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Sechs Jahrhunderte unter Verschluss und jetzt für Besucher geöffnet: Die private Gebetskapelle des Adornes-Anwesens in Brügge

Das mittelalterliche Adornes-Anwesen in Brügge mit seiner Jerusalem-Kapelle stellen außergewöhnliches Kulturerbe dar. Eine kleine, farbenfroh bemalte private Kapelle (Foto) und eine Galerie wurden kürzlich restauriert und können erstmals seit Jahrhunderten - allerdings teilweise hinter Glas - bewundert werden. Als besonderes Highlight gibt es ein neu erworbenes Prunkstück: Eine Statue der Heiligen Katharina aus dem 15. Jahrhundert, der Schutzpatronin der Familie Adornes.

Kristien Bonneure Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Hinter einem gotischen Buntglasfenster in der Jerusalem-Kapelle hängt ein bunter Staubwedel. „Um die jahrhundertealten Spinnweben zu entfernen“, lacht Gräfin Véronique de Limburg Stirum. Ihr Mann Maximilien ist ein Nachkomme von Anselm Adornes - in der 17. Generation. Die mittelalterliche Jerusalem-Kapelle und das gesamte Anwesen befinden sich noch immer im Besitz derselben Familie. Schritt für Schritt wird das Anwesen restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Eine Meisterleistung war die Restaurierung des Mausoleums von Anselm Adornes und seiner Frau vor einigen Jahren. Derzeit wird an den früheren Armenhäusern gearbeitet, wo ab dem nächsten Jahr die Kunstschätze der Familie unter idealen Museumsbedingungen ausgestellt werden. Jetzt erhält die Öffentlichkeit erstmals seit dem 15. Jahrhundert Einblick in einen Teil der Jerusalem-Kapelle, der stets verschlossen war.

Vom Erdgeschoss der Jerusalem-Kirche - mit den Mausoleen, einer Skulptur der Golgatha-Szene und einer Kopie des Grabes Christi - führt eine Treppe 14 Stufen hinauf in den ersten Stock. Einige weitere Stufen hinauf, rechts abbiegen, gelangt man in eine Galerie, die mit dem Haus verbunden ist. In dieser Galerie führt ein noch schmalerer Korridor zu einem privaten Gebetsraum, quasi eine Minikapelle. 

Hier ist genau Platz für einen Stuhl“

Véronique de Limburg Stirum, Besitzerin des Anwesens Adornes

Und dann befindet man sich in einem winzigen Raum. „Ein Achteck“, erklärt Veronique de Limburg Stirum: „Es ist wirklich nur für eine Person gedacht. Hier ist genau Platz für einen Stuhl.“ Einige kleine Fenster bieten einen Blick auf die darunterliegende Kirche. Und wenn man eine winzige Tür öffnet, fällt der Blick diagonal durch einen Schlitz direkt auf den Altar.

Detail der Minikapelle

Die Wände der Privatkapelle sind reich verziert und mit roten, gelben und blauen Motiven bemalt. Vor dem Hintergrund Jerusalems ist ein gekreuzigter Christus zu sehen. Und es gibt zahlreiche Bezüge zur Familie Adornes: Wolken und Räder, die die Heilige Katharina, ihre Lieblingsheilige, symbolisieren.

Eine private Loge in einer Kirche - so sollte man es sehen. Leicht zugänglich von den Privatgemächern des Hausherrn oder der Hausherrin. Die Kapelle könnte für Anselm Adornes selbst oder für seinen Sohn Jan, der Kanoniker war, bestimmt gewesen sein. „Es gibt nur ein weiteres Beispiel dieser Bauart in Brügge, nämlich die Privatkapelle von Gruuthuse in der Liebfrauenkirche.“ Sie stammt aus derselben Zeit wie die von Adornes.

Die Restaurierung war sehr heikel, aber erfolgreich“

Véronique de Limburg Stirum, Besitzerin des Anwesens Adornes

„Sehen Sie den großen Riss in der Decke? Das war das Problem“, erklärt sie. Der Riss ist noch sichtbar, aber die Kapelle ist stabilisiert. „Das Dach wurde abgenommen, alles angehoben und mit einer Betonplatte und einem Verankerungssystem wieder befestigt. Es war sehr heikel, nichts zu beschädigen, aber es hat geklappt. Wir sind sehr zufrieden.“ Ein großes Lob auch an die Handwerker, die dies erfolgreich abgeschlossen haben: „Hut ab!“

Die Restaurierung der Wandmalereien und Fenster steht noch aus. Besucher können durch eine Glaswand ins Innere blicken. Ein QR-Code ermöglicht es, Detailaufnahmen anzusehen. Und in der Jerusalemer Kapelle selbst erstrahlen die farbenfrohen Wände des kleinen Oratoriums wie eine Laterna magica durch die Fenster.

