Ein Team flämischer Wissenschaftler hat die verschollene Insel Testerep erstmals vollständig kartiert. Bis ins Mittelalter hinein lag diese Insel vor der belgischen Küste zwischen Ostende und Westende. In nur 1.500 Jahren ist das Meer 3 Kilometer ins Landesinnere vorgedrungen. „Wir müssen uns dessen bewusst machen, wie verletzlich unsere Küste tatsächlich ist,“ so die Wissenschaftler.
"Testerep", die verschollene Insel vor der belgischen Küste, vollständig kartiert: "Unsere Küste ist verletzlicher als wir denken"
Seit Jahrhunderten ist bekannt, dass vor der belgischen Küste, irgendwo zwischen Westende und Ostende, eine heute verschwundene Insel existiert haben muss. Der Name „Testerep“ taucht mehrfach in mittelalterlichen Quellen auf und auch aktuelle Reliefkarten zeigen, dass die Küstenlinie von zahlreichen Kanälen durchzogen ist. Durch Forschungen an Land und auf See ist aber jetzt genau identifiziert, wo diese Insel gelegen haben muss und welche Funktion sie innerhalb des Küstensystems hatte.
„Die Insel war Teil eines sogenannten Barriere-Inselsystems“, erklärte Archäologin Soetkin Vervust von der flämischen Freien Universität Brüssel (VUB), Koordinatorin des Testerep-Projekts gegenüber VRT NWS. Im Rahmen dieses Projekts rekonstruierten Forschende der VUB, des Flämischen Instituts für die See (VLIZ) und der Katholischen Universität Löwen (KU Leuven) die ehemalige Landschaft der zentralen belgischen Küste.
„Unter Wasser stießen wir auf uralte, verschüttete Gezeitenkanäle. Das sind ehemalige Wasserwege, durch die das Meer bei Ebbe und Flut ins Landesinnere floss“, erklärte Vervust weiter. Zwischen diesen Kanälen lagen Inseln: „Man muss sich unsere frühe Küstenlinie als eine Reihe von Sandinseln vorstellen, die die Küste vor dem Meer schützten, ähnlich wie die Watt-Inseln in den Niederlanden heute.“ Der Kanal bei Nieuwpoort reichte mindestens 3 km ins Landesinnere, der bei Ostende etwa 4 km. Sie waren zwischen etwa 5.500 v. Chr. und 500 n. Chr. aktiv. Zwischen dem 3. und 8. Jahrhundert begann der seewärtige Teil der Barriere-Insel Testerep allmählich zu erodieren.
Wahrscheinlich bewohnt
Leben denn Menschen auf Testerep? Möglicherweise: „In den Bodensedimenten sehen wir, dass es zwischen den vielen Buchten auf der Insel geschützte Stellen gegeben haben muss. Dort fanden wir Spuren von Süßwasserpflanzen. Das deutet darauf hin, dass diese Gebiete relativ gut vor dem Meer geschützt und daher wahrscheinlich bewohnbar waren.“ Die Bohrungen und Scans der Forscher brachten an der Fundstelle von Testerep selbst keine direkten Artefakte zutage – also keine Töpfe, Holzreste oder Bauwerke. „Das heißt aber nicht, dass dort nie Menschen gelebt haben“, sagt Vervust.
„Wir wissen, dass die Küstenlinie selbst in römischer Zeit noch etwa 3 km weiter draußen im Meer lag als heute. Das System aus Inseln und Buchten war damals noch intakt. An den heutigen Stränden entdecken wir regelmäßig Funde aus der Römerzeit, die wahrscheinlich von weiter draußen im Meer stammen. Das deutet darauf hin, dass es tatsächlich eine menschliche Präsenz auf oder um Testerep gab.“
Verschwunden durch heftige Stürme?
Nachdem es den Forschern gelungen ist, die Lebensdauer von Testerep zu bestimmen (von 5500 v. Chr. bis etwa 500 n. Chr.), können sie jetzt auch genauer untersuchen, wie die Insel tatsächlich verschwand. Das ist derzeit noch unklar. „Wir wissen bereits, dass sich der Anstieg des Meeresspiegels in diesem Zeitraum nicht sprunghaft verändert hat, daher kann dies nicht die alleinige Ursache sein“, so Vervust.
Eine mögliche Erklärung sind schwere Stürme: „Aus historischen Quellen wissen wir beispielsweise, dass ein Teil des mittelalterlichen Ostendes im 14. Jahrhundert während eines schweren Sturms vom Meer verschluckt wurde. So ging das ‚alte‘ Ostende verloren. Wir vermuten, dass solche Stürme auch zum stückweisen Verschwinden von Testerep beigetragen haben könnten. Wir wollen jetzt untersuchen, wie häufig diese Stürme auftraten. Ob sie kurz nacheinander folgten und ob es dazwischen ruhige Perioden gab.“
Wichtige Erkenntnisse zum Klimawandel
Laut Vervust ist die Kartierung von Testerep aus zwei Gründen wichtig: „Erstens hilft sie uns zu verstehen, wie sich eine natürliche Küstenlinie langfristig verhält. Wir erfahren, wie Sand und Sedimente transportiert werden, wo Erosion auftritt und wie lange solche Inseln stabil bleiben. Dieses Wissen ist unerlässlich, um das zukünftige Küstenmanagement besser an die natürlichen Prozesse anzupassen.“
Darüber hinaus zielt die Forschung auch darauf ab, das Bewusstsein für den Klimawandel zu schärfen: „Der Meeresspiegel steigt heute schneller als je zuvor – durchschnittlich um 2,4 Millimeter pro Jahr in den letzten 75 Jahren und diese Rate nimmt weiter zu. In der Vergangenheit, als der Anstieg deutlich langsamer war, verschob sich die Küstenlinie jedoch innerhalb von nur 1.500 Jahren um 3 km ins Landesinnere. Dies verdeutlicht, wie drastisch die Folgen eines langfristigen Meeresspiegelanstiegs sein können.“
Vervust schlussfolgert: „Wir müssen uns dessen bewusst machen, wie verletzlich unsere Küste tatsächlich ist. Zu glauben, dass sie automatisch so bleiben wird, wie sie jetzt ist, ist eine Illusion.“
