Im Bereich der Drogenkriminalität konzentrieren sich Justiz und Polizei in Brüssel vor allem auf die Täter: die Dealer, aber auch auf die Strukturen hinter Drogenhandel und auf die Gewalt. Seit der Ernennung des neuen Staatsanwalts Julien Moinil ist eine weitere Dimension hinzugekommen: seit diesem Jahr werden auch die Drogenkonsumenten ins Visier genommen, wie die Brüsseler Nachrichtenplattform BRUZZ schreibt. Schließlich halten sie den Drogenhandel in den Problemvierteln aufrecht und tragen somit eine Mitschuld an Belästigung und Gewalt, argumentiert die Staatsanwaltschaft.
Ohne Kundschaft keine Dealer: Die Brüsseler Polizei richtet sich jetzt auch gegen die Drogenkonsumenten
Der neue Ansatz erwies sich laut den von BRUZZ bei verschiedenen Polizeirevieren angeforderten Zahlen als erfolgreich. In den vier am stärksten vom Drogenhandel betroffenen Gebieten hat die Polizei in diesem Jahr bereits mindestens 2.438 Bußgelder gegen Drogenkonsumenten verhängt und zwar in Form einer sofortigen außergerichtlichen Einigung. Diese Geldstrafe muss entweder sofort vor Ort (per Bankkarte oder QR-Code) oder innerhalb von 15 Tagen per Banküberweisung bezahlt werden.
Die meisten dieser Bußgelder wurden im Gebiet Brüssel-Hauptstadt/Elsene verhängt (über 1.400), gefolgt von häufig betroffenen Gebieten in der Polizeizone Süd (558), wo solche Geldstrafen hauptsächlich in Anderlecht und Sint-Gillies und in geringerem Umfang in Vorst verhängt wurden. Das Nordgebiet (278) und das Westgebiet (204) vervollständigen die Liste. Fast alle diese Bußgelder wurden wegen Drogenbesitzes verhängt. Dies geschieht üblicherweise in Vierteln, in denen Drogenhandel verbreitet ist, aber manchmal auch auf den örtlichen Musikfestivals.
Der "Bußgeldkatalog" bei außergerichtlichen Einigungen zeigt Wirkung
Die Geldstrafe reicht von 75 € (beispielsweise für Cannabisbesitz) bis 300 €. Letztere Strafe gilt beispielsweise für Personen, die mit Kokain, LSD oder Ecstasy erwischt werden. Kunden, die verschiedene Drogen mit sich führen, können sogar noch tiefer in die Tasche greifen - bis zu einem Höchstbetrag von 500 €. Bei höheren Beträgen erstattet die Polizei Anzeige. Dann geht der Fall vor Gericht.
Die Anwendung von sofortigen außergerichtlichen Einigungen gegen Drogenkonsumenten bietet mehrere Vorteile. Sie erspart Polizei und Gerichten in der belgischen Hauptstadt viel Verwaltungsaufwand, der bei einer Anzeige oft anfällt. Das Verfahren verhindert außerdem, dass Anzeigen aufgrund von Personalmangel bei der Staatsanwaltschaft einfach nur zu den Akten gelegt werden.
„Als Beamter ist es nicht gerade motivierend zu wissen, dass wahrscheinlich keine Maßnahmen ergriffen werden, wenn man einen Dealer oder einen seiner Kunden erwischt hat“, sagte Polizeipräsident Johan Berckmans aus der Zone West gegenüber VRT NWS: „Mit einer Politik der Ahndung durch sofortige Einigungen sieht das anders aus.“ Die Zone geht so vor allem an Drogen-Hotspots in ihrem Einsatzgebiet ein: „An mehreren Drogenumschlagplätzen, die früher stark frequentiert waren und teilweise sogar als Drive-in-Shop genutzt wurden, ist die Zahl der entsprechenden Aktivitäten deutlich zurückgegangen.“
Polizeizone Süd
Die Polizei beobachtet die Auswirkungen vor Ort. „An mehreren Drogenumschlagplätzen, die früher stark frequentiert waren, ist die Aktivität deutlich zurückgegangen“, verlautet aus der Brüsseler Polizeizone. Hier waren vor allem die Sozialwohntürme am Peterbos ein Problemviertel. Hierher kamen „Kunden“ aus Brüssel und Umgebung mit dem Auto her, um ihre Drogen, oft Kokain, quasi am Drive-in der Dealer abzuholen.
