Seit Ende November zeigt das AfricaMuseum in Tervueren (Flämisch-Brabant, bei Brüssel) die Ausstellung „Das Kongo-Panorama 1913: Koloniale Illusion durchleuchtet“. Gemeinsam mit Künstlern, Experten und Forschern konfrontiert die Ausstellung koloniale Bildsprache mit historischen und zeitgenössischen Stimmen, Geschichten und Erkenntnissen, die lange unterdrückt wurden. Sie lädt zum kritischen Hinsehen ein: Was offenbart ein Bild, was bleibt verborgen – wer spricht, und wem wurde die Möglichkeit dazu verwehrt?
Ausstellung im AfrikaMuseum in Tervueren: "Das Kongo-Panorama 1913 - Koloniale Illusion durchleuchtet"
Im Zentrum der Ausstellung des Königlichen Museums für Zentralafrika steht das Kongo-Panorama, ein monumentales Rundgemälde, das die Hauptattraktion des belgischen Kolonialbereichs auf der Weltausstellung in Gent 1913 war. Das immersive Panorama sollte die Besucher vom vermeintlichen Fortschritt überzeugen, den Belgien im Rahmen seiner „Zivilisierungsmission“ in den Kongo gebracht hatte. Europäische Gewalttaten, Zwangsarbeit und kongolesischer Widerstand wurden bewusst ausgeblendet – eine frühe Form von Fake News.
1910 - Die Realität wird ausgeblendet
Zurück ins Jahr 1910, als das heutige AfricaMuseum erbaut wurde. Zwei Künstler wurden in den Belgisch-Kongo entsandt, um ein Gemälde zu schaffen, das die Kolonialisierung verherrlichen sollte. Es handelte sich um die „neue“ Kolonialisierung, denn die Gräueltaten König Leopolds II. hatten das Ansehen Belgiens so schwer beschädigt, dass das Kolonialministerium einen positiveren Ansatz wünschte. Nach „Kongo-Freistaat“ sollte der Belgisch-Kongo die „primitive Bevölkerung zivilisieren“.
Die Maler Alfred Bastien und Paul Mathieu reisten nach Elisabethville und in die Umgebung der Hafenstadt Matadi. Dort war die Industrialisierung in vollem Gange. Sie fotografierten Dorfszenen, Märkte, Soldaten der Force Publique, angekettete Träger mit Elfenbein und Holz, eine Hafenansicht und den dichten Dschungel.
Es entstand ein größenwahnsinniges Gemälde, 115 Meter lang und 15 Meter hoch, mit einem Gewicht von 3.000 Kilogramm. Auf der Weltausstellung 1913 in Gent wurde eigens dafür ein runder Pavillon errichtet. Von einer zentralen Plattform aus konnten die Besucher die atemberaubende Landschaft bewundern, als stünden sie mitten drin. Eine Viertelmillion Menschen kamen, um das Kongo-Panorama zu sehen. Doch nichts war, wie es schien. Die Fotografien der Künstler waren auf der Leinwand manipuliert. Die Ketten der Träger waren verschwunden, ebenso die Stoßzähne der Elefanten, die Unterdrückung.
Die Herausforderung für uns bestand darin, den richtigen Zugang zum Kongo-Panorama zu finden - als Kunstwerk, als historisches Dokument oder einfach als Projektionsfläche? Das Spannungsverhältnis zwischen diesen drei Dimensionen offenbart die Komplexität der Ausstellung: Vergessene Stimmen der Vergangenheit werden neben kritischen Interpretationen der Gegenwart in den Vordergrund gerückt“
Patrick Mudekereza, Kurator
Heute, mehr als ein Jahrhundert später, kehrt das AfricaMuseum mit einer verkleinerten Reproduktion zu diesem größenwahnsinnigen und sorgfältig konstruierten Propagandainstrument zurück. Nicht um das koloniale Kunstwerk und seine Botschaft zu restaurieren, sondern um ein Gegenargument zu liefern. Die Zusammenarbeit mit Künstlern, Experten und Forschern aus dem Kongo und Belgien formt eine internationale und kritische Gegenerzählung, die die koloniale Illusion des Panoramas zerstört.
Archive, Fotografien und Objekte, größtenteils aus der Sammlung des AfricaMuseums selbst, bieten einen erschreckenden Einblick in das, was 1913 unsichtbar war. Zeugnisse aus Vergangenheit und Gegenwart stellen diese idyllische Darstellung zusätzlich infrage. Schließlich lädt die Ausstellung die Besucher ein, Parallelen zu zeitgenössischen Formen von Propaganda und Desinformation zu ziehen. „Das Kongo-Panorama 1913 - Koloniale Illusion durchleuchtet“ macht genau bei diesen Parallelen neugierig auf Vergleiche, was z.B. auch Schulklassen bei Besuchen erfahren dürften.
„Das Kongo-Panorama 1913 - Koloniale Illusion durchleuchtet“, bis 27.09.2026: AfricaMuseum (Königliches Museum für Zentralafrika), Leuvensesteenweg 13, 3080 Tervuren, Info: www.africamuseum.be
