In der Leipziger Thomaskirche, der Wirkungsstätte des deutschen Barockkomponisten Johann Sebastian Bach, wurden zwei seiner „neuen“ Orgelwerke mehr als drei Jahrhunderte nach ihrer Entstehung uraufgeführt. Die Partituren, die in der Königlichen Bibliothek Belgiens in Brüssel (KBR) entdeckt wurden, konnten erst nach jahrelanger intensiver Forschung Bach zugeschrieben werden.
Zwei Werke von Johann Sebastian Bach in Brüssel entdeckt und nach über 300 Jahren in Leipzig erstmals wieder aufgeführt
„Eine Weltsensation, ein magischer Moment“: Der deutsche Kulturminister Wolfram Weimer zeigte sich sichtlich bewegt von der „neuen“ Orgelmusik Johann Sebastian Bachs. Sie wurde am Montagnachmittag in Leipzig erstmals seit über 300 Jahren aufgeführt. Die Ehre gebührte dem niederländischen Organisten Ton Koopman, einem Bach-Interpreten par excellence und Vorsitzenden des Bach-Archivs.
Ciacona in d-Moll BWV 1178
Es kommt daher nicht oft vor, dass "neue" Musik von Johann Sebastian Bach (1685–1750) auftaucht. Zuletzt geschah dies vor etwa 20 Jahren. Doch die Forschung sucht weiterhin nach seinen Werken. Diesmal mit Erfolg. Jetzt wurden zwei Stücke gefunden, die mit Sicherheit Bach zugeschrieben werden. Es handelt sich um zwei Chaconnen, ursprünglich eine musikalische Tanzform mit vielen Variationen und einer kurzen, wiederholten Basslinie. Die handschriftlichen Partituren blieben anonym, stammen aber laut Musikwissenschaftlern tatsächlich von Johann Sebastian Bach. Er komponierte sie im frühen 18. Jahrhundert als junger Mann.
Peter Wollny, der Direktor des Bach-Archivs, beschrieb seine Forschung detailliert. Die beiden anonymen, also nicht unterzeicheten Partituren wurden in einer Sammlung von Orgelmusik in der Königlichen Bibliothek von Belgien in Brüssel entdeckt. Vergleichende Handschriftenforschung mit anderen Texten und Musikmanuskripten führte zu einem Schüler Johann Sebastian Bachs, der die Musik wahrscheinlich um 1705 von seinem Lehrer kopiert hatte.
Ciacona in g-Moll, BWV 1179
Darauf folgten umfangreiche musikwissenschaftliche Untersuchungen zur Struktur und zum Stil der Stücke. Auch hier ist die Einschätzung der Experten eindeutig: Sie können nur von einem jungen Johann Sebastian Bach stammen. Eine der beiden Chaconnen kann sogar als Vorstudie für ein anderes Werk Bachs betrachtet werden.
„Heute können wir mit Sicherheit sagen, dass die Kopien um 1705 von Salomon Günther John, einem Schüler Bachs, angefertigt wurden. Stilistisch weisen diese Werke zudem Merkmale auf, die typisch für Bachs Kompositionen jener Zeit sind und sich bei keinem anderen Komponisten finden“, so Peter Wollny. Die „Ciacona in d-Moll BWV 1178“ und die „Ciacona in g-Moll BWV 1179“ werden jetzt hoffentlich ihren Platz im musikalischen Leben finden, schloss Peter Wollny: „Jeder gefundene Stein trägt zum Mosaik dieses außergewöhnlichen Komponisten bei.“
„Es ist, als sei nach jahrelanger intensiver Forschung eine Flaschenpost aus der Vergangenheit eingetroffen“
Deutschlands Kulturminister Wolfram Weimer
„Diese Musik ist rund 320 Jahre alt und klingt, als sei sie für die heutige Zeit geschrieben worden. Bach hat der Menschheit ein Geschenk gemacht. Er hat die Ewigkeit in Klang übersetzt,“ sagte Deutschlands Kulturminister Wolfram Weimer (parteilos) zu diesem Fund.
Diese bisher unbekannte Bach-Musik war somit in Brüssel, genauer gesagt im Fonds Fétis der Königlichen Bibliothek Belgiens, verborgen. Dies ist eine monumentale Sammlung, die vom Musikwissenschaftler und Komponisten François-Joseph Fétis (1784–1871), dem ersten Direktor des Königlichen Konservatoriums Brüssel, zusammengetragen wurde. Seine Sammlung umfasst auch ein Manuskript von Bach selbst: die Suite für Laute BWV 995 (eine Bearbeitung der fünften Cellosuite, BWV 1011).
„Wir freuen uns besonders, dass unsere Bach-Sammlung heute um zwei neue Werke bereichert wird“, sagt Marie Cornaz, Kuratorin der Musikabteilung der Königlichen Bibliothek von Belgien: „Mit der Sammlung François-Joseph Fétis bewahrt die KBR einen außergewöhnlichen Schatz an kostbaren Manuskripten und Drucken aus dem 15. bis 19. Jahrhundert, der für die internationale musikwissenschaftliche Forschung von unschätzbarem Wert ist. Unsere Institution zählt zu den bedeutendsten Referenzbibliotheken Europas.“