Die Zone Brüssel-Hauptstadt hingegen hält es für verfrüht, die vollen Auswirkungen schon jetzt abzuschätzen, so BRUZZ, sieht aber ebenfalls ermutigende Anzeichen: „Es wird mehr Zeit und eine Kombination mit anderen Maßnahmen nötig sein (...). Dennoch deuten erste Beobachtungen auf einen Trend zu einem Rückgang der Präsenz von Straßenkonsumenten in den betroffenen Vierteln hin.“
Die Zone weist darauf hin, dass bei der Bekämpfung von Drogenkonsumenten auch der medizinische Aspekt berücksichtigt werden sollte. Die Brüsseler Staatsanwaltschaft betont, dass die Bekämpfung der Drogennachfrage nur ein Aspekt im Kampf gegen Drogen ist. Die hier beschriebene Vorgehensweise ist aber inzwischen in ganz Brüssel verpflichtend, so Staatsanwalt Julien Moinil: „Den wahren Effekt können wir erst langfristig messen. Drogen sind eine Plage, die sowohl die Nachfrage als auch das Angebot betrifft.“
"Normalisierung fördert Konsum"
Neben der Staatsanwaltschaft und der Polizei hat sich auch die nationale belgische Drogenbeauftragte Ine Van Wymersch für ein solches Vorgehen gegen Drogenkonsumenten ausgesprochen. „Wenn ein Viertel unbewohnbar wird, kann die gezielte Bekämpfung der Konsumenten Teil der Strategie sein“, sagte sie bereits vor einiger Zeit gegenüber BRUZZ: „So signalisiert man den Anwohnern, dass man ihre Probleme ernst nimmt und sendet ein klares Signal an die Gesellschaft: Drogenerwerb ist nicht akzeptabel. Denn die Normalisierung des Drogenhandels ist einer der Faktoren, die Menschen zum Konsum animieren.“
Die sofortige außergerichtliche Einigung wird in der Region Brüssel-Hauptstadt deutlich häufiger angewendet als anderswo in Belgien. Laut Bundesstaatsanwaltschaft werden mittlerweile 28 % aller Bußgelder in dieser Form in Belgien in Brüssel verhängt. Außerhalb der Region werden Bußgelder zudem häufiger für andere Delikte als für Drogenvergehen verhängt.
Das Viertel Marbotin in Schaarbeek wird ab Januar zum "Hotspot" im Kampf gegen Drogenkriminalität
Das Viertel Marbotin in der Brüsseler Gemeinde Schaarbeek wird ab Januar 2026 offiziell in die Liste der sogenannten „Hotspots“ im Kampf gegen die Drogenkriminalität aufgenommen, in denen eine koordinierte Drogenbekämpfung stattfindet. Dies gab die Bürgermeisterin von Schaarbeek, Audrey Henry (MR), diese Woche bekannt. In dem Viertel, das am 7. November Schauplatz einer tödlichen Schießerei war, gelten bereits verschiedene vorübergehende Maßnahmen, darunter ein Verbot von Versammlungen mit mehr als fünf Personen im öffentlichen Raum sowie verstärkte Sicherheits- und Personenkontrollen.
Laut Bürgermeisterin Henry, eine frankophone Liberale, haben sich die Lebensbedingungen in ihrer Gemeinde und spezifisch in diesem Viertel verschlechtert und die Bewohner fühlen sich zunehmend unsicher: „Im Viertel Marbotin kam es 2025 zu mehreren Fällen von vorsätzlicher Gewalt und Verletzungen – darunter auch solche mit Waffeneinsatz, Schlägereien, ein versuchter Mord an einem Polizeibeamten, Steinwürfe und Schießereien, die glücklicherweise bis dahin keine Todesopfer forderten.“ Nach der tödlichen Schießerei im November aber sei die Situation für die Anwohner unerträglich geworden.
Indem das Viertel Marbotin zu einem regionalen „Hotspot“ erklärt wird, können die städtischen und regionalen Behörden im Kampf gegen den Drogenhandel enger zusammenarbeiten, versichert Bürgermeisterin: „Dies ermöglicht auch, innerhalb eines regionalen Rechtsrahmens zu agieren und verschiedene, der Situation angemessene Maßnahmen zu ergreifen.“