Die heilige Katharina von Alexandrien, 15. Jahrhundert, Alabaster. Zu ihren Füßen liegt der Kaiser, der sie zur Heirat und zum Übertritt zum Islam zwang. Sie wurde auf einem Rad gefoltert, doch die Speichen brachen. Daraufhin wurde sie enthauptet.

Die Heilige Katharina aus Alabaster

Eine absolute Sehenswürdigkeit in der restaurierten Galerie ist die kürzlich erworbene Statue der Heiligen Katharina - Englisch, 15. Jahrhundert, aus Alabaster. Die Heilige hat eine besondere Bedeutung für die Familie Adornes. Auf ihrer Pilgerreise nach Jerusalem machten Anselm und sein Sohn Jan Halt im Katharinenkloster in der Sinai-Wüste. Eine Inschrift an der Wand erinnert noch heute an ihren Besuch vor fast 600 Jahren!

Unterdessen laufen auch an anderen Stellen des Anwesens Adornes die Arbeiten. Es handelt sich um laufende Projekte, so die Gräfin: „Das Prunkstück ist die Jerusalem-Kapelle, aber es gibt noch viel mehr: das Wohnhaus, die Armenhäuser, das Museum, die Pieterzaalen (St.-Petrus-Säle), die ehemaligen Kutschenhäuser, in denen wir zeitgenössische Kunst ausstellen. Es ist wichtig, das Anwesen als Ganzes zu präsentieren.“

Die Familie Stirum

Was treibt die Familie De Limburg Stirum an, all dies zu tun und zu finanzieren, wenn auch mit Hilfe flämischer Subventionen? „Dies ist ein so außergewöhnlicher Ort. Mir war sofort klar, dass wir ihn zeigen und mit anderen teilen mussten. Zum Teil, weil es ein Privathaus ist und bleibt,“ So Gräfin Veronique de Limburg Stirum. Aus diesem Grund ist das Anwesen Adornes sonntags geschlossen.

Der ungewöhnliche Turm der Jerusalem-Kapelle mit seiner Kupferkugel, einer goldenen Sonne und einem goldenen Mond, ist schon von Weitem sichtbar. Doch Touristenmassen verirren sich nicht hierher. Das Anwesen Adornes bleibt ein verborgener Schatz im geschäftigen Brügge.

„Es liegt abseits der Touristenpfade und das ist ein Vorteil. Dies ist ein authentisches, ruhiges Viertel von Brügge. Besucher sagen: ‚Wow, es ist so friedlich hier.‘ Das ist ein Pluspunkt für uns. Hier ist alles klein und überschaubar.“ Mit einer „neuen“ Attraktion: dem kleinsten Oratorium der Stadt, das nach sechs Jahrhunderten heute für die Öffentlichkeit zugänglich ist. 

Anselm Adornes: Ritter, Geschäftsmann, Diplomat, Pilger und seine Frau Margaretha

Wer war dieser Adornes, der dem Anwesen seinen Namen gab?

Die Familie Adornes, ursprünglich aus Italien, war im Handel in Brügge tätig, der bedeutendsten Stadt des 15. Jahrhunderts. Ihr Vater Pieter erbaute die erste Kapelle, doch erst sein Sohn Anselm wandelte sie in eine Nachbildung des Grabes Christi um. Dies tat er nach einer abenteuerlichen Pilgerreise nach Jerusalem, von der ein lebhafter Bericht überliefert ist.

Anselm Adornes war ein wohlhabender Alaunhändler und ein wichtiger Akteur der Wollfärberei. Er engagierte sich auch in Politik und Diplomatie. Doch dies kostete ihn das Leben. Er wurde in Schottland ermordet und dort beigesetzt. Im Mausoleum der Jerusalem-Kapelle in Brügge ruht neben dem Leichnam seiner Frau Margaretha van der Banck nur sein Herz. Sie hatten 16 Kinder. Zur Veranschaulichung des familiären Hintergrunds: Anselm besaß zwei Gemälde von Jan van Eyck, die er vor seiner Pilgerreise seinen Töchtern vermachte.

Auf dem Gut Adornes erfahren Sie alles über die Geschichte der Familie Adornes und den Kontext des späten Mittelalters in Brügge. Praktische Informationen: Das Gut Adornes in Brügge mit seinem restaurierten privaten Oratorium und der Galerie ist von Montag bis Samstag geöffnet. Info: https://www.adornes.org/

Das Adornes-Anwesen liegt etwas versteckt in Brügge...

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