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Widerstand im Zweiten Weltkrieg: Wie "Le Faux Soir" den deutschen Besatzern mutig und humorvoll trotzte

Herbst 1943. Brüssel ist seit drei Jahren von den Deutschen besetzt. Die Ausgangssperre zwingt alle Stadtbewohner, früher als gewöhnlich nach Hause zu gehen. Lebensmittel, Heiz- und Kraftstoff sind knapp. Willkürliche Razzien und Deportationen sorgen für eine Atmosphäre der Angst. Propaganda überschwemmt das Land: Kollaborierende Zeitungen loben die Nazis und verurteilen die Alliierten. Doch hinter verschlossenen Türen wächst der Widerstand.

Andreas Kockartz
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Am 9. November 1943 geschieht etwas Außergewöhnliches. Eine neue Ausgabe von „Le Soir“, der bekanntesten Zeitung des Landes, ist an den Kiosken erhältlich. Auf den ersten Blick scheint alles normal: Format und Layout sind vertraut. Doch wer die Artikel liest, merkt schnell, dass hier etwas nicht stimmt.

Deutsche Erfolge an der Ostfront entpuppen sich als Fehlschläge, Kollaborateure werden verhöhnt, und der Ton ist von Spott und Ironie geprägt. Die Brüsseler kicherten und lachten sogar laut auf. Die Brüsseler Newsplattform BRUZZ blickt in ihrer Reihe Big City auf diese Geschichte zurück.

Die Zeitung jenes Tages war keine gewöhnliche Ausgabe, sondern eine meisterhafte Fälschung, die als „Le Faux Soir“ („Der falsche Soir“) bekannt wurde - Eine Aktion des Widerstands, sorgfältig ausgearbeitet von einer Gruppe mutiger Männer und Frauen der „Front de l’Indépendance“ (etwa „Die Front der Unabhänigkeit“), der wichtigsten Widerstandsorganisation im besetzten Belgien.

Eine kleine Gruppe arbeitet versteckt

Die Idee stammte von Marc Aubrion, alias „Yvon“, einem ehemaligen Journalisten von „Le Soir“, der sich 1943 dem Widerstand angeschlossen hatte. Aubrion wollte eine gefälschte Version der zensierten Zeitung veröffentlichen, um den Feind zu verspotten und die Moral der Brüsseler Bevölkerung zu stärken. Er wollte auch zeigen, dass die Belgier noch immer frei denken konnten.

Marc Aubrion erhielt Unterstützung von René Noël. Gemeinsam stellten sie eine kleine Gruppe vertrauter Mitarbeiter zusammen, die aus dem Typografen Fernand Demany, dem Staatsanwalt Adrien van den Branden de Reeth, dem Anwalt Pierre Ansiaux und dem Drucker Ferdinand Wellens bestand. Durch einen Widerstandskämpfer in der Redaktion des echten „Le Soir“ gelangten sie sogar an das Logo und die Originalschriftarten.

Zum Verwechseln ähnlich

So sah die gefälschte Zeitung dem Original zum Verwechseln ähnlich. Die Vorbereitungen dauerten kaum drei Wochen. Die Zeitung wurde unter strengster Geheimhaltung in einem Studio in der Ruysbroeckstraat 35 in Brüssel gedruckt. Am späten Nachmittag des 9. November begannen die Widerstandskämpfer mit der Verteilung. Hunderte von Bündeln wurden heimlich an Kioske und belebte Orte wie die Börse, die Naamse Poort sowie die Brüsseler Bahnhöfe Nord und Süd geliefert.

Einigen Paketen war ein Zettel beigefügt: „Aufgrund eines technischen Defekts folgen die restlichen Exemplare um 18 Uhr.“ Der Trick funktionierte: Die Kioskbetreiber hielten die Zeitung für eine reguläre Ausgabe. Doch das blieb nicht ohne Folgen.

Innerhalb weniger Stunden kursierte „Le Faux Soir“ in ganz Brüssel. Die Reaktion war euphorisch. Die Menschen lachten, lasen die Artikel laut vor und reichten die Zeitung herum. Plötzlich herrschte in der Stadt eine Atmosphäre der Begeisterung und des Stolzes.

Das Lachen blieb nicht ohne Folgen

Die deutschen Behörden reagierten wütend. Eine großangelegte Untersuchung unter der Leitung des Sipo-SD wurde eingeleitet. Im Februar 1944 wurde die Druckerei entdeckt. Es folgten rasch Verhaftungen. Ferdinand Wellens, Théo Mullier, Julien Oorlynck, Henri Vandevelde, Pierre Balencourt und später auch Marc Aubrion selbst wurden verhaftet. Einige von ihnen wurden später deportiert. Wellens und Mullier kehrten nie zurück und starben in Konzentrationslagern.

Aubrion wurde zum Tode verurteilt, die Strafe wurde jedoch in fünfzehn Jahre Zwangsarbeit umgewandelt. Er wurde nach Bayreuth deportiert und im April 1945 von den Amerikanern befreit. Die Narben seiner Gefangenschaft sollten ihn sein Leben lang begleiten. Dennoch ist „Le Faux Soir“ eine Geschichte von Mut, Einfallsreichtum und Humor. Journalismus und Humor wurden als Waffen gegen die Besatzungsmacht eingesetzt.

Die Aktion zeigte, dass die deutschen Besatzer nicht alles kontrollieren konnten und dass selbst in Zeiten der Unterdrückung der belgische Geist der Satire und des Spottes fortbestand. Was als „verrückte Idee“ begann, wurde zu einem legendären Symbol des Widerstands. „Le Faux Soir“ bewies, dass Lachen in den dunkelsten Tagen der Besatzung auch eine Form der Freiheit sein konnte. Diese Geschichte soll sogar verfilmt werden… 

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