 16. Jahrhundert zurückgehenden 1200 Glasgemälde der 16 Chorfenster bewirken ein helles, lichtdurchflutetes Inneres. Viele von ihnen stellen Persönlichkeiten aus der Geschichte Flanderns dar. 1910 schufen die Frankfurter Glasmaler Rudolf und Otto Lindemann Fenster für die Kirche. An den Säulen des Hauptschiffs befinden sich zwölf überlebensgroße Apostelfiguren von Luc Fay d’Herbe und Jérôme Duquesnoy aus dem 17. Jahrhundert.

DervAltar besteht aus weißem und schwarzem Marmor und wurde im Jahr 1660 im Chor platziert. Zusätzlich verfügt die Kathedrale über einen Hochaltar, der im Jahr 1888 gebaut wurde. Auffällig ist seine Ausstattung mit vergoldetem Kupfer. In der Nähe des Hochaltares befindet sich das Grabdenkmal des Herzogs  Johann II. von Brabant.

Die monumentale Freitreppe der Kathedrale, entworfen von Pieter Paul Merckx, wurde zwischen 1702 und 1707 eingebaut. Sie war ein Geschenk der Stadt Brüssel. Ursprünglich war die Treppe an der Stadtmauer errichtet worden, um den Zugang zur Promenade zwischen der Lakense- und der Schaarbeeksepoort zu ermöglichen.

Innenraum

Kanzel

Die naturalistisch gestaltete geschnitzte Kanzel von Hendrik Frans Verbruggen entstand zwischen 1696 und 1699 für die Jesuiten der St. Michaels-Kirche in Löwen (Flämisch-Brabant) und gelangte 1776 nach Brüssel, nachdem Kaiserin Maria Theresia persönlich vermittelt hatte. Sie ist ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk, eine Synthese aus Sündenfall und Erlösung durch die Kirche. Am unteren Ende der Kanzel vertreibt ein Erzengel Adam und Eva aus dem irdischen Paradies. Eva, verängstigt, schützt sich mit dem Arm, während sie den Apfel in der anderen Hand hält. Adam verbirgt ängstlich sein Haupt.

Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse kriecht eine riesige Schlange empor,  wird aber von der triumphierenden Jungfrau mit dem Jesuskind zermalmt. Typisch für Verbruggen sind die beiden flatternden Engel, die den Deckel der Kanzel „anheben“. Jan Baptist van der Haeghen fügte zu beiden Seiten der Treppe eine Hecke aus Tierfiguren hinzu.

Kirchenschatz

Die Kapelle des „Wundertätigen Sakraments“ beherbergt eine bedeutende Sammlung von Goldschmiedearbeiten, Stickereien und religiöser Kunst. Verschiedene Reliquien und kostbare Textilien sind ausgestellt, darunter mit Seide und Goldfäden bestickte Messgewänder, die von verschiedenen Königen gestiftet wurden, sowie ein Kelch - ein Geschenk König Leopolds I. Die Reliquie des Wahren Kreuzes aus dem 14. Jahrhundert ist international berühmt. Ebenfalls bemerkenswert ist die Marmorskulpturengruppe Unserer Lieben Frau mit dem Kind von Conrad Meit.

Mittelgang mit Kanzel (rechts)

Reliquien

Die Kathedrale beherbergt Reliquien in Form von Hostien, die der Überlieferung nach durch einen Messerstich durch Juden (1370) zu bluten begannen. Die vergoldete Monstranz ist mit Diamanten und Kristall besetzt. Im 17. Jahrhundert erlebte der Kult des Wundertätigen Sakraments seine Blütezeit.

Das Wundertätige Sakrament ist eine Mischung aus Aberglauben, Unwissenheit und der Verfolgung der Juden. Ein Jude stiehlt konsekrierte Hostien aus der Kirche und sticht sie mit einem Messer an, um zu beweisen, dass sie nicht Leib und Blut Christi sind. Die Hostien beginnen zu bluten. Die Juden werden verhaftet, hingerichtet und ihr Besitz konfisziert. Die gesamte Geschichte ist in den Buntglasfenstern der Kirche dargestellt. Dieses Ereignis wurde jährlich mit einer Prozession begangen, doch diese Tradition geriet nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit.

1977 wurde in der Kirche eine Bronzetafel mit folgendem Text angebracht: „Im Jahr 1370 wurde die jüdische Gemeinde Brüssels der Schändung des H. Sakraments beschuldigt und bestraft. Am Karfreitag 1370 soll man in der Synagoge gestohlene Hostien mit einem Dolch durchbohrt haben. Blut soll aus den Hostien geflossen sein. Im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils und nach Prüfung der historischen Forschung wiesen die diözesanen Autoritäten des Bistums Mechelen-Brüssel 1968 auf den tendenziösen Charakter der Anklage und die Legende der Darstellung des ‚Wunders‘ hin“

Die Verfärbung der Hostien kann (wissenschaftlich erklärt) durch einen Mikroorganismus, z.B. dem Microcossus prodigiosus oder dem Serratia marcescens, verursacht werden.

Orgeln und Glockenspiel

Die große Grenzing-Orgel im Kirchenschiff, deren Gehäuse wie ein Schwalbennest unter den Gewölben hängt, wurde im Oktober 2000 eingeweiht. Sie verfügt über 4.300 Pfeifen, aufgeteilt in 63 Register, vier Manuale und ein Pedal. Das Instrument ist ein Werk des deutschen Orgelbauers Gerhard Grenzing und seiner spanischen Mitarbeiter aus El Papiol. Der Entwurf des Gehäuses stammt von dem englischen Architekten Simon Platt. Die zweimanualige Chororgel entstand 1977 in der Werkstatt des belgischen Orgelbauers Patrick Collon aus dem Brüsseler Stadtteil Laken.

Im Südturm der Kathedrale befindet sich ein Glockenspiel mit 49 Glocken der Glockengießerei Eijsbouts aus Asten in den Niederlanden. Im Nordturm hängt die Salvator-Glocke, die größte Glocke (Bourdon). Sie wurde 1638 von dem Glockengießern Peter van den Gheyn und Peter de Clerck aus Mechelen gegossen und wird nur zu besonderen Anlässen schwingend geläutet.

Info: https://cathedralisbruxellensis.be/nl/

Die Grenzing-Orgel

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